Bayern 2 - Zündfunk


32

Abstammungsrecht So werden lesbische Paare bei der Adoption von Kindern diskriminiert

Eltern werden ist für heterosexuelle Paare ganz leicht. Schwangerschaft, Geburt, Vater, Mutter, Kind. Alles legal und rechtlich geklärt. In einer lesbischen Beziehung ist Familie werden nicht so einfach. Das Abstammungsrecht sorgt dafür, dass zwei Mütter den bürokratischen Umweg über die Adoption gehen müssen. Dagegen rührt sich Widerstand.

Von: Anna Klühspies

Stand: 13.05.2020

Lesbische Mütter | Bild: picture-alliance, Keystone

Wenn Verena daran denkt, was in den nächsten Monaten auf sie zukommt, dann wird ihr schlecht. Dabei könnte gerade alles so schön sein. Sie und ihre Partnerin Anna, beide um die 30, bekommen ihr erstes Kind, Anna ist im fünften Monat schwanger. Die Vorfreude ist riesengroß. Aber fast genauso groß ist auch die Wut. Und die Sorge vor dem, was auf die beiden zukommt. Nach der Geburt des Kindes wird Verena ein Adoptionsverfahren für ihre Tochter durchlaufen müssen. Erst dann darf sie sich auch ganz offiziell als Mutter fühlen. "Ich freue mich voll auf das Kind und habe einfach Lust, um das Kind zu kümmern und will mich definitiv nicht mit irgendwelchen Anträgen oder Besuchen vom Jugendamt rumschlagen."

Warum werden Regenbogenfamilien immer noch diskriminiert?

Bei heterosexuellen Paaren ist automatisch der Mann Vater, der sich dazu bereit erklärt. Ein formaler Akt, eine Unterschrift, fertig. Er muss nicht mal der biologische Vater sein. So sieht es das Gesetz vor. Bei lesbischen Paaren, wie im Fall von Verena und Anna geht das nicht. Weil das geltende Abstammungsrecht noch auf dem Verständnis der traditionellen Vater-Mutter-Kind-Familie beruht. Deshalb das Adoptionsverfahren, dem sich Verena stellen muss. "Womit verbunden wäre, dass ich Auskunft geben müsste über meine finanziellen Verhältnisse, über chronische Krankheiten, über die Erziehungsmethoden, die ich dem Kind angedeihen will."

Sich also völlig blank machen vor dem Staat. Besuche zu Hause vom Jugendamt überstehen. Über Monate nicht wissen, ob das am Ende gut ausgeht. Nochmal: Heterosexuelle Paare müssen das selbst dann nicht, wenn der Vater nicht der biologische Erzeuger ist.

Dass das nicht fair ist, hat auch die Bundesregierung irgendwann eingesehen. Nachdem sie für die Einführung der "Ehe für alle" gefeiert wurde, wollte sie sich auch an eine Reform des Abstammungsrechts wagen. Mit einem neuen Gesetz dafür sorgen, dass eine Frau "Mit-Mutter" werden kann ohne kompliziertes Adoptionsverfahren. Im März 2019 war das. Seitdem ist nichts passiert.

Deshalb hat der Lesben- und Schwulenverband eine Petition gestartet und am vergangenen Sonntag, am Muttertag, 53.500 Unterschriften an die Bundesjustizministerin Christine Lambrecht übergeben. Für Markus Ulrich, Pressesprecher des Lesben – und Schwulenverbands, muss endlich Bewegung in die Sache kommen. "Dass man im Justizministerium merkt, wir müssen uns daransetzen. Wir müssen Ressourcen abstellen, dass die Abstammungsreform weiterverfolgt werden kann und dass der Diskussionsentwurf in einer Umsetzung mündet."

Bald noch eine zusätzliche Hürde?

90 Prozent der Regenbogenfamilien in Deutschland sind mittlerweile zwei-Mütter-Familien, sie hoffen auf eine Reform. Stattdessen wird die sogenannte Stiefkind-Adoption möglicherweise bald mit einer weiteren Hürde versehen: Durch ein Gesetz, das kurz vor der Verabschiedung steht, käme auf Verena und Anna noch ein verpflichtendes Beratungsgespräch vor der Adoption mit dazu.

Ein Terminplan für einen weniger diskriminierenden Gesetzesentwurf stehe derzeit noch nicht fest, das sagt uns das Justizministerium auf Anfrage. Für Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband ist jeder weitere Tag, an dem das Abstammungsrecht nicht reformiert wird, zu viel. Denn Leidtragende seien auch die Kinder. Es sei "eine Diskriminierung auf Grund ihrer Familienform. Das geht zu Lasten der Absicherung der Eltern und der Kinder. Und das ist doch für jede Partei, die Familien stärken will, ironisch, wenn nicht zynisch."

Verena und Anna glauben nicht, dass sich bis zur Geburt ihres Kindes im Oktober etwas verändern wird. Aber ihnen ist es wichtig, dass dieses Thema nun endlich auf den Tisch kommt. Weil es weitere Mütter geben wird, denen es genauso gehen wird. Und weil Kinderkriegen für Verena mit so viel mehr verbunden ist, als mit dem Geschlecht der Eltern. "Man liebt sich zu zweit und hat einfach das Bedürfnis, ein drittes Wesen, das auf die Welt kommt, die gleiche Liebe zu geben. Das hängt überhaupt nicht davon ab, welche Geschlechtsmerkmale man hat. Es geht darum, sich um ein Kind zu kümmern und ihm die Welt zu zeigen."


32