Bayern 2 - Zündfunk


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Sexismus in der Szene "Punk darf nicht alles"

"Sexismus geh sterben, damit Punk nicht noch hässlicher wird". Dieser Artikel auf dem Musikblog Kaput hat eine Debatte über Frauenfeindlichkeit im Punk losgetreten. Wir haben mit drei Punkerinnen über ihre Erfahrungen gesprochen.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 13.01.2021

Bandfoto der Dorks aus Marktl am Inn | Bild: Die Dorks

Dieser Vorwurf, gerichtet an die eigene Szene, die Punkszene, ist schon ein ziemliches Brett: „Ich habe da teilweise Personen oder Bands kennenlernen müssen, die sich nicht stark von einem besoffenen Bauern ums Eck unterscheiden und die auch ihre Frauen nicht anders behandeln.“ Das sagt Lizal – Frontfrau, Sängerin und Gitarristin der bayerischen Punkband Die Dorks. Seit 2006 macht sie Musik, ist mehrfach durch Deutschland getourt – unter anderem als Vorband von den Kassierern.

Sexismus-Erfahrungen in der Punk-Szene

Immer wieder wurde Lizal auf Konzerten mit Sexismus konfrontiert, erzählt sie. Auf einem der ersten Dorks-Konzerte habe zum Beispiel jemand ins Publikum reingebrüllt, ob die Sängerin noch zu haben ist. „Das kam von einem, der widerliche Hobbys hat wie nach Thailand zu fahren und sich da Frauen zu kaufen.“, erzählt Lizal. „Oder auch der Leadsänger einer bekannten Band, der ständig mit jüngeren Frauen im Backstage war und da seinen Status ausgenutzt hat.“

Sexier soll sie werden, damit sich die Dorks besser verkaufen. Das haben ihr am Anfang viele in der Szene geraten. Und ihr wurde gesagt, dass sie als Frau politische Texte schreibt, das würde die Macho-Punks verprellen. Lizal erzählt: „Einmal war es auch wegen Liedtexten wie System der Schande, wo es darum geht, dass Faschismus und Rassismus in der Mitte der Gesellschaft sind.“ Da wurde sie dann als „Kommunisten-Fotze“ beschimpft und aufgefordert von der Bühne zu gehen.

Es ist nicht alles schwarz weiß

Lizal ist bei weiten nicht die Einzige, die in oder von der deutschen Punkszene sexistisch angegriffen wurde. Hat der sich sonst so korrekt gebende Punk also ein Sexismus-Problem? Vielleicht sogar mehr als andere Subkulturen? Die Sängerin der Dorks sagt – man darf es nicht schwarz-weiß sehen. Nicht alle Punks sind sexistische Machos, schon gar nicht die politischen. Aber viele sind trotzdem nicht sensibel genug. Zu viele, findet Diana Ringelsiep, Journalistin und seit vielen Jahren Punkfan: „Es gehört eigentlich fast dazu, dass man, wenn man sich als Frau in einen Moshpit begibt, wenn man vorne reingeht, dass man dabei begrabscht wird.“

Fans rechtfertigen Frauenverachtung mit Punker-Attitüde

Grabschen im Mosh-Pit?! - Diana Ringelsiep hat den Artikel „Sexismus geh sterben, damit Punk nicht noch hässlicher wird“ auf dem Musiblog Kaput geschrieben. In der Szene schlägt er große Wellen. Ihre Argumentation: Die Scheiß-auf-alles-Punker-Attitüde führt zu sexistischem Verhalten – weil Männer behaupten, dass im Punk halt alles geht. Diana Ringelsiep findet aber: „Punk darf nicht alles.“ Denn wenn Punk Sexismus dürfe, gebe es ja überhaupt keine Grenzen mehr. Diana Ringelsiep dreht den Spieß um. Wenn Punk alles darf, wieso darf er dann nicht Sexismus benennen und darüber reden?

Die eigentliche Stärke des Punks: Er sei für die Journalistin eine offene Subkultur, in der alle Willkommen sind und in der man auch aufeinander Acht gibt. Diana Ringelsiep kritisiert sexistische Fans, aber auch die Strukturen im deutschen Punk. Veranstalter, die zu wenig darauf achten, dass Frauen auf ihren Bühnen stehen. Aber was sagen die?

Alex Schwers ist Veranstalter des Ruhrpottrodeos, eines der wichtigsten Festivals im deutschen Punk-Kalender. Auch er trage Verantwortung, könne vieles bewegen, schreibt Diana in ihrem Artikel. Er will sich auf unser Anfrage aber nicht zu dem Thema in diesem Zusammenhang äußern.

Punk und die Konstruktion von Weiblichkeit

Bis wir diese Gesprächsrunde organisiert haben, machen wir weiter mit Fini. Sie ist Sängerin bei Black Square aus Nordrhein-Westfalen. Sie sagt, dass Punkrock leider schon immer ein „Traurige-weiße-Boys-Ding“ war. „Es muss einiges passieren, insbesondere dann, wenn Punkrock relevant bleiben will.“

Für Fini als Frau war es eine riesen Überwindung, sich überhaupt auf eine Bühne zu stellen, zu singen, harte Musik mit politischen Botschaften zu machen – weil die Konstruktion von Weiblichkeit in der Gesellschaft nichts mit Punkrock zu tun hat. Sie sagt: Punk sei etwas, das mit Sittsamkeit oder Unschuld, die eine Frau heutzutage noch verkörpern muss, völlig gegenläufig ist. Das sehe man auch in Filmen oder Serien. „Wenn sich eine Frau politisch radikalisiert, tut sie das nur für ihren Mann oder für ihr Kind aber nicht aus ihrer eigenen politischen Motivation heraus“, erzählt sie.

Ein Genre mit dem Potenzial, das Patriarchat zu brechen

Was tun? Ein klares Nein zu Sexismus würde schon mal helfen – von Bands und von Veranstaltern. Und Fini rät - auch Frauen dürfen sich wie die Männer auf eine Bühne stellen und kein Talent haben. „Das war oder ist für mich auch immer noch ein Prozess und ein Thema, zu sagen: Ich habe trotzdem meine Berechtigung als Sängerin“.

Das Wichtigste, die Essenz des Punks – auch laut Lizal von den Dorks: Sei auf der Bühne einfach du selbst und verstell dich nicht. „Ich komm aus einem sehr kleinen Dorf in Niederbayern, wo das auch heute noch gang und gäbe ist, dass man seinen Kindern klassische Rollenbilder einbläuen soll“, erzählt Lizal. Als Kind habe man ihr gesagt, sie soll sich nicht so aufführen, nicht Fußballspielen. Aber es war ihr immer egal – und der Punk war für sie der Befreiungschlag. Es war klar: „Jetzt kann ich so sein wie ich bin und die Leute finden es geil.“ So sexistisch der Punk an vielen Stellen heute also immer noch ist – so hat er – und das glauben Fini, Lizal und Diana, wie kein anderes Genre das Potenzial, mit dem Patriarchat zu brechen.


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