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Mona El Omari über Coming-outs LGBTIQ* leben nicht sicher in unserer Gesellschaft - aber unter dem Druck, ihre Sexualität preisgeben zu müssen

Am Sonntag war internationaler Coming-out-Tag. Sozialpädagogin und Empowerment-Trainerin Mona El Omari sagt, in Deutschland sei der Druck, sich als queer zu outen recht groß. Aber warum muss man über seine Sexualität überhaupt Rechenschaft ablegen?

Von: Nabila Abdel Aziz

Stand: 12.10.2020

Mona El-Omari | Bild: Privat

Zündfunk: Warum denkst du, gibt es in unserer Gesellschaft eine gewisse Erwartungshaltung an queere Menschen zu einem Coming-out?

Mona El Omari: Ich glaube, für die Gesellschaft ist dieses Reden über das Coming-out ganz oft eine Strategie der Rückversicherungen darüber, wie offen, tolerant, demokratisch und liberal man so ist. So nach dem Thema 'Bitte macht euer Coming-out, damit wir wissen, wir sind gut'.

Und für queere Communities selbst, warum glaubst du, gibt es dort das Interesse an einem Coming-out?

Ich glaube, dass es für Communities, in denen es um Coming-out im Sinne geht von einer eigenen Positionierung, einem eigenen 'sich Zeigen' - da kann ein Ziel tatsächlich sein, Repräsentation zu erfahren, das 'Gesehen werden' zu erfahren. Wobei natürlich dieses 'Gesehen werden' auch nicht ungefährlich oder ohne Risiko ist. Es ist tatsächlich meiner Erfahrung nach auch ein zweischneidiges Schwert, aber es hat ganz viel mit Akzeptanz und Anerkennung zu tun, so ganz nur menschlichen Bedürfnissen.

Warum sprichst du von einem zweischneidigem Schwert? Weil 'sich outen' immer noch mit negativen Konsequenzen einhergeht?

Queere Menschen müssen irgendwie immer noch vorsichtig sein, wo, in welcher Öffentlichkeit, in welchen Räumen sie überhaupt auch nur im entferntesten Maße Zuneigung zeigen.

Kann es sein, dass deine Kritik am Coming-out vielleicht auch daher kommt, dass queere Menschen in unserer Gesellschaft immer noch nicht sicher sind, aber gleichzeitig dazu gedrängt werden, Rechenschaft über ihre Sexualität abzulegen?

Ich habe den Eindruck, dass es mittlerweile wirklich so eine Art Druck zum Coming-out gibt. Im Sinne von: 'Solange du kein Coming-out hattest, bist du nicht wirklich queer', oder 'Erst, wenn du dein Coming Out hattest, kannst du total frei leben'. Das sind so Erwartungshaltungen, die sich diffus oder auch teilweise sehr explizit finden. Ein Kritikpunkt, den ich daran hätte, wäre, dass das natürlich nicht für alle zutreffen muss. Nicht für alle wird das Leben besser, rosiger, leichter, wenn sie ein Coming-out haben. Und da geht es mir jetzt nicht nur hauptsächlich um zum Beispiel nicht-weiße Communities. Ich möchte mit keiner Silbe sagen, dass nicht-weiße Communities, also Schwarze, indigene, PoC-Communities homophober sind als Weiße. Überhaupt nicht. Zum Beispiel werden sich die lesbische Heike oder der schwule Jens in Hintertupfingen im kleinen Dorf das auch dreimal überlegen, ob das für sie das Leben leichter und sicherer macht, wenn sie in ihrem kleinen Dörfchen ihr Coming-out haben oder ob sie es eben nicht tun. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass das Coming-out sich ja tatsächlich auch nur auf solche Formen von Sexualität und romantischen Beziehungen bezieht,, wo es Vorstellungen von einer Abnormalität gibt: Heterosexuelle Menschen müssen sich nicht outen, cis-geschlechtliche Menschen müssen sich nicht outen. Immer da, wo es um die "Abweichung von der Norm" geht, da wird das erwartet und damit wird so eine Norm ja auch aufrechterhalten. Ich glaube, ich könnte vielleicht mit dem Konzept Coming-out mehr anfangen, wenn das alle machen müssten. Also wenn diese Erwartungen an alle gerichtet würde. Wenn dann auch heterosexuelle Menschen gefragt werden würden: 'Ja, wir haben denn deine Eltern reagiert, als sie erfahren haben, dass du hetero bist? War das okay? Sprechen die noch mit dir?'

Das heißt: Coming-out für alle wäre deiner Meinung nach eine bessere Idee. Was wäre denn sonst noch eine bessere Lösung für queere Menschen als ein öffentliches Coming-out?

Meine spezifische Utopie, wenn es um Coming-out geht, wäre, dass das Konzept einfach irgendwann obsolet wird. Ein Coming-out bedeutet ja auf eine Art und Weise, sich aus einem Versteck, aus einer dunklen Ecke ins Licht zu stellen. Ich glaube, mein Wunsch wäre, dass entweder einfach überall "Licht" sein könnte und Coming-outs nicht nötig sind. Oder aber auch, dass die dunkle Ecke vielleicht gar nicht mehr als so problematisch angesehen wird. Meine Utopie ist es, frei zu sein sich zu entscheiden. Ich glaube, wenn wir die alle hätten, dann wäre ich meiner Utopie schon richtig nahe.


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