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Neue Disney-Serie She-Hulk im antifeministischen Shitstorm - doch die Serie hat ein anderes, altbekanntes Problem

Die neue Marvel-Serie „She-Hulk“ wurde schon vor der ersten Folge für ihren Feminismus kritisiert. Im Netz klagten viele über die Wokeness von Marvel und entluden ihre Wut auf die Serie. Warum das eine Debatte ist, die am eigentlichen Problem vorbeigeht.

Author: Ferdinand Meyen

Published at: 24-8-2022

She-Hulk und Smart-Hulk in der Serie "She-Hulk" | Bild: courtesey of Marvel

Spoiler-Warnung für Folge eins von „She-Hulk“.

In der ersten Szene von „She-Hulk“ geht es – seufz – mal wieder um folgende Frage: „Welche Verantwortung haben jene, die Macht haben?“ Es ist der erste Satz, den Serienheldin Jen in die Kamera sagen muss. Die alte Leier, die Marvel Fans seit dem Tod Onkel Bens im ersten Spiderman aus den Nullerjahren aus den Ohren hängen dürfte und die zur Marvel-Franchise gehört wie ein Glückskeks zum Mittagsmenü im chinesischen Restaurant: Mit großer Macht kommt große Verantwortung! Ja, ja, es geht mal wieder um die Frage, was man mit den Superkräften, die einem gegeben wurden, anstellt.

She-Hulk wegen Wokeness im Shitstorm

Flexible Hosen sind wichtig für Hulks.

Was sich im Verlauf der ersten Folge dann jedoch entwickelt, ist ziemlich interessant – und spaltet gerade die Marvel-Fans. Der Serie wird vorgeworfen, zu woke zu sein. So kam’s dazu: Jen erklärt uns in Folge eins, wie sie zur She-Hulk wurde. Sie war mit ihrem Cousin Bruce Banner unterwegs, hatte einen Unfall und als sich ihr Blut mit dem des Hulks vermischte, wurde sie von Gammastrahlen verseucht und dann aufgrund eines Gendeffekts selbst zur Hulkin. Smart-Hulk ist besorgt, schließlich hat er eine lange Geschichte mit Aggressionsproblemen und fürchtet, dass seine Cousine jetzt das Gleiche durchmachen muss. Doch weit gefehlt. Aggressions-Management und Affekt-Kontrolle sind für Jen nämlich kein Problem. Sie sagt: „Angst und Wut? Damit beschreibst du die psychischen Grundlagen quasi jeder Frau.“

Die Botschaft dahinter: Der fragile Mann warnt vor einem psychischen und physischen Höllentrip, 15 Jahre hat Bruce Banner schließlich gebraucht, um zu lernen, die Wut des Hulks zu kontrollieren und zu beherrschen. Doch die Frau kann nur lachen, für sie ist Affekt-Kontrolle – Stichwort „Hysterie-Vorwurf“ – nämlich daily business.

Zu viel Feminismus für die Krieger des Patriarchats

Man kann darüber streiten, ob das alles sinnhaft ist. Man kann sich fragen, ob der Schmerz, der Verlust, die Trauer und die psychischen Probleme, die der Hulk in den vergangenen Filmen erleiden musste, vergleichbar sind mit sexistischen Strukturen in einer Gesellschaft. Aber viele beschweren sich auf Twitter vor allem über die aus ihrer Sicht alberne Story, und werfen der She-Hulk vor, sich genauso zu benehmen wie ein toxischer Mann. Die NZZ hält die Serie deshalb für reaktionär und rückschrittlich, in der Gamestar-Redaktion meint man sogar, dass She-Hulk wegen der Konflikte zwischen Jen und Bruce plump einen Gender-Krieg herbeiführe. Geht es nach manchen Verteidigern der guten, alten Männer-Filme, dürfen solche Debatten also gar nicht geführt werden – und gehören ins Reich der „woken Gaga-Blase“.

Nun ja. Ist es wirklich zu viel verlangt, sich einmal mit einer Frau konfrontiert zu sehen, die mit bestimmten Dingen besser klarkommt als ihr männlicher Counter-Part? Ist es wirklich so schlimm, wenn das Klischee des männlichen Mentors, mit dem der wie immer grandiose Mark Ruffalo ironisch bricht, mal ad absurdum geführt wird? Muss man sich wirklich so über ein paar feministische Spitzen aufregen, zumal sie hier sogar noch mit Augenzwinkern vorgetragen werden? Nein, das darf nicht sein! Jetzt ist Schluss mit Lustig! Jetzt hauen wir mal den Tisch und werden ob dieser grassierenden feministischen Wokeness selbst zum Hulk! Aber nicht zum smarten.

Feministische Spitzen in einer konservativen Story

Dabei liegt das Problem von She-Hulk, soweit man das nach Folge eins schon sagen kann, woanders. Denn eigentlich tut Marvel ja doch nur so, als würden sie uns etwas Neues erzählen. Aber es ist das gleiche Rezept, nur ein bisschen lustiger serviert. Im Grunde wiederholt der Konzern nämlich sein immer gleiches Narrativ, nur garniert er es dieses Mal halt mit ein paar feministischen Spitzen in der Hoffnung auf neue Fans. Am Ende bekommen wir nämlich eine weitere Heldin mit dem Anspruch, ihre Superkräfte für das Gute einzusetzen.

Noch bitterer ist das auch auf feministischer Ebene. Denn das versucht auch Bruce, der Hulk, seiner Cousine ja auch die ganze Zeit zu „mansplainen“. Seiner Meinung nach geht mit ihrer großen Macht nämlich die Verantwortung einher, die Welt zu retten. Ihrer Meinung nach eignen sich dafür aber auch Recht und Gesetz. Sie will lieber Anwältin sein – ihre Karriere und ihren Erfolg nicht einfach opfern, auf das Hirn setzen, statt auf die Superkräfte. „Das ist eine Anwaltserie“, sagt Jen in die Kamera. Hurra, denkt man kurz. Ist das Gesetz vielleicht am Ende doch einmal die stärkere Waffe und übertrumpft sogar mal die Avengers? Setzt sich hier gerade wirklich mal eine Frau über die Weisheit des männlichen Mentors hinweg?

Diese Freude wird mit dem Vorschlaghammer eingerissen. Als sich Jen ins Gericht aufmacht, knallt’s. Eine uns bisher unbekannte Super-Schurkin erscheint auf der Bildfläche und die Anwältin muss zur She-Hulk werden. Schade, aber da hilft das Gesetz dann doch nicht weiter. Der Mann und Mentor hatte Recht! Und in so einer Situation nicht auf seine Superkräfte zurückzugreifen – Das wäre ja wirklich ein Verstoß gegen den alten Marvel-Grundsatz. Große Macht, große Verantwortung.

Zu sehen bei: Disney+