Bayern 2 - Zündfunk


13

Keine Angst vor vor Algorithmen! Algorave - Wie die britische Musikerin Shelly Knotts Raves codet

Einen Rave coden: Was vor fünf Jahren als kleine Bewegung in Sheffield anfing, hat es dieses Jahr aufs legendäre Glastonbury Festival geschafft. Wir haben mit der Musikerin Shelly Knotts darüber gesprochen, warum Algorave vielleicht die coolste Innovation der Elektro-Szene ist.

Von: Maria Fedorova

Stand: 11.07.2019

Musikerin Shelley Knotts | Bild: Shelley Knotts

Es hat mit diesem etwas sperrigem Titel angefangen: „Live-Coding-Performances“. Heute kommt die neue Musikbewegung mit einem viel poppigeren Namen um die Ecke: „Algorave“. Dabei steht „Algo“ für „Algorithm“ und Rave eben für: Rave. Es treffen sich: Party und Programmieren. Eine der Frontfrauen dieser Bewegung heißt Shelly Knotts. „Algorave fühlt sich an wie jede andere Tanzparty auch, aber der kreative Prozess ist total anders. Hier geht es vielmehr ums Improvisieren, um etwas, das im Moment entsteht“, erklärt sie. Shelly Knotts arbeitet an ihrem PhD in „Live Computer Music“, spielt solo und in Kunstkollektiven und lehrt Live-Coding in Workshops. Gerne tauscht sie Seminarräume gegen Raves.

Shelly Knotts auf dem Zündfunk Netzkongress

Am 8. und 9. November 2019 findet in München der Zündfunk Netzkongress statt. Dort könnt Ihr an einem Workshop von Shelly Knotts teilnehmen.

Meistens fängt Shelly so an: In einer Musiksoftware schreibt sie Befehle, die lauten können: Setze immer bei DIESER Stelle einen Synthesizer ein, oder einen Pitch. Und so weiter. Das geht so lange bis sich der Sound zu einem Song aufgebaut hat.

Alles passiert live

Bei Algoraves passiert alles live. Die Musik entsteht in dem Moment, in dem Shelly Code eintippt. Der Code wird direkt auf einer Leinwand sichtbar gemacht. Wer also Code lesen kann, der kann die Entstehung der Tracks nachverfolgen. Abstrakte Algorithmen praktisch zum Anfassen.

Das Ergebnis ist zum Teil unberechenbar, ein Tippfehler kann den Groove in eine falsche Richtung lenken – oder alles noch besser klingen lassen. Für Shelly Knotts ein besonderer Kick beim Live-Coding: „Vor Algoraves habe ich experimentelle Musik und Noise gemacht. Ich empfand es aber als sehr einschränkend, meine Tracks im Voraus zu planen und zu komponieren. Ich habe auch mit Jazz-Musikerinnen gespielt und beobachtet, wie frei sie mit Sounds umgehen. Deswegen wollte ich Live-Coding ausprobieren - als eine Möglichkeit, Musik zu machen, dabei zu improvisieren und den Prozess unmittelbar zu erleben.“

Von Free Jazz und Punk inspiriert

Musik als Code

Shelly Knotts sieht Algoraves eher in der Tradition von Free Jazz und Punk, also rotzig, ungeplant und in Fundamentalopposition zu den hochpolierten, perfekt gemischten elektronischen Sounds der Club-Schickeria. Der DIY-Touch und das Learning by Doing gehören genauso dazu wie der „Community-Ethos“: „In der Algorave-Szene unterstützen wir uns gegenseitig. Jeder und jede wird ermutigt einzusteigen und sofort Sets zu spielen. Wenn du ein paar Zeilen Code schreiben und damit Beats produzierst kannst, dann kannst du auch einen Algorave vor Leuten spielen – das ist super cool! Es gibt viele Algorave-Workshops in Großbritannien. Viele sind nur für Frauen, damit die Bewegung divers bleibt. Wir haben auch einen Verhaltenskodex entwickelt, als Antwort auf die bestehende Musikszene. Beispielsweise sind Algorave-Line-Ups, die nur aus weißen männlichen Musikern bestehen, ein No-Go.“

Es zählt das Kollektiv

Algorave ist auch eine Fortsetzung des Open Source Konzepts, in der nicht der einzelne Autor zählt, sondern das Kollektiv: Jeder kann den Code sehen, ihn weiterschreiben, kann Teile des Codes kopieren und nochmal recyceln. „Algoraver haben ein starkes Interesse an diesem Konzept des Teilens, von Offenheit und von Zugänglichkeit zu Ressourcen. Ich glaube, damit sind wir irgendwie auch antikapitalistisch und kollektivistisch“, erklärt Shelly Knotts.

Es geht also nicht nur um die Zukunft der elektronischen Musik, sondern vielmehr um eine kreative Utopie: Den Menschen die Angst vor Algorithmen nehmen, den kreativen Prozess in den Vordergrund stellen und damit die Regeln der Musikszene Sdurchbrechen.


13