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Krieg gegen die Ukraine Wie ukrainische Musiker und Musikerinnen versuchen, den Menschen in der Ukraine zu helfen

Sie demonstrieren, spenden und komponieren Lieder gegen den Krieg. Ukrainische Musiker und Musikerinnen im In- und Ausland setzen dem Angriffskrieg auf ihre Weise etwas entgegen. Wir haben mit drei von ihnen gesprochen.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 09.03.2022

Der ukrainische Musiker Vladimir Lostlojic | Bild: Vladimir Lostlojic

Bodya Konakov ist ukrainischer Musiker aus Kiew. Vor ein paar Monaten reist er mit seiner Freundin nach London, um dort sein Album aufzunehmen. Die Rückflüge sind schon gebucht, doch sie werden gecancelt. Denn als Wladimir Putin die Ukraine angreift, wird der Luftraum dort gesperrt. Bodya muss nun aus der Entfernung beobachten, wie sein Heimatland angegriffen wird, seine Freunde in Kellern sitzen und Angst haben, zu sterben.

„Eigentlich möchte ich ihn Kiew sein“, sagt er. Zwar gingen er und seine Freundin in London auf Demonstrationen und vernetzten sich im Internet mit Freiwilligen. „Aber es ist hart, wenn du rausgehst und merkst, dass Leute Partys feiern und überhaupt nicht an diesen Krieg denken.“ Er habe in London Menschen kennengelernt, die nicht einmal wüssten, dass dieser Krieg gerade stattfindet.

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Instagram-Beitrag von bodya_konakov | Bild: bodya_konakov (via Instagram)

Der Musiker Bodya Konakov sitzt in London fest

Wie viele seiner Freunde hat auch Bodya überlegt, zur Waffe zu greifen. Er kann aber nicht einmal in seine Heimat zurückkehren. Was also tun? Bodya versucht das einzusetzen, was er kann: Er mixt Musik und veröffentlicht sie – und sammelt damit zugleich Spenden. Ein solcher Mix mit dem Titel „Support Ukraine!“ steht auf Soundcloud. Eine Mischung aus Electro, ukrainischem Elektropop und slawischen Klängen.

Für diesen Mix hat er sich mit Musikern und Radiostationen auf der ganzen Welt vernetzt, erzählt er, verbunden mit dem Link zu einer Fundraising-Aktion: „Das Geld, das wir damit eingenommen haben, haben wir Freiwilligen in der Ukraine geschickt, die davon Waffen für unsere ukrainische Armee gekauft haben.“

Musiker, die Spenden sammeln, um davon Waffen zu kaufen. Bis vor kurzem unvorstellbar. Doch seit Putins Angriff auf die Ukraine ist diese Form der Kriegsführung bittere Realität für Menschen wie Bodya.

Spenden, demonstrieren und russische Fans aufklären

Nastasia hat ukrainische Wurzeln und wohnt in München. Ihre Familie hat aber auch lange in Russland gelebt. Sie ist DJ, Musikerin und berichtet mir, dass sie in Russland aufgewachsen ist; mit der staatlichen Propaganda, die sie als Kind nicht in Frage gestellt hat. Wenn man nichts Anderes kennt, ist es schwierig, sich eine andere Welt vorzustellen. Als sie Russland verließ und unabhängige Medien kennlernte, durchschaute sie die Mechanismen, der russischen Propaganda. Heute versucht sie, von hier aus mit ihren Mitteln zu helfen. Sie hat für ein Fundraising Musiker, DJs und Künstler zusammengetrommelt, die sich an der Aktion mit einem Mix und einem Statement gegen den Angriffskrieg beteiligt haben. „Wir haben sieben Organisationen ausgesucht, die wir sinnvoll finden, an die die Spenden gehen“, sagt sie.

Spenden, gegen den Krieg demonstrieren, Flüchtlinge aufnehmen. So richtig viel kann man nicht ausrichten, um die Panzer zu stoppen. Bekannte ukrainische Musiker haben es sich jedoch zur Aufgabe gemacht, ihre russischen Fans aufzuklären. Denn nach wie vor glauben viele Russen nicht an einen Angriffskrieg Putins. Sie vertrauen der russischen Propaganda. Russland tut auch einiges dafür, dass das so bleibt. Man darf in Russland Worte wie „Angriff“, „Krieg“ oder „Invasion“ nicht mehr benutzen. Die russische Regierung droht mit bis zu 15 Jahren Haft, wenn ausländische oder russische Medien offen über den Krieg berichten.

Musik wird zur inoffiziellen Nachrichtenquelle

Die Musikszene der Ukraine wird jetzt zu einer Art inoffizieller Nachrichtenquelle, die den Konflikt für die Menschen dokumentiert, die noch zweifeln oder nicht auf traditionelle Nachrichtensender eingestellt sind. Vladimir Lostlojic ist Musiker und betreibt das Label Mystictrax in Kiew. Er hat sein Stadtviertel in Kiew verlassen, weil es, wie er mir sagte, nicht mehr sicher ist. Auch er hat Musik veröffentlicht auf seinem Label und mit anderen Musikern Spenden gesammelt.

Und er wendet sich mit einem Appell direkt an seine russischen Fans:

"Die russische Regierung tut alles, um den Bürgern Kritik, eigenständiges Denken und Interesse an der politischen Situation zu verbieten. Es ist in eurer Verantwortung, Putin nicht zu erlauben, euch zu zensieren! Es ist Zeit, eine eigene Meinung zu entwickeln und sie zu äußern! Ihr könnt euch unabhängige Informationen aus verschiedenen Quellen holen und sie miteinander vergleichen. Habt keine Angst, gegen eure Regierung zu protestieren. Die Ukrainer haben es getan und ihr könnt es auch."

Vladimir Lostlojic, ukrainischer Musiker

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Instagram-Beitrag von lostlojic | Bild: lostlojic (via Instagram)

Viele Künstler aus der ganzen Welt fragen sich angesichts des Krieges, was sie tun können. Vladimir Lostlojic schlägt vor, sie sollten doch ein Lied schreiben, ein Album veröffentlichen oder ein Bild malen – und die Einnahmen spenden. Und er rät. „Protestiere und fordere deine Regierung auf, der Ukraine zu helfen.“