Bayern 2 - Zündfunk

Debatte über trans Personen „Ich habe das Gefühl, dass manche Feministinnen ihre Frustration auf die Falschen lenken“

Trans Personen sind immer wieder Gegenstand einer giftigen Debatte – und Opfer von Hass. Dabei geht es ihnen eigentlich nur um ein Leben frei von Unterdrückung. Die Publizistin Shon Faye hat darüber ein Buch geschrieben: „Die Transgender-Frage“. Im Interview erklärt sie, was sie an der Debatte am meisten stört.

Von: Paula Lochte

Stand: 27.07.2022

Die Autorin Shon Faye | Bild: Paul Samuel White

Obwohl sie weniger als ein Prozent der europäischen Bevölkerung ausmachen, sind sie Gegenstand einer giftigen und zunehmend polarisierten Debatte: trans Personen. Nicht nur von rechtspopulistischer Seite, sondern auch aus der feministischen und schwul-lesbischen Bewegung schlägt ihnen Gegenwind entgegen. Und das „obwohl trans Personen die gleichen Ziele wie andere marginalisierte Gruppen erkämpfen möchten – ein Leben frei von Unterdrückung und Gewalt“, so die britische Publizistin Shon Faye. Gerade ist ihr Buch „Die Transgender-Frage“ im Hanser-Verlag erschienen.

Zündfunk: Was genau kann man sich eigentlich unter der „Transgender-Frage“ vorstellen?

Shon Faye: Diese Formulierung, „Die Transgender Frage“, haben rechte, konservative Medien oft verwendet. Und diese Formulierung hat mich geärgert. Denn sie suggeriert, dass es hier um ein Problem geht, dass die trans Community, zu der ich gehöre, eine Plage ist oder ein ideologisches Projekt. Dabei geht es um unser Leben. Also wollte ich diese Phrase nehmen, neu besetzen und sagen: Das sind die wahren Probleme, mit denen trans Personen konfrontiert sind.

Und was sind diese wahren Probleme?

Trans Personen werden noch immer stark diskriminiert und stigmatisiert. In Großbritannien war zum Beispiel eine von vier trans Personen mal obdachlos, das ist eine überdurchschnittlich hohe Zahl! Und das ist nur eines von vielen Beispielen. Trans Personen erleben Armut, Zurückweisung von der Familie oder ihrem Umfeld, Mobbing in der Ausbildung, Diskriminierung am Arbeitsplatz. Und es gibt ein sehr toxisches Narrativ in manchen Medien, die trans Personen nicht als diskriminierte Gruppe zeigen, sondern als eine Art „mächtige Lobby“, die gegen den Rest der Gesellschaft Krieg führt. Trans Personen leiden extrem darunter.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass trans Personen Gegenstand einer giftigen und polarisierten Debatte sind – und interessanterweise werden sie nicht nur von rechten Populisten attackiert, sondern auch von Feministinnen und Menschen aus der schwul-lesbischen Bewegung. Wie erklären Sie sich das?

Viele Feministinnen haben eine sehr gerechtfertigte Angst vor männlicher Gewalt, und davor, dass es für Frauen zu wenig Unterstützung gibt, auch weil in den vergangenen 15 Jahren die konservative britische Regierung diese im Zuge von Sparmaßnahmen verringert hat. Aber ich habe das Gefühl, dass manche Feministinnen oder Homosexuelle ihre Frustration auf die Falschen lenken. Das wird befördert durch konservative Medien. Am Ende soll man denken, dass es trans Personen sind, die die Rechte oder Sicherheit anderer beeinträchtigen. Dass manche Menschen trans Personen als Bedrohung sehen, und nicht den wachsenden Konservatismus, ist ein Problem.

Das ist nicht nur in Großbritannien zu beobachten, sondern in ganz Europa und in den USA, wo Konservative versuchen, die Rechte von homosexuellen Menschen einzuschränken, genauso wie sie Frauen das Recht auf körperliche Selbstbestimmung nehmen wollen. Stichwort Verhütung oder Abtreibung. Deshalb wäre es wichtig, an einem Strang zu ziehen, anstatt sich gegeneinander ausspielen zu lassen.

Wie kann das gelingen?

Als Allererstes sollten wir alle unsere Social-Media-Accounts löschen und die Debatten nicht mehr über die sozialen Medien führen.

Also einfach raus aus Twitter!

Ja, absolut. Die sozialen Medien sind keine neutralen Akteure in diesem Kulturkampf. Sie fördern die Polarisierung, es ist sehr schwer, dort differenzierte Debatten zu führen. Sie leben von Empörung und Desinformation. Diese Orte sind also sehr toxisch, wenn es darum geht, dass verschiedene marginalisierte Gruppen sich miteinander solidarisieren. Wir sollten uns in der echten Welt treffen statt online, und uns zu politischen Bewegungen zusammenschließen. Denn wenn man sich erstmal kennengelernt hat, dann ist man sich zwar auch nicht bei allem einig, aber es ist leichter, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Das finde ich sehr wichtig.

Übersetzung des Interviews aus dem Englischen ins Deutsche: Kristina Kobl

„Die Transgender-Frage“ von Shon Faye ist übersetzt aus dem Englischen von Jayrôme C. Robinet und Claudia Voit bei hanserblau erschienen (336 Seiten, 25 Euro).