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Interview Sibylle Berg über die Zukunft und Musik in ihrem Roman "GRM - Brainfuck"

Sibylle Bergs neues Buch zeichnet eine düstere dystopischen Zukunft der totalen Überwachung. Doch von einer solchen Welt sind wir nur noch einen Katzensprung entfernt, sagt die Schriftstellerin.

Von: Oliver Buschek

Stand: 24.04.2019

Sibylle Berg | Bild: picture-alliance/dpa

Sibylle Bergs neuer Roman "GRM - Brainfuck" erzählt von einer Gruppe Kinder, die in einem Überwachungsstaat aufwachsen und sich auflehnen gegen ein System, das für die Armen nur Weißbrot, Margarine und Drogen in der Gosse übrig hat. Der Roman spielt in Rochdale in England - ein Ort, den Sibylle Berg während ihrer Recherchen selbst besucht hat.

Oliver Buschek: Ihr Roman zeichnet kein sehr optimistisches Bild von der Welt. Wie ist diese Zukunftsvision entstanden?

Sibylle Berg: Das, was ich vor Ort in England gesehen habe und in den ganzen Gesprächen mit Wissenschaftlerinnen erfahren habe war nur bedingt... toll. Es gibt viel Fortschritt: Wir werden länger leben, die Medizin macht Fortschritte und so weiter. Auf der anderen Seite wird es vermutlich härter werden. Das merkt man auch schon seit ein paar Jahren. Es wird, für das was man früher den Mittelstand oder den unteren Mittelstand nannte sehr sehr anstrengend.

Sie waren in Rochdale, haben sich den angeguckt, diesen Ort, der ja offenbar ein Ort für die Verlierer des Neoliberalismus ist. Für die, die irgendwie sehen müssen, wie sie über die Runden kommen. Wie sieht der jetzt aus? Noch vor der Zukunft, die Sie im Roman ausmalen?

Ich bin sehr viel herumgereist in allen Orten, die sagen wir mal nicht Londoner Innenstadt oder Oxford sind. Und was in sehr vielen Orten zu sehen war, waren gar nicht mal Verlierer, weil dann müsste es ja auch Gewinner geben. Es war das Gefühl, dass mindestens ein Viertel der Bevölkerung in England nicht mehr benötigt wird. Einfach für nichts, nicht zum Konsumieren, nicht zur Steigerung der Werterhaltungskette, für nichts. Dieser angekündigte Klassenkampf oder der Kampf der Reichen gegen die Armen ließ sich sehr gut beobachten, in einer Härte, die wir noch nicht so kennen.

In der Welt, die Sie beschreiben, können die Armen nur noch mit Organspenden legal an Geld kommen oder indem sie sich einen Überwachungschip implantieren lassen. Ist das alles satirische Zuspitzung oder erwarten Sie, dass es so kommen wird?

Das mit den Chips ist ja unsinnig eigentlich. Wir sind schon komplett überwacht, in Großbritannien noch einen Zacken mehr als wir. Dort hat es noch zusätzlich die ganzen biometrischen Kameras an jeder Ecke. Und das sind Entwicklungen, die kommen bei uns, die werden getestet. Bei der Krankenkasse kannst du schon deinen Fitness-Tracker mit der Kasse koppeln, bei uns in der Schweiz geht das, und wenn du dich gut bewegst und gut isst und nicht zu viel trinkst, dann kannst du Prämie sparen.

Also, das geht schon alles in eine Richtung des total kontrollierten oder sich selbst kontrollierenden Menschen. Das ist nicht weit weg von diesem System, was China gerade einführt, also die Bürger-Punkte, die dich belohnen, wenn du dich gut und ordentlich verhältst. Und diese Vision der kompletten Kontrolle mithilfe von Algorithmen ist einfach zu verlockend als dass die Staaten das nicht machen würden.

Sie beschäftigen sich mit dem Thema ja schon länger. Andererseits hat man den Eindruck dass genau dieses Thema Überwachung an ganz vielen Leuten irgendwo vorbeigeht, weil sie sagen "Ich habe nichts zu verbergen".

Das ist schade. Ich glaube auch nicht, dass sich das ändern wird. Die Digitalisierung in unserem privaten Leben ist einfach zu verlockend. Es ist einfach wunderbar, sich einen sprachgesteuerten Service-Assistent in die Wohnung zu stellen oder Siri zu nutzen. Unsere Endgeräte tragen wir mit uns und sind damit ortbar, unsere Stimmen werden aufgezeichnet. Das sind Sachen, die spürt man nicht, die tun nicht weh.

Kaum einer kann sich vorstellen, was es eigentlich bedeutet. Das Schlimmste, was sich die Menschen vorstellen können: "Okay die kennen mich und Cambridge Analytica ist aufgeflogen, da wusste man irgendwie, die kennen mich besser als mein Partner oder meine Eltern. Aber das heißt ja nur, dass ich personalisierte Werbung kriege. Die klicke ich halt weg."

Dass es dann wirklich einmal zu einem Punktesystem kommen kann, das ist sehr utopisch. Es ist ungreifbar und unvorstellbar, weil jeder von sich denkt, er verhält sich doch eigentlich gesetzeskonform. Nur weiß eben auch keiner, dass sich Gesetze ändern können, Regierungen ändern können, dass neue Machtverhältnisse entstehen können. Das ist etwas, was ich bedenklich finde.

Jetzt müssen wir zum Schluss noch über Grime sprechen, Titel ihres Buches und der Soundtrack ihrer Helden. Wie sind Sie auf Grime gestoßen und welche Funktion hat diese Musik in dem Buch?

Zufällig. Ich mag Rap, aber ich kannte Grime nicht speziell. Ich hatte bei meinen Touren sehr viele Menschen, die mich durch ihre Viertel geführt haben und ich merkte bei diesen Touren, dass die Jugendlichen alle auf ihre Endgeräte starren und Grime-Videos gucken. Es ist ein sehr flächendeckender Trend, sehr einheitlich. Und dann fing ich an, zu untersuchen, was das ist. Ich bin auf Grime-Konzerte gegangen und habe Leute getroffen, die das machen. Und merkte dann, das ist gut, das ist Wut und Rhythmus und das passt für das Buch.


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