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Der Soundtrack des Arabischen Frühlings Solltet Ihr unbedingt kennen lernen: Sieben Künstler, die die arabische Musikwelt revolutionieren

Politisch hat der Arabische Frühling wenig verändert, die Popkultur aber hat er auf den Kopf gestellt. Die arabische Musikwelt explodierte. Nabila Abdel Aziz stellt Euch sieben Künster vor, die Ihr unbedingt kennen solltet.

Stand: 07.02.2019

Mashrou Leila - Roman (Videostill) | Bild: Mashrou Leila

Musik die wilder, ungeschönter, weniger kommerziell und mutiger ist: Nachdem jahrzehntelang weichgespülte Schnulzen alles dominierten, entstanden mit dem Arabischen Frühling neue Genres und gewagtere Texte, die Produktion wurde experimenteller, die Künstler unterschiedlicher. Und die Revolution beeinflusste nicht nur die Musik. Auch die Musik die Revolution: Der tunesische Rapper El Général half dabei, die Proteste in Tunesien zu entfachen. Auf dem Tahrir Platz in Kairo sangen tausende gemeinsam Protestlieder. Und selbst dort, wo die Demonstrationen längst vorbei sind, tragen Musiker den Wandel fort, indem sie gegen Sexismus, Homophobie oder Korruption singen.

Hier ist eine Übersicht über Künstler, die den Soundtrack zur Revolution liefern:

1. Badiaa Bouhrizi

Als sich noch fast niemand traute, gab es eine tunesische Sängerin, die furchtlos gegen Korruption und Ungleichheit ansang: Badiaa Bouhrizi kritisierte schon vor den Aufständen die Brutalität des tunesischen Regimes, das gewaltsam gegen Demonstranten vorging. 2008 wurde ihr verboten in Tunesien aufzutreten. Daraufhin zog sie nach Großbritannien und stellte sich dort singend und protestierend vor das tunesische Konsulat. Aber auch musikalisch ist Baadia Bouhrizi Pionierin: Lange bevor es Mainstream wurde, kombinierte sie arabische Texte mit Einflüssen aus Jazz, Soul, Electronica und Reggae. Mittlerweile tritt sie auch wieder in Tunesien auf, mit ihrem Solo-Projekt Neysatu.

2. Hamada Ben Amor aka El Général

Hamada Ben Amor war ein nahezu unbekannter Hobby-Rapper, bis er am 7. November 2010 einen wütenden Track in den sozialen Medien veröffentlichte - und die tunesische Revolution mit anstoß. In seinem Song „Rais Le Bled“ heißt es: „Präsident, dein Land ist tot. Menschen essen Abfall. Sieh dir an, was passiert. Überall Elend. Kein Platz zum Schlafen. Ich spreche für die Menschen, die leiden. Boden unter den Füßen.“ Nachdem er noch ein zweites Protestlied veröffentlichte, landete Hamada Ben Amor im Gefängnis. Aber zu dem Zeitpunkt hörten „Rais Le Bled“ schon Menschen von Marrakesch bis nach Kairo. Er kam wieder frei und wurde bei der Rückkehr in seine Heimatstadt gefeiert wie ein Nationalheld. Rais Le Bled war die Hymne der Jasminrevolution. Und machte vielen Mut. Hamada Ben Amors Beispiel zeigte: Künstler können das Regime kritisieren und damit durchkommen.

3. Ramy Essam

Elf Tage nachdem der tunesische Präsident das Land verlassen hatte, sprang der Funke auf das nächste Land über. Am 25. Januar 2011 begannen in ganz Ägypten Massendemonstrationen mit dem Tahrir Platz in Kairo als Zentrum des Protests. Mittendrin: Ramy Essam, ein junger Student, der aus all den Parolen, die dort hin und herflogen, ein Lied machte: „Irhal“ („Verschwinde“). Später wurden noch viele Lieder über den Aufstand geschrieben, aber „Irhal“ war das wahre Lied der Revolution. Ramy Essam verbrachte die gesamte Zeit des Protests in einem Zelt auf dem Tahrir Platz, wurde bei Straßenschlachten verletzt und sang immer wieder zusammen mit hunderten anderen Demonstranten: „Wir haben eine Forderung: Verschwinde“. Heute lebt er in Finnland und Schweden im Exil.

