Bayern 2 - Zündfunk


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Ozan Ata Canani im Interview "Ich habe den Weg für Musiker mit orientalischen Klängen in Deutschland eröffnet"

Ata Canani kam als Kind in den 70ern aus der Türkei nach Deutschland. Bei einer Hochzeit fragte ihn einmal eine deutsche Familie, warum er denn nicht auch auf Deutsch singe. So entstanden schon damals die wahrscheinlich ersten auf Deutsch getexteten Lieder eines sogenannten „Gastarbeiterkindes“. Über 40 Jahre später ist nun das erste Album von Ata Canani da.

Von: Ralf Summer

Stand: 07.06.2021

Musiker Ata Canani | Bild: Frederike Wetzels

Eine Biografie, die gerade in die deutsche Pop-Geschichte eingeht: Ata Canani kam als Kind eines sogenannten „Gastarbeiters“ in den 70ern aus der Türkei nach Deutschland. In den späten 70ern entstanden die wahrscheinlich ersten auf Deutsch getexteten Lieder eines sogenannten „Gastarbeiterkindes“. Über 40 Jahre später, ist das erste Album von Ata Canani da. Das Release-Konzert wurde auf der Homepage der Münchner Kammerspiele gestreamt. Ata freut sich, dass ihn nun die dritte türkische Einwanderer-Generation gerade entdeckt. Aber von vorne, wie alles anfing, erzählt Ata im Gespräch mit Ralf Summer.

Zündfunk: Wie ist es denn eigentlich zu den deutschen Liedern gekommen? Du hast erst mal auf türkischen Hochzeiten gespielt, oder?

Ata Canani: Mein Vater hat 1978 in Köln einen Job gefunden. Da hat er dann in einer Baracke gewohnt, zwei Monate lang eine Wohnung gesucht und uns dann auch nachgeholt. Das heißt ’78 bin auch ich nach Köln gekommen. Und da bin ich erstmal in eine türkische Hochzeitskapelle reingeraten, hatte später dann aber auch meine eigene Gruppe. Wir waren zwar nicht so viele Musikanten wie jetzt üblich, waren aber freitags, samstags, sonntags voll gebucht. Ihr müsst wissen: Bei Hochzeitsfeiern von uns, wenn da tausend Gäste kommen, dann ist das ganz normal. Ich habe sogar auch mal vor 3.500 Leuten auf einer Hochzeit gespielt. Da kommen die Verwandtschaften von überall aus Europa. Bei Hochzeitsfeiern wird ja Tanzmusik gespielt und während dem Essen so zwischen acht und neun Uhr habe ich ruhigere Musik gespielt. Und da kam dieses deutsche Paar zu mir und sagte: „Ata, was hast du da gesungen? Worum geht es? Wir haben sehr gut beobachtet: Also du am Singen warst, waren alle Leute traurig und nachdenklich. Was war los?" Und da antwortete ich: Sehnsucht. Das sind überwiegend Sehnsuchtslieder, auch über diese Stationen hier, die Arbeitsplätzen hier in Deutschland. Darum geht es. Und dann fragte das Paar wieder: „Warum klappt das nicht in deutscher Sprache, damit wir das auch verstehen können?" Und das war der erste Punkt. Oben drauf kam dann noch das Heft der „IG Metall“. Das kam einmal im Monat raus, und da stand drin: „Arbeitskräfte gerufen, Menschen gekommen". Ein Satz von Max Frisch. Das hat mich auch direkt reingezogen. Und dann habe ich Lieder wie „Deutsche Freunde“ geschrieben und gesungen. Die türkischen Leute, also meine eigenen Leute, die haben mich ausgelacht, weil das auch ein bisschen außergewöhnlich für die war, mit einem türkischen Instrument Deutsch zu singen. Und die haben mich nicht verstanden, weil sie die deutsche Sprache nicht kannten. Aber die dritte Generation jetzt, die hören mich gerne, weil die wissen, worum es geht.

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Ata Canani - Deutsche Freunde | Bild: Trikont Unsere Stimme (via YouTube)

Ata Canani - Deutsche Freunde

Für die warst du auch der allererste, der es gemacht hat, oder? Also du bist der absolute Pionier, der erste, der auf Türkisch und Deutsch gesungen hat.

