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Sido, Haftbefehl und Co So gehen Rap-Journalist*innen mit Verschwörungstheorien in der Hip-Hop-Szene um

Chemtrails, die Erde als Scheibe und die Rothschild-Familie als Weltverschwörer - Deutschrap ist voll von Verschwörungstheorien. Wie gehen die damit um, die über Deutschrap schreiben?

Von: Malcolm Ohanwe

Stand: 19.05.2020

Deutschrap-Journalist*innen | Bild: BR; Salwa Houmsi, Metaschk, Zina Luckow, Helen Fares, Bart Spencer

Schon seit langer Zeit grassieren die übelsten Verschwörungserzählungen in allerlei Deutschrap-Texten. Vor allem in Zeiten von Corona scheint das immer mehr Überhand zu nehmen. Egal, ob es der Glaube an sogenannte Chemtrails, also giftige Kondenswolken am Himmel ist (Olexesh, Haftbefehl), der Zweifel, daran, dass die Erde eine Kugel ist (Fler, Hanybal und Kianush) oder Referenzen zu dem sich hartnäckig haltenden antisemitischen Mythos über die übermächtige jüdische Rothschild-Familie, die die Welt kontrolliert (Azzi Memo, Kollegah und nun auch Sido). Bei klassischen Deutschrap-Sendungen von Journalist*innen fallen solche Aussagen seltener, denn da fühlen sich die Rapper*innen zunehmend nicht mehr wohl. Stattdessen treffen sie sich für ihre Album-Promo dann lieber mit unkritischen Fitness-Influencern wie Leon Lovelock oder sie besuchen andere Rap-Kollegen zum Talk, wie Ali Bumaye in seiner Sendung „Ali therapiert“.

Journalist*innen, die im Deutschrap-Kosmos unterwegs sind, stehen vor einem Dilemma: Um über Deutschrap zu berichten, brauchen sie gute Beziehungen zu den Künstler*innen. Gleichzeitig wollen sie antisemitische, rassistische und andere Verschwörungstheorien nicht unkommentiert stehen lassen. Sechs Journalist*innen erzählen uns, wie sie damit umgehen.

Zina Luckow

Freie Autorin für Hip-Hop-Medien wie ALLGOOD.de oder rap.de

Warum, denkst Du, sind im Deutschrap-Milieu Verschwörungstheorien verbreitet?

Zina Luckow: Es hat damit zu tun, dass sich Deutschrap immer sehr kritisch gegenüber den Medien verhalten hat, und die Presse ein klares Feindbild darstellt. Und Rap hat als Spiegel der Gesellschaft genauso Verschwörungstheoretiker in seinen Reihen wie andere Gesellschaftsgruppen. Oft geht es auch um gesellschaftliche Missstände, aus denen falsche Schlüsse gezogen werden. Viele Leute, die auf solche Demos gehen, halten sich für diejenigen, die gegen das System und für die Freiheit kämpfen. Eine freie Gesellschaft ist jedoch vernünftig und nicht irrational. Sie glauben, sie seien kritisch gegen das System, dabei passiert genau das Gegenteil. Sie labern einfach nur Dinge nach. Zudem gibt es im Deutschrap sicherlich auch Männer, die sich selbst inszenieren und das mit solchen Verschwörungsmythen tun. Einem solchen Mythos anzuhängen, bedeutet für sie, einer vermeintlichen Elite anzugehören und über Wissen zu verfügen, das andere nicht haben. Das entspricht einem narzisstischen Männlichkeitsideal, das durchaus im Deutschrap vertreten ist.

Salwa Houmsi

Moderatorin für RBB fritz und des COSMO-Podcasts zu Rap & Politik „Machiavelli“

Warum, denkst Du, sind im Deutschrap-Milieu Verschwörungstheorien verbreitet?

Salwa Houmsi: Ich sehe das gar nicht als ein Rap-Phänomen. Das zeigt sich auch daran, dass Leute aus ganz anderen Branchen viel mehr solche Gedanken verbreiten. Da sind auch Köche oder Sängerinnen dabei. Was ich als großes Problem sehe, dass man bei Menschen, die eine große Reichweite und damit auch einen großen Einfluss haben und dazu gehören ja auch Rapper*innen, häufig davon ausgeht, dass sie automatisch super verantwortungsvoll mit ihrer Reichweite umgehen. Das ist ja leider nicht immer so. Ich will das damit nicht legitimieren oder verharmlosen. Aber so, wie ich Sidos Statements in diesem Interview wahrgenommen habe, ist dem gar nicht bewusst gewesen, was er da gesagt hat. Ich finde seine Aussagen immer noch höchst gefährlich und problematisch. Es hat mir nochmal gezeigt, wie sehr Aufklärung beim Thema Verschwörungstheorien fehlt und wie wenig den Leuten bewusst ist, dass diese Gedanken in antisemitischen und rassistischen Ideologien verwurzelt sind. Und soweit ich Sidos öffentliche Person kenne, hat der gar keinen Bock sich mit solchen Leuten einzureihen, weil er sich ja eher gegen Diskriminierung und Rechts starkgemacht hat. Deswegen sind Medienkompetenz und Bildung bei Menschen, die eine große Plattform haben und damit nicht so verantwortungsvoll umgehen, ein wichtiges Thema.

