Bayern 2 - Zündfunk

"Songs of Gastarbeiter Vol. 2" Imran Ayatas und Bülent Kullukcus neuer Sampler glänzt mit Gastarbeiter-Songs aus Griechenland und Spanien

Der Autor Imran Ayata und der Künstler Bülent Kullukcu arbeiten seit Jahren daran, die Musik und Kunst der sogenannten „Gastarbeiter“-Generation zu ehren und wiederzubeleben. Vor acht Jahren veröffentlichten sie die Compilation „Songs of Gastarbeiter“ auf Trikont und brachten uns großartige Musiker wie Ata Canani und Yüksel Özkasap nahe. Jetzt ist der zweite Teil der Reihe erschienen.

Von: Tobias Ruhland und Alba Wilczek

Stand: 12.01.2022

Der Autor Imran Ayata und der Künstler Bülent Kullukcu nennen sich zusammen AKYU. | Bild: Akyu

Am 14. Januar erscheint beim Münchner Trikont-Label eine neue Compilation: "Songs of Gastarbeiter Vol. 2". Das formidable Volume 1 ist acht Jahre alt, darauf waren ausschließlich türkisch-stämmige Musiker und Musikerinnen zu hören. Bei Volume 2 geht es darum, auch ein Schlaglicht auf spanische, griechische und andere Gastarbeitermusik zu werfen. Mit dabei unter anderem: Tony y Los Santos und Los Binkis aus Spanien, Minotauros aus Griechenland und Balkan-Pop-Ikone Shantel.

Die Geschichte der Gastarbeiter-Migration – in Form von Musik

Ata Canani

Die Compilation-Macher sind der Berliner Autor Imran Ayata und der Münchner Künstler Bülent Kullukcu. Ayata war Stammgast in der einstigen Zündfunk-Kolumne "Fernschreiber". Am ursprünglichen Ansinnen von Ayata und Kullukcu hat sich nichts verändert: nämlich die Geschichte der Einwanderung und Migration der ersten Gastarbeitergeneration anders zu erzählen, aus einer anderen Perspektive und in einer anderen Form, nämlich über die Musik. Zum Beispiel die des Sängers Ozun Ata Canani. Im Zuge der ersten Songs of Gastarbeiter-Compilation hat Canani nach 40 Jahren wieder angefangen Musik zu machen und sein Solo-Debüt aufgenommen – unser Album der Woche im Juni 2021. Auch auf Volume 2 ist er wieder dabei.

Im Interview erzählt Imran Ayata, dass ihm noch ein anderer Gedanke wichtig ist bei diesem Projekt: Es geht ihm darum, einen bewussten Gegenakzent zu setzen: „Weil gerade in der zweiten und dritten Generation schon immer wieder, so meine persönliche Beobachtung, eine gewisse Distanzierung gegenüber der 1. Generation geschieht. Die waren nicht so cool, konnten nicht so gut deutsch, hatten nicht so viele Möglichkeiten. Das Songs of Gastarbeiter-Projekt war von Tag 1 an schon der Versuch zu zeigen, dass es ganz viel in diesem Land gab. Es wurde viel Musik gemacht und produziert, zum Teil mit wahnsinnig schwierigen Rahmenbedingungen und es wurde versucht, sich Gehör zu verschaffen."

Keine Übersetzungen im Booklet - es geht um die Musik

Kulturelle Selbstermächtigung ist das Stichwort. Auf "Songs of Gastarbeiter Vol. 2" sind auch Stücke gelandet, die extra dafür neu aufgenommen wurden, weil es sie bisher nicht auf Tonträger gab. Ein Song zum Beispiel, den die Gewerkschaften Anfang der 80er Jahre gesungen haben. Es ist ein Song, der den klassischen 1. Mai-Lieder-Themen-Kanon bedient: Arbeitsbedingungen, Ausbeutung, Wertschätzung. Er wurde beim Disko-Partizani und Weltmusiknomaden Shantel aufgenommen, der mehrfach auf der Compilation auftaucht.

Im Beiheft gibt es jede Menge Info zu allen Bands – jedoch fehlt jede Spur von Lyrics-Übersetzungen der Songs. Das war eine ganz bewusste Entscheidung von Imran Ayata, wie er berichtet: „Wir wollen kein Seminar machen und nicht Teil der Multikulti-Verständigungsindustrie sein, sondern uns geht’s um die Musik. Wenn ich jetzt einen portugiesischen Song höre, oder einen englischen, frage ich mich auch nicht automatisch, was singen die? Inzwischen haben wir auch technische Möglichkeiten wie Google Translator, wo man zum Beispiel Tony Y Los Santos Lyrics einkopieren kann und dann finde ich das auch.“

Songs of Gastarbeiter Vol. 3 ist längst in Arbeit

Imran Ayata und Bülent Kullukcu waren und sind immer noch erstaunt von der anhaltenden Resonanz auf ihr Songs of Gastarbeiter-Projekt. Sogar in den USA und Großbritannien waren die beiden für Vorträge und Veranstaltungen eingeladen, wie sie erzählen: „Weil immer mehr Menschen auch verstehen und kapieren: Migration ist jetzt nicht irgend so eine temporäre Randerscheinung, sondern ein Konstitutiv unserer Gesellschaft, also sehr prägend, sehr wichtig. Als wir in London waren und auf der Bühne die Lieder präsentiert haben, war es bewegend zu erleben, wie das Publikum diese Musik angenommen hat, ohne die Geschichte zu kennen. Es war schön zu sehen, wie der Rhythmus und der Sound über Landesgrenzen hinaus funktioniert.“

Für Imran Ayata und Bülent Kullukcu ist ihre Arbeit längst nicht vorbei. Volume 3 von "Songs of Gastarbeiter" ist längst in Arbeit, denn es steht noch einiges auf dem Zettel: Italienische Gastarbeitersongs zum Beispiel – und dann der Traum, dass deutsche Bands und Künstlerinnen anfangen, diese Songs neu zu interpretieren. Mögliche Wunsch-Interpreten der beiden: Tocotronic oder Westbam.