Ja, das merken die Leute jetzt. „Deutsche Freunde“ ist ein Lied von ’78, da hatte ich ein paar Fernsehauftritte. Die Texte haben die deutschen Zuhörer verstanden, aber die Musik war zu orientalisch für die westlichen Ohren. Ich habe sozusagen den Weg für nachfolgende Musiker mit orientalischen Klängen eröffnet. Und jetzt haben wir hier jede Menge solche Musiker, die auch berühmt sind. Ich bin stolz auf sie!

Dann hast du also ein Lied geschrieben und danach ist dann lange nichts passiert.

Ja, genau. Während dieser Zeit und nach den paar Fernsehauftritten hat sich dann nichts ergeben. Da habe ich dann weiter mit der Musikkapelle gemacht, hab auf Hochzeiten gespielt und war eben mit meiner Gruppe zusammen unterwegs. Die hat sich danach auch aufgelöst. Inzwischen war ich auch verheiratet, hatte Kinder und Frau. 2013 habe ich dann einen Anruf bekommen. Also mir hatte vorher jemand über Facebook geschrieben: Der hatte vor, „Deutsche Freunde“ aufzunehmen. Ich dachte, da scherzt jemand mit mir. Man schreibt '78 ein Lied und nach 35 Jahren ruft dich einer an. Da kommt man schon auf Ideen. Das waren übrigens Imran Ayata und Bülent Kullukcu. Und die haben mich in das Musikleben zurückgeholt. Das Lied erschien dann bei Trikont, hier in München.

Auf der Compilation „Songs of Gastarbeiter“, oder?

Ja, genau. Da kommt übrigens bald Volume 2. Im Herbst zum 60. Jubiläum des Tages, an dem die ersten Türken nach Deutschland kamen. Das ist direkt um die Ecke gewesen, am Münchner Hauptbahnhof auf Gleis 11. Da haben die ersten Gastarbeiter mit ihren Füßen deutschen Boden betreten.

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Ozan Ata Canani  - Alle Menschen Dieser Erde (Offical Video) | Bild: Fun in the church (via YouTube)

Ozan Ata Canani - Alle Menschen Dieser Erde (Offical Video)

Auf der Platte singst du in einem Lied auch, dass du vor dem Gasthaus wartest und nicht rein darfst.

„Stell dir einmal vor“ heißt das. Da muss ich immer sagen: In Bremerhaven hatte ich überhaupt keinen ausländerfeindliche Gefühle erlebt oder auch gesehen. Das ist natürlich auch ein bisschen eine kleinere Stadt gewesen, damals, wo wir da als Kids aufgewachsen sind. Aber dann bin ich nach Köln gekommen. Und eines Tages war ich mal spazieren und wollte zu einem Arbeiterverein. Wir haben da so einen schönen Platz in Köln, den Herbertplatz. Ich hatte diesen Zettel in meiner Hand und wollte einen Mann fragen, wo eine Straße ist. Da kam dann „Nee, nee, nee, ich will mit Ausländern gar nichts zu tun habe"‘. Der hat dann auch einen Bogen um mich gemacht und ist an mir vorbeigelaufen. Also, da sinkst du schon physisch ab. Dann war da noch eine Wand mit „Ausländer raus“, „Türken unerwünscht“ und viele Hakenkreuze und Nazi-Parolen waren auch da. Ich war gerade einmal zwei bis drei Monate in Köln und begegne solchen Menschen und Dingen. Ich hab mich gefragt: Wo bist du gelandet? Und dann habe ich „Stell dir einmal vor“ geschrieben. Ganz zum Schluss kommt da ein Schrei: „Ausländer raus, raus, raus!“ So richtig laut. Das ist ein Schrei der Angst, des Schreckens, der Verzweiflung. Ein sehr trauriges Lied. Ich glaube, ich habe aber doch etwas Gutes für die erste Generation von meinen Leuten gemacht.

Du hast definitiv etwas angestoßen.

Ja, angestoßen. Und die haben alle gesagt: „Ata, wir danken dir. Wir würden das nie machen". Wenn ich jetzt Konzerte gebe, die Jugendlichen, die singen die Texte mit mir. Ich hätte nie gedacht, dass das so weit vorankommen wird. Das ist mein zweiter Frühling sozusagen.

Was ist das für ein Gefühl, dass jetzt erst deine Zeit kommt?

Das kann ich mit Wörtern nicht erzählen. Das muss man fühlen. Die ganze Zeit, dein Leben lang, machst du Musik. Und auf einmal wirst du bekannt. Ich freue mich. Danke!


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