Wie schaffst du es kritisch mit Künstler*innen umzugehen und sie trotzdem nicht als Interviewpartner*innen zu verlieren?

Salwa Houmsi: Es ist tatsächlich eine schwierige Situation eine kritische Journalistin im Rap-Bereich zu sein und auch kritische Fragen zu stellen und gleichzeitig Interviews mit diesen Personen zu bekommen. Ich habe mich schon längst dafür entschieden, dass es mir viel wichtiger ist, guten Journalismus zu machen und auch kritische Fragen zu stellen und Leute zum Nachdenken anzuregen, für gewisse Themen, die sie vielleicht im Deutschrap-Kontext nicht so reflektiert haben und vielleicht auch etwas zu ändern an dieser Szene. Wenn Sido etwas Problematisches sagt, steht für mich außer Frage, dass ich das thematisiere. Und wenn man eine Frau ist und vor allem eine Frau mit Migrationshintergrund, die über Rassismus oder Sexismus spricht, kann man eh vergessen, dass man den Leuten sympathisch ist, weil im Deutschrap hat keiner Bock auf eine Frau, die über Sexismus spricht. Grundsätzlich macht man sich als öffentliche Feministin in der Gesellschaft nicht beliebt.

Alex Barbian

Redakteur bei rap.de und Moderator der MTV-Sendung „Yo MTV Raps Weekly Vibes“.

Warum, denkst Du, sind im Deutschrap-Milieu Verschwörungstheorien verbreitet?

Alex Barbian: Verschwörungsmythen sind - gerade in Zeiten von Corona - ein gesamtgesellschaftliches Problem, das die Rap-Szene in meinen Augen nur sehr plakativ und teilweise grenzüberschreitend spiegelt. Das liegt sicherlich auch daran, dass Rap ein Genre ist, das - schon historisch - eben von unten kommt, also ein Sprachrohr für marginalisiert Gruppen und Menschen, die sich von der Gesellschaft, in der sie leben, ausgestoßen und ungehört fühlen — teils wegen ihrer Herkunft, teils wegen ihrer soziale Stellung. Schon seit NWA hat Rap eine Plattform für kritische, subkulturelle und klassenkämpferische Positionen und ein offensiv artikuliertes Misstrauen gegenüber dem Establishment und politischen Machthabern geboten — auch in Deutschland. Unbequeme Ansätze, die ja teilweise durchaus ihre Berechtigung haben, münden in diesem Zusammenhang leider schnell in einer stark verkürzen Form der Kapitalismuskritik, die einer kleinen, mehr oder weniger unsichtbaren Elite die Schuld für persönliche Notlagen, Ungerechtigkeiten und Elend sieht.

Wie schaffst du es kritisch mit Künstler*innen umzugehen und sie trotzdem nicht als Interviewpartner*innen zu verlieren?

Alex Barbian: Indem man problematische Aussagen zwar benennt, aber gleichzeitig differenziert betrachtet, von Einzelfall zu Einzelfall bewertet und mit Fakten widerlegt, ohne dabei unnötig zu polarisieren. Wenn ein Olexesh von Chemtrails oder »UFOs überm Block« rappt, sollte man mit ihm darüber sprechen. Ihn deswegen zu canceln oder mit gefestigten, neurechten Kadern in einen Topf zu werfen, fühlt sich für mich definitiv falsch an, ganz unabhängig von meinem persönlichen beruflichen Fortkommen. Mit dem Umstand, dass ein Xavier Naidoo vermutlich nicht mehr für ein Interview auf den Plattformen, für dich ich arbeite, zur Verfügung steht, kann ich sehr gut leben. In meinen Augen hat er viel zu viele Grenzen überschritten und er scheint ideologisch so gefestigt zu sein, dass ich ihm sowieso keine Plattform mehr bieten wollen würde. Als Rap-Journalist besteht meine Aufgabe eben auch darin, Scheiße als Scheiße zu benennen. Was wir zur Zeit erleben ist eine Form der Spaltung innerhalb der Szene, die leider ziemlich unausweichlich scheint. Ich sehe das Dilemma in erster Linie darin, dass ein inhaltlicher, zwischenmenschlicher Austausch in dieser zunehmend aufgeheizten Situation immer schwieriger wird — besonders in einem Kosmos, in dem es ein kritisch-distanzierter Journalismus schon immer ziemlich schwer hatte.

Helen Fares

Moderatorin des Hip-Hop-Podcasts „Homegirls“ und Bachelor-Absolventin der Wirtschafts-Psychologie

Warum, denkst Du, sind im Deutschrap-Milieu Verschwörungstheorien verbreitet?

