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Kritik an Amazon Warum wir Diversität keinem Monopolisten überlassen sollten

Amazon hat ein Inklusions-Playbook vorgestellt, mit dem der Konzern Diversität in der Film und Fernseh-Branche fördern möchte. Die Kritik an der Aktion war groß - denn der Weg für mehr Diversität in Filmen ist ein anderer.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 13.08.2021

Die Schauspielerinnen Kerry Washington und Reese Witherspoon in der Amazon-Serie "Little Fires Everywhere". | Bild: picture alliance / Everett Collection | ©Hulu/Courtesy Everett Collection

Digitale Überwachung, Ausbeutung von Lieferantinnen, Jeff Bezos, der schlimmste Boss der Welt. Es gibt viele Gründe, den Konzern Amazon zu kritisieren. Jetzt ist ein neuer dazu gekommen: Die im Juni veröffentlichten Inklusions- und Diversitäts-Richtlinien für Amazons Film-Produktion. Wenn man sie auf Papier will, kommt ein kleines Buch aus dem Drucker, fast zwanzig Seiten. Und unter anderem stehen dort solche Sätze:

"Unser Ziel ist es, wann immer es möglich ist, Schauspielende zu casten, deren Identität mit der Identität des Charakters übereinstimmt, den sie spielen."

- Auszug aus den Amazon Diversity Richtlinien.

Das heißt: Ein Mensch mit Behinderung sollte wenn möglich von einem Menschen mit Behinderung gespielt werden, eine Schwarze, lesbische Frau von einer Schwarzen, lesbischen Frau, eine non-binäre Person von einer non-binären Person, ein Vampir von einem Vampir. Amazon wird dafür hart kritisiert. Ein „ärmlicher Versuch, Fortschritt zu demonstrieren“, schreibt die Taz, „Woke-Wahnsinn bei Amazon“, titelt die Bild, und die Zeit nennt die Richtlinien ein „autoritäres, kulturhygienisches Programm“. Von links und rechts wird heftig draufgeschlagen – auch von Menschen, die sonst für mehr Diversität in der Filmbranche kämpfen.

Als würde Hannibal Lector Werbespots für vegane Currywurst drehen

Pia Amofa-Antwi

„Also ich finde die Richtlinien Schwachsinn", sagt die Schwarze Synchronsprecherin und Schauspielerin Pia Amofa-Antwi. "Der Ansatz ist vielleicht gut gemeint, aber die Umsetzung ist meiner Meinung nach einfach nur schlecht: Das, was mich am Schauspiel so reizt, ist in eine andere Rolle zu schlüpfen und eine Figur spielen, die nicht so nah an mir ist. Deshalb macht das für mich überhaupt keinen Sinn.“ Kein Wunder, dass die Richtlinien nicht ankommen. Ein Monopolist wie Amazon, der für Vielfalt und Diversität kämpft – das ist, als würde Hannibal Lector eine Werbespot für vegane Curryuwrst drehen. Aber was können wir stattdessen tun?

Fakt ist, die Filmbranche propagiert noch zu häufig traditionelle Rollen und Geschlechterbilder. Und viele Beschäftigte klagen auch heute noch darüber, Diskriminierung wegen Hautfarbe, sexueller Orientierung oder Behinderungen am Filmset erfahren zu haben. Pia Amofa Antwi hat einen Vorschlag: „In meinem Kopf würde es zum Beispiel schon Sinn machen, Drehbücher zu schreiben, in denen die Charaktere nicht ins kleinste Detail beschrieben werden, sondern nur die gröbsten Eckpunkte und dann einfach divers zu casten und zu schauen: Wer spielt die Rolle am besten.“ Ein offenes Drehbuch also, ein diverses Casting und am Ende eine leistungsgerechte Entscheidung.

Diversität vor - und hinter der Kamera

Aber wie kommt die Diversität überhaupt ins Casting? Darum kümmert sich Tyron Ricketts mit seiner Produktionsfirma „Panthertainment“. Er hat sich auf Inhalte von und mit People of Color spezialisiert. Im Interview erklärt Ricketts: „Wenn man Diversität in der Filmbranche erreichen möchte, dann ist es ganz wichtig, dass in allen Gewerken der Wertschöpfungskette auch Menschen mit unterschiedlichen Diversitäts-Dimensionen sind. Das heißt nicht nur vor der Kamera, sondern - auch ganz wichtig - hinter der Kamera, in den kreativen Positionen.“ Das betrifft Regisseurinnen, Produzentinnen, Autoren und die Produktion. Ein Beispiel: In Hollywoodfilmen arbeiten hinter der Kamera nur sechs Prozent Schwarze –obwohl der Gesamtanteil in der Bevölkerung bei über 13 Prozent liegt. Deshalb, sagt Tyron Ricketts, brauchen wir Quoten: „Ich denke schon, dass das wichtig ist, damit man nicht in Business as usual übergeht und nicht dieselben Leute anruft, die man die letzten zwanzig Jahre schon angerufen hat. Dafür helfen Richtlinien, dafür helfen Quoten, dafür helfen Selbstverpflichtungen.“

Tyron Ricketts, Schauspieler, Moderator und Leiter der Produktionsfirma "Panthertainment".

Tyron Ricketts ist einer von wenigen, der den Inklusions-Richtlinien von Amazon auch etwas Positives abgewinnen kann. Denn sie schreiben ja nicht nur vor, dass ein Querschnittsgelähmter einen Querschnittsgelähmten spielen soll, sondern auch, dass diversere Teams hinter der Kamera an Filmen arbeiten sollen. „Ich glaube, dass diese Richtlinien ein Zwischenschritt sind", kommentiert er. „Ich glaube nicht, dass es der Weisheit letzter Schluss ist. Aber ich denke schon, dass es für die Menschen, die im jetzigen System unter- und missrepräsentiert waren, eine Chance bedeutet, Erfahrungen zu sammeln, zu zeigen, was sie drauf haben und dazu lernen können.“

Da stimmt auch Pia Amofa-Antwi zu. Und trotzdem, Film, Schauspiel und Kunst mit einer Vielzahl an Regeln zu überziehen engt ein – und nimmt den Spaß am Job, meint die Schauspielerin: „Der Ansatz der Richtlinien, mehr Diversität in die Branche zu bringen ist meiner Meinung nach ja gut. Aber die Umsetzung ist schlecht. Deswegen hoffe ich, dass sich das so nicht durchsetzen wird und wir irgendwie einen anderen Weg finden, dass sich das durchsetzen wird und die Diversität normal ist.“ Dazu gehört auch, Geschichten mal anders zu erzählen, Klischees zu brechen und neue Dinge auszuprobieren. Ohne einengende Richtlinien. Dann hätte die Filmbranche wie kaum eine Industrie abseits von Richtlinien und Vorschriften auch die Chance, eine wirklich diverse Geschichte zu erzählen.