Bayern 2 - Zündfunk

Bestseller-Autorin Sofi Oksanen „Es gibt viel Unwissenheit in Bezug auf die Ukraine“

Ihr Roman „Fegefeuer“ war ein internationaler Bestseller: Die finnisch-estnische Autorin Sofi Oksanen schreibt über das kleine Estland, die große Sowjetunion – und immer wieder über die Ausbeutung von Frauenkörpern. Ein Gespräch über Literatur, Politik und Putin.

Author: Paula Lochte

Published at: 25-11-2022

Die finnische Schriftstellerin Sofi Oksanen | Bild: picture alliance / dpa | Balazs Mohai

Zündfunk: Ihr jüngster Roman „Hundepark“ spielt überwiegend in der Ukraine. Das Buch ist kurz vor dem russischen Angriff vom 24. Februar erschienen. Hatten Sie schon eine dunkle Ahnung, dass so etwas passiert?

Sofi Oksanen: Ich habe schon vor Jahren gesagt, dass es verdächtig nach Krieg riecht. Aber ich maße mir natürlich nicht an, gewusst zu haben, wann genau es so weit sein würde. Der Grund, warum ich den Roman „Hundepark“ schreiben wollte, war, dass westliche Länder nach 2014, also nach den proeuropäischen Protesten und dem Kriegsausbruch in der Ostukraine, das Interesse an der Ukraine verloren hatten. Deswegen hatte ich das Gefühl: Ich muss darüber schreiben!

Hatten Sie einen persönlichen Bezug zur Ukraine – oder woher kam Ihr Interesse an diesem Land?

Meine Mutter kommt aus Estland. Und aus estnischer Perspektive ist die Ukraine ein Land, das uns sehr nah ist. Denn sowohl Estland als auch die Ukraine standen unter sowjetischer Herrschaft. Und die Ukraine war damals ein beliebtes Urlaubsziel. Kinder haben Klassenfahrten in die Ukraine gemacht. Alle Esten, die ich kenne, sind schon mal in die Ukraine gereist. Und mein Vater, der aus Finnland kommt, hat dort gearbeitet. Das muss so in den Siebzigern oder Anfang der Achtziger gewesen sein. Ich hatte also schon immer einen Bezug zur Ukraine.

Welche Bedeutung hatte die Ukraine in Sowjetzeiten?

„Hundepark“ von Sofi Oksanen ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 23 Euro

Eine große Bedeutung! Die Ukraine, und vor allem die Donbass-Region, war so etwas wie das pochende Herz der Sowjetunion: das Herz der Industrialisierung, der hartarbeitenden Bergarbeiter. Eines der größten Kohlevorkommen weltweit liegt hier. Bilder davon spielten natürlich auch eine Schlüsselrolle in der sowjetischen Propaganda. Als die Sowjetunion zusammenbrach, verloren die Menschen im Donbass alles. Das ist wohl einer der Gründe, warum so viele von ihnen bis heute den alten Zeiten nachtrauern.  

Über Putins Propaganda, die den Krieg gegen die Ukraine rechtfertigen soll, haben Sie in einem Essay geschrieben: „Mir kommt das alles bekannt vor“. Inwiefern?

Putin rechtfertigt die illegale Invasion als angebliche Entnazifizierung der Ukraine. Diese Rhetorik ist den baltischen Staaten nur allzu bekannt. Denn die Sowjetunion hat die Besetzung der Baltischen Staaten mit denselben Worten gerechtfertigt: Man würde sie aus den Schlingen der Nazis befreien – und dann sind die Sowjets einfach geblieben. Aber damit war es nicht zu Ende. In Estland bezeichnen noch heute Angehörige der russischen Minderheit Esten als Faschisten. Das wurde zu einem gängigen rassistischen Schimpfwort. Nach dieser Logik sind alle Nicht-Russen Faschisten.

Die Länder, aus denen Sie beziehungsweise Ihre Eltern kommen, Finnland und Estland, haben beide sowjetische Besatzung erlebt. Was macht der russische Angriff auf die Ukraine mit den Menschen dort?

Estland ist bereits NATO-Mitglied, und nun tritt auch Finnland bei. Die öffentliche Meinung zum NATO-Beitritt hat sich von einem Tag auf den anderen geändert. 2003 ist mein erster Roman, „Stalins Kühe“, auf Finnisch erschienen. Einer der Gründe, warum ich das Buch schreiben wollte, war, dass Leute in meinem Alter in Finnland damals dachten, die Sowjetunion sei lange Geschichte. In Estland war es dagegen ganz anders! Putin war Präsident geworden und schon seine erste Amtszeit machte deutlich, uns steht nichts Gutes bevor. Die Art, wie er und seine Anhänger über Geschichte und die Sowjetunion gesprochen haben, hat bei allen baltischen Ländern die Alarmglocken schrillen lassen.

Sie sind nun auf Lesereise. Was wünschen Sie sich an Reaktionen auf ihr Buch – und darüber hinaus?

Es gibt viel Unwissenheit in Bezug auf die Ukraine. Dabei hat das Land eine extrem faszinierende Geschichte, die eine Inspirationsquelle für Literatur sein kann. Und Literatur ist auf jeden Fall ein guter Weg, ein Land Lesern näherzubringen. Wen das Nachrichtengeschehen eher kalt lässt, den reißt vielleicht ein guter Roman mit.