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Sexismus im E-Sport Wenn es beim Gaming besser ist, sich nicht als Frau zu outen

Frauen haben es in der Gamerszene nicht leicht: Sie werden beschimpft und belästigt. Dabei stellen sie inzwischen fast die Hälfte der Community. Nun gingen Berichte über Vergewaltigungen auf Twitter und Reddit viral. Warum hat sich seit dem ersten Aufschrei, dem sogenannten Gamergate, so wenig getan?

Von: Jan Rothe

Stand: 15.07.2020

Vivian James, Gamergate | Bild: 4chan

Steffi will sich nicht als Frau „outen“. Zu groß sind die Nachteile, die ihr als Gamerin dadurch entstehen würden. Dabei sind 48 Prozent der deutschen Computerspiel-Spielenden heutzutage Frauen. Doch sie müssen viel ertragen: „Das sind nicht selten auch sehr detaillierte Ausführungen darüber, was sie mit mir im Bett anstellen würden, wie sie mich erniedrigen würden oder Beleidigungen dahingehend, dass Frauen doch in die Küche gehören und auf keinem Fall in so ein Spiel. Das nimmt einem einfach den Spaß am Spiel. Und dann war es für mich das kleinere Übel, eben nicht mehr über den Sprachchat zu kommunizieren, was im Spiel prinzipiell vieles vereinfachen würde, aber im Endeffekt geht’s mir damit deutlich besser“, erklärt Steffi.

Mobbing und Vergewaltigungen

Noch schlimmer wird es, wenn es nicht beim größtenteils anonymen Cybermobbing bleibt. In den letzten Wochen kamen immer mehr Fälle von sexuellem und physischem Missbrauch an die Öffentlichkeit – begangen von beliebten Kommentatoren und Persönlichkeiten der E-Sport-Szene. Besonders stark betroffen: Das Online-Computerspiel „Dota 2“, mit monatlich acht Millionen Spielern eines der erfolgreichsten Multiplayer-Games der Welt, bei dem jeweils fünf Spieler*Innen online gegeneinander antreten müssen. Es gibt professionelle Turniere mit Preisgeldern im zweifachen Millionenbereich. Zwei der wichtigsten Kommentatoren sollen in den letzten Jahren Sex mit Fans gehabt haben – gegen deren Willen. Während die Community von den Vorwürfen gegen ihre Helden zunächst sehr überrascht war, sind es langjährige Mitglieder der E-Sport-Szene nicht. Shannon „SUNSfan“ Scotten kommentiert professionelle Dota-Spiele seit zehn Jahren und kennt die beiden mutmaßlichen Vergewaltiger persönlich: “Natürlich weiß man nicht welche Gerüchte stimmen. Das was man weiß, ist aber schlimm genug, um Karrieren zu beenden, so wie es sein sollte. Meine Reaktion auf die Geschichten war nicht ‚Ach du Scheiße, das glaube ich nicht‘, sondern eher ‚Wow, es wurde verdammt nochmal Zeit, dass das ans Licht kommt‘“, erzählt Shannon Scotten in seinem Gaming-Podcast.

MeToo im E-Sport angelangt

Dota 2 wird im Monat von acht Millionen Usern gespielt

Aber wie kommen diese Geschichten ans Licht? Wichtig sind hierfür Twitter und Reddit, auf denen hunderttausende Gamer miteinander kommunizieren. Eine junge Frau hat diese Bühne genutzt, um ihr Trauma aufzuarbeiten und die Geschichte ihrer mutmaßlichen Vergewaltigung gepostet. Daraufhin hat sich der angeklagte Kommentator öffentlich entschuldigt und seinen Rückzug aus der Szene bekannt gegeben. Ermutigt von diesem positiven Verlauf haben immer mehr missbrauchte Frauen und auch Männer ihre Geschichten veröffentlicht. Da viele der Betroffenen selbst in der Gaming-Szene arbeiten, ist die Überwindung enorm groß, weiß die E-Sports-Kommentatorin und ehemalige Managerin der E-Sports-Organisation Digital Chaos, Nikki „Sajedene“ Elise: “Das war echt das Schwerste für mich. Wenn man in einem von Männern dominierten Bereich arbeitet, dann muss man entweder konstant versuchen unsichtbar zu wirken, um weiter machen zu können, oder versuchen, keinen Ärger zu verursachen.“

Die Spiele-Hersteller reagieren

MeToo ist 2020 auch in der E-Sports-Szene angekommen. Das zeigen einerseits die neuesten Entwicklungen in der Ubisoft-Führungsetage und andererseits, dass die meisten der E-Sport-Persönlichkeiten mit Missbrauchs- oder Vergewaltigungsvorwürfen sehr schnell ihren Rückzug aus dem E-Sport und der Öffentlichkeit bekannt gegeben haben. Nikki Elise erklärt in einem Podcast, dass all diese Geschichten jetzt schon etwas Gutes bewirkt haben: “Viele Organisatoren von E-Sport-Events fragen jetzt aktiv nach, wie sie die Events sicherer für Frauen machen können. Da ist bewusstes Bemühen zu erkennen, um Frauen zu inkludieren. Das finde ich fantastisch. Es ist Fortschritt, wir mussten auf dem Weg nur leider ein paar Rückschläge einstecken.“

An der Frauenfeindlichkeit ändert sich wenig

Auch einige Publisher und Hersteller der Spiele haben bereits reagiert. Valve, der Publisher von „Dota 2“, hat jegliche Hinweise auf die mutmaßlichen Vergewaltiger aus dem Spiel entfernt. Diese können somit nicht mehr von den rund acht Millionen Spieler*Innen unterstützt werden, da auf deren Inhalte im Spiel nicht mehr zugegriffen werden kann. Gamerin Steffi bleibt aber skeptisch: „Von den ganzen Maßnahmen, die jetzt ergriffen wurden - dass man sein Profil anonymisieren kann und dass Schimpfwörter zensiert werden - das ändert für mich immer noch nichts an der Grundproblematik. In den Jahren, die ich das Spiel jetzt spiele, hat sich an der Einstellung gegenüber Frauen überhaupt nichts verändert, obwohl die immer präsenter sind, auch im E-Sport. Ich denke, da ist auf jeden Fall noch sehr, sehr viel Verbesserungspotential."


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