Bayern 2 - Zündfunk


13

Album der Woche: "Sex & Food" Rockmusik ist das Dümmste, was man gerade machen kann - und Unknown Mortal Orchestra macht genau das

Polyamorie war zuletzt das große Thema, mit dem sich Ruban Nielson alias Unknown Mortal Orchestra auf Albumlänge beschäftigte. Sein neues Album "Sex & Food" widmet sich Grundsätzlicherem.

Von: Christoph Möller

Stand: 09.04.2018

Lässig beginnt "Sex & Food", das neue Album von Ruban Nielson alias Unknown Mortal Orchestra. Doch dann schrammelt Ruban Nielson einen auf, fast wie Jack White. Oder klingt verspult wie eine Psychedelic-Band aus den 1970ern. Häufiger als auf seinen vorherigen Alben klingt er unerwartet sanft und nachdenklich. Dieses Album hat er auf Reisen aufgenommen - in Vietnam, Südkorea oder auf Island. Und er genießt es: "Ich bin fast die ganze Zeit auf Tour und mittlerweile mag ich dieses Gefühl, ganz leicht orientierungslos zu sein."

"Sex & Food" stellt Kunst über Politik

Der Neuseeländer Nielson hat lange als Illustrator gearbeitet und gar nicht geplant, Musiker zu werden. Bis ein Song, den er 2011 kommentarlos ins Internet hochgeladen hatte, unerwartet zum Hit wurde. Seit zehn Jahren lebt Nielson mittlerweile in den USA. Vom politischen Kasperltheater dort wollte er sich auf "Sex & Food" nicht beirren lassen. Sein Motto: Nichts ist so stark wie die Kunst. "Politik erscheint mir ziemlich unbedeutend. Songs zu schreiben und kreativ zu sein, das ist doch viel größer und wichtiger. Ich wollte nicht, dass die Politik meine Arbeit beschmutzt", sagt er.

Man könnte das als naiv bezeichnen. Oder arrogant. Aber tatsächlich tut es auch wieder mal ganz gut, ein Album aus den USA zu hören, das nicht auf Teufel komm raus jede politische Regung zu kommentieren versucht. Es macht Spaß, Nielson dabei zuzuhören, wie er einfach bloß darüber singt, dass doch so oder so alle verrückt sind.

Rock ist tot? Unknown Mortal Orchestra belebt ihn wieder

Ruban Nielson alias Unknown Mortal Orchestra

Ohne Politik bleibt Zeit für andere Dinge. Zum Beispiel für ziemlich rockige Gitarrensongs, obwohl Rockmusik doch gerade nicht ganz so cool ist. Was Nielson offensichtlich keineswegs abschreckt: "Gerade wenn ein Genre total irrelevant ist, will ich mich unbedingt damit beschäftigen. Aus kommerzieller Sicht ist Rockmusik gerade das Dümmste, was du machen kannst. Ich glaube, es ist vorbei mit ihr. Und es gibt gerade nicht viel guten Rock."

Nielson ist ein Spieler, der ästhetische Herausforderungen mag. Ihn reizt es, das Uncoole wieder cool machen, den Zeitgeist herauszufordern. Deshalb lässt sich "Sex & Food" auch schwer einordnen. Es ist kein Rock-Album, kein Indie-Album, kein Surf-Album, aber von allem ein bisschen. Gut ist "Sex & Food", wenn es etwas wilder wird. Etwa am Ende von "Ministry Of Alienation", wo ein hyperaktives Saxophon ein unbehagliches Gefühl hinterlässt.

Spannend ist auch seine Stimme. Nielson schreit, brabbelt, nuschelt. Es hat etwas Kindliches. Was Spaß bringt, wird gemacht und wird schon richtig sein. "Sex & Food" - der Titel wirkt etwas beliebig, und auch das klangliche Durcheinander ist eine Herausforderung. Doch Unknown Mortal Orchestra, das ist immer noch Musik, die angenehm neben der Spur ist. Und vielleicht sagt das viel mehr über die Gegenwart der USA aus als jeder politische Kommentar.


13