Bayern 2 - Zündfunk


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Neues Album "Spare Ribs" Die Sleaford Mods fluchen immer noch wie Rohrspatzen - aber aus einem anderen Blickwinkel

In nur drei Wochen haben Sleaford Mods ihr Lockdown-Album aufgenommen. Auf "Spare Ribs" schimpft der renommierte Grantler Jason Williamson auf das Missmanagement der Regierung in UK. Aber die Wut der Punker hat sich verändert.

Von: Wolfram Hanke

Stand: 13.01.2021

Cover Spare Robs | Bild: Rough Trade

Für eine Band wie die Sleaford Mods gäbe es im Moment genug Themen, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Die katastrophalen Folgen des Brexits, die schwierigen Lebensbedingungen im Lockdown oder die zerstörerische Kraft des Turbo-Kapitalismus. Das ganze Mühsal der Welt, den dummen Mist da draußen: Die nölende Schlechte-Laune- und Schlechtwetter-Stimme von Rapper und Texter Jason Williamson; bei fast jeder aktuellen Zeitungsmeldung aus dem UK hat man sie fast automatisch im Ohr.

Gründe wütend zu sein, gibt es genug

Das alles hat Jason auch bewegt, aber noch stärker dominieren persönliche Themen auf dem neuen Album. Im Song "Fishcakes" zum Beispiel erzählt er von den ernsthaften Rückenproblemen, mit denen er als Kind zu kämpfen hatte. Er litt damals unter Spina Bifida, einer angeborenen Spaltung der Wirbelsäule.

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Sleaford Mods - Mork n Mindy Ft. Billy Nomates | Bild: Sleaford Mods (via YouTube)

Sleaford Mods - Mork n Mindy Ft. Billy Nomates

Jason Williamson erzählt: "Das war eine sehr emotional für mich. Als ich 12 Jahre alt war, musste ich mich einer riskanten Operation unterziehen. Es bestand eine Fifty-Fifty-Chance, dass ich vielleicht nie wieder laufen kann. Aber zum Glück hat einer der besten Wirbelsäulen-Spezialisten des Landes den Eingriff durchgeführt. Und es ist gut ausgegangen. Er konnte mich heilen. Ohne ihn wäre ich wohl gelähmt. Meine aktuelle Rückenverletzung hat mich an diese Zeit erinnert. Ich habe viel über meine Kindheit nachgedacht, die Zeit, als ich so 10 Jahre alt war. Der Song "Mork n Mindy" beschäftigt sich dann eher mit meiner Teenagerzeit im Alter zwischen 13 und 15."

Eine Prise Soul

"Mork n Mindy" ist vielleicht der stärkste Song auf "Spare Ribs". Ein Song über Jasons farblose Teenager-Jahre auf einem Landgut in der Provinz. Dass der Song so gut funktioniert, liegt vielleicht daran, dass sich Jason die Vocals mit Billy Nomates teilt. Sie ist der erste Gast überhaupt auf einem Sleaford Mods-Album. Und sie bringt was zu den Mods, das man bei ihnen nicht so erwarten würde – eine Prise Soul. Später singt Jason auch noch mit Amy Taylor von der australischen Punkband Amyl & The Sniffers - "Nudge It“.

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Nudge It - Sleaford Mods Ft. Amy Taylor | Bild: Sleaford Mods (via YouTube)

Nudge It - Sleaford Mods Ft. Amy Taylor

Jason Williamson über die Kollaboration: "Ich habe mit Billy Nomates schon auf ihrem Debütalbum zusammengearbeitet, es ist ja erst vor Kurzem erschienen. Und was Amy Taylor betrifft: wir sind große Fans von Amyl And The Sniffers. Wir dachten einfach, es wäre eine gute Idee, auch Amy einzuladen. Ihre Art zu singen ist meinen Vocals ziemlich ähnlich. Außerdem stehe ich voll auf ihre Texte. Mit beiden hat es wunderbar funktioniert und wir sind ziemlich happy mit den Kollaborationen."

Wenn wütende Männer erwachsen werden

Die neuen Songs wirken nicht mehr ganz so nihilistisch. Die Aggressionen und die Wut, für die Sleaford Mods von den Kritikern so abgefeiert wurden, sind nicht mehr so deutlich spürbar. Und dafür gibt es einen Grund, sagt Jason: "Wir haben uns einfach weiterentwickelt. Wir wollen uns nicht ständig wiederholen. Es hätte sich einfach falsch angefühlt, schon wieder so aggro zu klingen. Wir sind als Künstler gewachsen. Wir befinden uns nicht mehr in derselben Lebenssituation wie noch vor einigen Jahren. Deshalb war es ganz logisch, dass wir Veränderungen zulassen."

Der Wandel ist auch an den Texten nicht spurlos vorbeigegangen. Natürlich flucht und schimpft Jason noch wie Rohrspatz. Und er ist weit davon entfernt, Liebeslieder zu schreiben oder Partyhits. Aber der Blick auf die Working Class, auf Frust und Arbeitslosigkeit, auf die schlechten Löhnen oder soziale Ungerechtigkeit: dieser Blick hat sich verändert.

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Sleaford Mods - Shortcummings | Bild: Sleaford Mods (via YouTube)

Sleaford Mods - Shortcummings

Die zornige Stimme des kleinen Mannes

"Ich singe natürlich nicht über die gleichen Dinge, über die ich früher gesungen habe", sagt Jason. "Weil ich keinem normalen Job mehr nachgehe. Ich bin kein "Jobseeker" mehr. Aber diese Dinge werden immer eine Rolle in meinen Texten spielen, denn das ist meine Geschichte, da komme ich her. Mir ist es wichtig, so wahrhaftig und ehrlich wie möglich über mich und meine Umwelt zu erzählen, wenn ich neue Songs aufnehme.

Mit dem "Spare Ribs" sind Sleaford übrigens auch zu ihrem alten Label Rough Trade zurückgekehrt. Kein DIY mehr. Jetzt müssen Sleaford Mods nur noch die Folgen des Brexits verkraften und den Lockdown überwinden, dann könnten sie die neuen Songs bald live in ganz Europa präsentieren. Die beiden Briten könnten immer noch in jeder Spelunke auftreten. Sie brauchen nur zwei leere Bierkästen unter ihrem Laptop und ein Mikrofon.


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