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Album der Woche: "The Center Won’t Hold" Sleater-Kinney haben mit St. Vincent ein feministisches Punk-Album produziert – wer diesen Sound nicht feiert, hat die Band nicht verstanden!

Sleater-Kinney haben einigen Bands etwas voraus: Ganze zehn Alben – „The Center Won’t Hold“ ist das neueste - mit St. Vincent als Produzentin. Nur von Bandmitglied Janet Weiss mussten sie sich verabschieden. Das wühlt einige Fans auf. Zurecht?

Von: Katja Engelhardt

Stand: 19.08.2019

Sleater-Kinney haben uns eine Warnung zukommen lassen, “The Center Won‘t Hold”: Der Ablauf ist gestört, irgendwas läuft schief und die Spannung wird sich entladen - mit einem großen lauten Knacks. Die Maschine, die hier kaputt geht, ist kein Fließband einer Automobilfabrik, sondern ist das Konglomerat aus den vielen kleine Prozessen aus dem unsere Gesellschaft besteht.

“The Center Won‘t Hold” ist eine Anspielung auf ein Gedicht, das in den USA zum Literaturkanon gehört: "Der Albumtitel basiert auf einem Gedicht von William Butler Yeats, der schrieb über die Post-Weltkriegs-Erfahrung und den Moment des Durcheinanders, der Aufsässigkeit: Wenn Dinge auseinanderfallen, folgt eine Wiedergeburt. Der Albumtitel spielt darauf an – und in vielen der Songs geht es genau darum", so Carrie Brownstein, die Gitarristin von Sleater-Kinney.

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Sleater-Kinney - Can I Go On (Official Lyric Video) | Bild: Sleater-Kinney (via YouTube)

Sleater-Kinney - Can I Go On (Official Lyric Video)

Keine Ausrufezeichen, sondern Fußnoten

Die Frage ist also, was danach kommt, nach dem Bruch. Denn auch wenn er namentlich nicht genannt wird, wissen wir alle, wen Sleater-Kinney meinen: Donald Trump. Und genauso gut wissen wir, woher dieses Gefühl von Endzeitstimmung und Fragilität kommt. Die Buzzwords: „Rassismus“, „Ungleichverteilung“, „Klimawandel“, you name it. Anspielungen gibt es auf dem neuen Sleater-Kinney Album viele.

Gerade weil es keine eindeutigen Ausrufezeichen und Schlagzeilen gibt, sondern eher Fußnoten und Anmerkungen, ist dieses Sleater-Kinney Album so wertvoll. Es hat eine Aura des Privaten, Intimen und ist eine Darstellung von persönlichen Gefühlen: diffuse Wut, Verstörung und Angst - die wir nachempfinden, aber nicht fassen können.

Kommen Sleater-Kinney zu spät zur Anti-Trump-Party?

Allerdings: Das private ist politisch. Und die Punk-Tradition schnell und ungestüm auf aktuelle Politik und Gesellschaft zur reagieren. Die nämlich liegt längst bei den Rappern, die in zehn Minuten Songs fertigklöppeln und sie direkt in die Welt hinausschicken. Da kämen Sleater-Kinney dann doch etwas zu spät zur Anti-Trump-Party. Sleater-Kinney verpacken deswegen weniger Parolen in Songs als emotionale Facetten, die mit Unsicherheit und Verteidigung einhergehen - von Einsamkeit bis hin zu, na klar, Feminismus.

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Sleater-Kinney - The Dog/The Body (Official Audio) | Bild: Sleater-Kinney (via YouTube)

Sleater-Kinney - The Dog/The Body (Official Audio)

Mit der Hilfe von St. Vincent klingen die Songs wie eingehüllt in ein Abendkleid von Vivienne Westwood

Carrie Brownstein: "Die Menschen habe Angst vor älteren meinungsstarken Frauen. Wenn ein Künstler älter wird, soll man scheinbar bestimmter Phasen durchmachen – gelassen sein, grüblerisch sein und so klingen. Ich bin nachdenklich. Aber dafür muss man nicht ruhig sein. Ich kann durch den Raum fetzen und dabei nachdenken! So ist das auch mit unserem Album. Es ist introspektiv. Aber mit einem Hammer."

Ein Hammer war für viele Fans schon vor dem Album Release, dass Schlagzeugerin Janet Weiss die Band verlassen hat, wohl, weil sich der Sound in eine Richtung entwickelt hat, an der sie nicht weiter beteiligt sein wollte. Dabei hatte Weiss selbst die Produzentin dazu geholt: Annie Clark. aka St. Vincent, die Sleater-Kinney oft klingen lässt, wie glamouröse New Waver – was selbstredend viele Diskussionen ausgelöst hat. Immerhin: Einige Songs klingen wie Sleater-Kinney upgedatet, in einem Abendkleid von Vivienne Westwood: schon noch rabiat, aber mondän und teuer.

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Sleater-Kinney - LOVE (Official Lyric Video) | Bild: Sleater-Kinney (via YouTube)

Sleater-Kinney - LOVE (Official Lyric Video)

Spielt dieses Album - überall!

Andere Songs dagegen fühlen sich an, als würde St. Vincent schon bald als neues festes Bandmitglied bekannt gegeben. Dabei sind alle Sound-Vorbehalte, die mit der St. Vincentisierung von Sleater-Kinney einhergehen unglaublicher Unsinn. Sleater-Kinney klingen deutlich jugendlicher als zuvor. Und könnten mit „The Center Won`t Hold“ das perfekte Trojanische Pferd geschaffen haben: Weil Keyboards und Drum Machines erst einmal ablenken – und die Texte sich erst mit mehrmaligem Hören freispielen.

Sleater-Kinney könnten und sollten jetzt aber auch außerhalb der Echokammer gehört werden: Auf jeder übriggebliebenen Indie-Party, in jeder Serie, gerne wenn nicht sogar unbedingt in pseudo-coolen Pop-Up-Stores, in denen die Yuppies von 2019 Sukkulenten kaufen. Immerhin verkünden Sleater-Kinney den Zusammenbruch einer Gesellschaft samt Neuanfang. Und davon sollten doch nun wirklich alle wissen. Auch eine jüngere Generation von Hörern.


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