Helen Fares: Es gibt psychologische Studien, deren Ergebnisse gezeigt haben, dass Menschen mit dem Wunsch als besonders einzigartig betrachtet zu werden, eher dazu neigen an Verschwörungstheorien zu glauben. Meine persönliche Auffassung ist, dass viele Personen in der Musikindustrie das Bedürfnis haben, etwas Besonderes zu sein. Dass das im Rap nun gerade so durchkommt, liegt glaube ich daran, dass Rap-Künstler*innen oft einfach sagen was sie denken, ohne großartig über ihren Ruf nachzudenken.

Wie schaffst du es kritisch mit Künstler*innen umzugehen und sie trotzdem nicht als Interviewpartner*innen zu verlieren?

Helen Fares: Ich bleibe da streng. Wenn ich eine Person, wegen was auch immer, kritisieren möchte, dann wird sie, wenn sie zu unserem Podcast Homegirls kommt, auf das Problem angesprochen. Wenn das Problem so groß ist, dass ich mich von dem Menschen einfach nur distanzieren will, wie bei grob sexistischen und rassistischen Vorfällen, dann spreche ich öffentlich darüber. Wenn diese Person dann nicht mehr zu uns in den Podcast kommen möchte, ist das okay. Ich wünsche mir ruhige, offene Dialoge. Zielführende Bildungsprojekte für Menschen jeden Alters und ein empathischeres, solidarischeres Miteinander. Bei diesem Dilemma wünsche ich mir, dass wenn Kunstschaffende Scheiße bauen und sie eine*n von uns Journalist*innen angreifen, wir zusammenhalten und diese Person dann einfach keine Plattform mehr von uns bekommt. Zum Beispiel der Rapper Taktloss hat Jule Wasabi angegriffen und wurde danach immer noch von Journalist*innen gefeiert. Das geht nach meiner Auffassung einfach nicht.

Jan Kawelke

Freier Kulturjournalist und Moderator des COSMO-Podcasts zu Rap & Politik „Machiavelli“

Warum, denkst Du, sind im Deutschrap-Milieu Verschwörungstheorien verbreitet?

Jan Kawelke: Also ich würde dieser These sogar widersprechen. In Teilen zumindest. Wir sind gerade in einer Phase massiver Verunsicherung. Und viele wenden sich da Verschwörungsmythen zu. Und auch Rapper*innen machen das sehr selbstbewusst. Ich finde den Anteil an Rap-Personen relativ überschaubar. Aber dennoch sollten wir da kritisch draufblicken.

Wie schaffst du es kritisch mit Künstler*innen umzugehen und sie trotzdem nicht als Interviewpartner*innen zu verlieren?

Jan Kawelke: Das ist da wie bei jedem anderen Thema: Wir müssen miteinander sprechen. Ich versuche allen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Gerade bei Menschen, die an Verschwörungsmythen glauben, ist es wichtig, sie nicht lächerlich zu machen, sondern sich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen und zu erklären, woher diese Mythen kommen und was sie teilweise für gefährliche Konsequenzen haben.

Juliane Wieler

Bekannt als Jule Wasabi. Moderiert verschiedene Deutschrap-Formate, u. a. auch "Schacht & Wasabi" bei PULS

Warum, denkst Du, sind im Deutschrap-Milieu Verschwörungstheorien verbreitet?

Juliane Wieler: Ich glaube nicht, dass der Hang zu Verschwörungstheorien ein typisches Deutschrap-Attribut ist. Für mich ist diese Entwicklung ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das auch im Deutschrap stattfindet. Die Gefahr in diesem Genre liegt aber sicher in der enormen Reichweite der Akteure. Wenn Rapper wie Fler oder Sido fragwürdige Aussagen in der Öffentlichkeit machen, erreichen sie viele und vor allem junge Menschen die den differenzierten Umgang mit diesem Thema noch lernen müssen. 

Wie schaffst du es kritisch mit Künstler*innen umzugehen und sie trotzdem nicht als Interviewpartner*innen zu verlieren?

Juliane Wieler: Wir berichten seit circa zwei Jahren über diese Problematik in unserem Rap-Podcast bei PULS. Wichtig war mir dabei, immer die oft kryptischen Phrasen als solche zu benennen und nicht von der Allgemeinheit sondern von konkreten Künstlern zu sprechen. Dabei wägen wir ab, ob man der Person durch die Berichterstattung unnötige Aufmerksamkeit oder erforderliche Kritik entgegenbringt. Durch die Weiterentwicklung der sozialen Medien sind Künstler schon längere Zeit nicht mehr auf Journalisten im klassischen Sinne angewiesen. Das bringt eine Form der Unabhängigkeit mit sich, die bei solchen Themen vorteilhaft sein kann. 

Wo siehst du eine Lösung für das Dilemma?

Juliane Wieler: Ich glaube, wenn es eine einfache Lösung gäbe, würden wir nicht so viel über dieses Thema sprechen. Ich bin am Ende ähnlich überfordert wie alle anderen Menschen die sich mit diesem Thema befassen. Mir persönlich ist trotzdem wichtig, Menschen nicht abzuschreiben und das Gespräch zu suchen. 


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