4. Yasmine Hamdan

Yasmine Hamdan ist die Godmother der arabischen Indie-Szene. Schon 1997 gründete sie die wahrscheinlich erste Indiepop Band der arabischen Welt im Libanon, Soapkills. Sie brach das Tabu, klassische arabische Musik mit stilfremden Elementen zu mixen und sang feministische Zeilen des palästinensischen Nationalpoeten Mahmoud Darwisch zu Elektrosounds. Ihre Texte sind intim und poetisch, nie offensiv politisch. Und doch sagt Yasmin Hamdan, sie sehe sich auch als Aktivistin. In ihrem Lied „Balad“ wird sie ausnahmsweise direkt: „Gerüchte beherrschen uns. Überall Mauern von Kriegen und Spaltung. Alle müde und mutlos. Ich habe aufgegeben, ich muss kämpfen, jeden Tag. Die Kosten des Lebens machen mich wütend. Ich bin der Bürger, der verraten wurde.“ Ihr Song für den Jim Jarmusch-Film „Only Lovers Left Alive“, „Hal“, wurde für den Oscar nominiert. Yasmine Hamdan nennt sich nicht Feministin, aber schon ihre Existenz als selbstbestimmte arabische Sängerin ist ein feministischer Akt und das schon seit zwei Jahrzehnten.

 5. Mashrou Leila

Homophobie, Nationalismus, Rassismus – nicht nur, dass die Indierock-Band Mashrou’Leila in ihren Texten schwierige Themen anspricht, sie haben auch einen offen schwulen Frontsänger. Hamed Sinno gilt als der Freddie Mercury des Nahen Ostens. Mashrou’Leila gründeten sich vor zehn Jahren an der Uni in Beirut. Heute geben sie auf der ganzen Welt Konzerte. Nur nicht in den Nachbarländern Ägypten und Jordanien – dort haben sie Auftrittsverbot. Bei ihrem letzten Konzert in Ägypten schwenkten Fans Regenbogenfahnen und wurden prompt dafür verhaftet. Und ihr letzter Song ist zu einer feministischen Hymne im ganzen Nahen Osten geworden. „Roman“ handelt von der Zwickmühle, in der sich arabische und muslimische Frauen befinden - zwischen westlicher Bevormundung und heimischem Patriarchat. Und die Frau im Video scheint zu tanzen, wie die wenigsten Frauen in Popvideos tanzen, ob im Nahen Osten oder anderswo: Für sich selbst, nicht für den männlichen Betrachter.

6. Mahraganat – Electro Chaabi

In den Slums von Kairo entstand während der Demonstrationen ein komplett neues Genre: Mahraganat oder Electro Chaabi. Ein am Computer gemixter Misch-Masch von Auto-Tune Rap, lokalen Rythmen und provozierenden Texten, oft profan, manchmal politisch, immer hart an der Grenze zum gesellschaftlich Akzeptierten. Auch ihre Unterstützung für die Revolution ist nicht ohne Ironie. DJ Amr Haha und Figo texten: „Das Volk will fünf Pfund Handyguthaben. Das Volk will das Regime stürzen. Aber das Volk ist so scheiß müde.“ Mahraganat ist Musik von der Straße, von den Eliten oft verpönt. Mahmoud Refat, Producer beim Label 100Copies, bringt was Mahraganat ist in einem Interview auf den Punkt: „Scheiß auf die Kultur der Elite. Sie kann nicht entscheiden, was experimentell, neu oder anders ist.“ Mittlerweile spielen Mahraganat-Künstler auch in Europa.

7. Und im Sudan geht es weiter...Sammany Hajo

Acht Jahre nach der Jasminrevolution in Tunesien riskieren jetzt Sudanesen ihr Leben im Kampf gegen die Diktatur. Und auch hier reichen die Proteste in die Pop-Kultur. Während des jahrzehntelangen Bürgerkriegs und verschiedener islamisch-konservativer Regierungen, verließen viele Künstler das Land. Die Musikszene war gelähmt, alternative Musik konnte kaum existieren. Jetzt haben die Aufstände aber etwas losgetreten und dafür gesorgt, dass Künstler in den sozialen Medien neue Musik posten, unterlegt mit Bildern der Proteste: Männer und Frauen, die sich mit Masken gegen Tränengas schützen, Polizisten, die mit scharfer Munition auf Demonstranten schießen, Kinder, die über Blutlachen auf dem Boden springen. Ein Song mit mehreren tausend Klicks ist „Sudan Revolts“ von Sammany Hajo, ein Mix aus Protestslogans, politischen Reden, sudanesischen Rhythmen und Kinderstimmen, die immer wieder „Bashirs Macht ist grausam“ wiederholen.  Eins ist klar, der Song wird nur einer von vielen im Soundtrack der Revolution sein.


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