Bayern 2 - Zündfunk


15

Proteste gegen Streamingdienstanbieter So wehren sich Künstler*innen gegen die Marktmacht von Spotify

In weltweit 30 Städten demonstrierten Künstler*innen und Kreative gegen den Streamingdienst Spotify. Aufgerufen hatte dazu die "Union of musicians and allied workers". Ihr Ziel ist, dass Musiker*innen endlich gerecht bezahlt werden.

Von: Florian Fricke

Stand: 19.03.2021

Bild von der Sängerin Julia Holter | Bild: Tonje Thilesen

Ein kleines Grüppchen Demonstranten hat sich vor einem der zahlreichen Spotify Büro in Downtown Los Angeles versammelt. Die Klangkünstlerin Julia Holter ist diesen Montag eine von ihnen. Sie haben uns nicht reingelassen“, erzählt sie. Also habe sie dann die Liste mit ihren Forderungen an die Tür gestellt. „Jemand hat später gefilmt, wie ein Angestellter die Liste ins Haus holte.“

Tweet-Vorschau - es werden keine Daten von Twitter geladen.

Union of Musicians and Allied Workers Frankfurt, Germany demands #JusticeAtSpotify https://t.co/Wo33RcGj7k

Frankfurt, Germany demands #JusticeAtSpotify https://t.co/Wo33RcGj7k | Bild: UMAW_ (via Twitter)

Anhebung der Vergütung von 0,4 auf 1 Cent

Die Forderungen der „Union of musicians and allied workers“, einer neuen Gewerkschaft, die sich vor allem für die Freiberufler in der Musikbranche einsetzt, sind mehr als nachvollziehbar. Anhebung der Vergütung für einen einzelnen Stream von knapp 0,4 Cent auf einen Cent, Umstellung des undurchsichtigen Pro-Rata-Systems, von dem vor allem die Megaseller wie Drake oder The Weeknd profitieren, zu einem user-zentrierten System, von dem auch Indie-Artists wie Julia Holter profitieren würden. Und wer hauptsächlich Julia Holter hört, würde von seinen zehn Euro Monatsgebühr auch das Meiste an sie abtreten. Das ist alles sehr kompliziert. Ich gehe seit vielen Jahren auf Tournee, aber Streaming habe ich nie richtig verstanden“, erklärt die Indie-Musikerin. Doch wegen der Pandemie habe sie nun überhaupt keine Einnahmen. Streaming sei mittlerweile die Haupteinnahmequelle für die Branche. „Wir werden noch andere Protestformen ausprobieren, aber wir dachten, dass eine persönliche Konfrontation wichtig ist. Die Öffentlichkeit muss informiert werden und Spotify muss wissen, dass wir uns nicht beugen werden.“

Der Verzicht auf Payola

Weitere Forderungen sind die Offenlegung aller geheimen Verträge mit der Musikindustrie und der Verzicht auf Payola. Payola, das war einer der großen Korruptionsskandale in den 1950er Jahren, als US-amerikanische Radiostationen von den großen Labels geschmiert wurden, damit sie ihre Musik bevorzugen. Auch bei Spotify sei Erfolg käuflich, sagt Julia Holter. Es gibt nun diesen Discovery Mode, den Entdeckungsmodus auf Spotify. Künstler werden von Spotify eingeladen, besser auf Spotify präsentiert zu werden, wenn sie dafür zu noch weniger Prozenten pro Stream bereit sind.“ Noch weniger Prozente von fast nichts. All diese Forderungen der Union Of Musicians And Allied Workers, kurz UMAW, klingen extrem plausibel. Das Problem ist bloß, dass sich Spotify noch nie wirklich um deren Anliegen gekümmert hat. Jüngst veröffentlichte Spotify die Seite „Loud and Clear“, auf der sie ihr Bezahlmodell erklären. Aber egal, wie lange man sich mit diesen Modellen auch beschäftigt, am Ende bliebt nur die Erkenntnis: Zwei Drittel von Spotifys Einnahmen gehen an die Rechteinhaber. Alles Weitere ist zu kompliziert, beziehungsweise steht in den Geheimverträgen mit den drei Majors Universal, Sony und Warner. In ihrem Promo-Video dagegen verkaufen sich Spotify als Retter der Musikindustrie.

Spotifys Effekt auf das Musikgeschäft

Liz Pelly ist Musikjournalistin in New York und beschäftigt sich schon länger mit der Streaming-Industrie. „Wir sehen nun ein Phänomen namens Streambait“, erzählt sie. Das meine eine Analogie der Effekte von Clickbait im Bereich der Online-Presse. Ihre Theorie: „Es wird nur noch drauf geachtet, was die User anklicken und was sie den ganzen lieben Tag lang hören, ohne dass dabei die eigentliche Musik in irgendeiner Weise wertgeschätzt würde.“ Und was wir als Komfort empfinden würden, sei immer mit versteckten Kosten verbunden. „Es gibt grundsätzlich sehr viel an dem Konstrukt Streamingdienst zu überdenken, aber das ist für mich der wichtigste Punkt: wie die Plattformen die Beziehung zwischen Hörer und Musik immer mehr verwässern.“

Frau mit Kopfhörern | Bild: picture alliance / AP Photo | shall|File|Filed|7/5/2016 3\01\15 PM, shall|Hold|Held|7/4/2016 4\20\44 PM, John Locher zum Audio mit Informationen Generator Podcast Darum gefährdet der Erfolg des Streamings die Musik-Kultur

Dass Streaming-Dienstleister Künstler*innen ausbeuten, ist bekannt. Doch die Veränderungen im Musik-Konsum-Verhalten durch Portale wie Spotify, Deezer oder Apple Music können auch gravierende Folgen für die Gesellschaft haben. Dieser Generator-Podcast zeigt, welche. [mehr]

Der Unmut der Kreativen gegenüber den ungerechten Streaming-Modellen wächst mit jedem Tag. Aber warum bloß sollte Spotify einlenken? Die Hauptanteilseigner der Aktiengesellschaft sind Kapitalinvestoren, Banken und die Majors. Die Gründer Daniel Ek und Martin Lorentzon kommen aus der Werbebranche, Musik ist für sie nur das Produkt der Wahl. Streaming mag das Format der Gegenwart und der Zukunft sein, aber es sind Zweifel erlaubt, ob das jetzige privatwirtschaftliche Modell jemals gerecht sein wird. Nur wer wirklich über lange Zeit viel Plays generieren kann, wird von diesem Modell profitieren. Alle anderen sollten sich ganz genau überlegen, wie sie von ihrer Musik leben wollen.


15