Bayern 2 - Zündfunk

"Schickeria" Diese Serie zeigt, dass München mal cool war - doch verklärt die Vergangenheit

Die Serie „Schickeria“ erzählt von München, als die Stadt ein internationaler Magnet für Kreative war und kein Dorf. Als noch Größen wie Freddie Mercury in der Landeshauptstadt weilten. Doch sie verklärt die Vergangenheit. Eine Kritik.

Von: Nabila Abdel Aziz

Stand: 26.08.2022

Die deutsche Schauspielerin Barbara Valentin wird am 3. Oktober 1984 in einem Münchener Lokal von dem britischen Rock-Sänger Freddie Mercury ("Queen") umarmt. | Bild: picture-alliance / dpa | Ursula Düren

Diese Serie trägt erstmal richtig dick auf. Es heißt: „München war sexy, München war wirklich sexy. Da waren irrsinnig viele Künstler und vor allem sehr viele Musiker in der Stadt. Da passt nur ein einziges Wort dazu: ‚ekstatisch‘“.München, das muss also mal die Stadt der Superlative gewesen sein. Hier gab es die erste Großraumdisko Deutschlands. Musikkneipen wie das Domicile, wo immer wieder Weltstars auftraten. Jimi Hendrix, Led Zeppelin und Jim Morrison gaben sich die Klinke in die Hand. Davon erzählt auch der Moderator Fritz Egner, der selbst mit dabei war. Sein Fazit: „Da konnte eigentlich nur London mithalten einige Zeit!“

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SCHICKERIA Trailer German Deutsch (2022) Prime Video | Bild: Filmtoast (via YouTube)

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München als progressiver Leuchtturm?

In München – daran erinnert die Serie - gab es so gute Studios, dass die Stones oder Queen hier ihre Platten produzierten. Freddie Mercury lebte sogar eine Zeit lang an der Isar. Aber nicht nur das – mitten im konservativen Bayern, so wird es hier beschrieben, war München ein progressiver Leuchtturm: Hier wurde in der Schickeria gegen überholte Moralvorstellungen rebelliert, hier konnte man anders sein, jeder war willkommen, so die Schauspielerin Iris Berben: „München hatte plötzlich die Türen aufgemacht. Es war auch Platz für alle da.“

Meine erste Reaktion auf die Serie als jemand, der in den späten Achtzigern geboren ist: Was habe ich da alles verpasst? München als Musikmekka, München als progressiv und frei. Die Orte, von denen in der Serie gesprochen wird, wie das Domicile oder das Schwabylon – alle nicht mehr da. Das München von heute kann mit der Club- oder Musikszene in Berlin oder Frankfurt nicht mithalten. Die teuren Mieten mache jeden Traum von München als Stadt der Künstler*innen zunichte - und lösen bei den jungen Kreativen, die noch da sind, regelmäßig Fluchtreflexe aus.

War damals wirklich alles so toll?

Fotos aus einer Zeit, in der Freddie Mercury in München feierte

Die zweite Reaktion ist aber auch: War damals wirklich alles so toll? Wer von der großen Sause ausgeschlossen war, dieser Frage räumt die Serie fast keinen Platz ein. Bis auf ein paar Ausnahmen. Moderator Stefan Schneider sagt zum Beispiel: „Es waren natürlich auch viele Münchner Unikate, die es sich leisten konnten, anders zu sein, die es sich leisten konnten, zu feiern und das Leben etwas mehr zu genießen, als die Leute die in der Früh am nächsten Tag um acht Uhr arbeiten müssen.“

Der wilde Hedonismus stand eben noch nie allen offen, sondern nur denen, die sich nicht zu viele Sorgen machen mussten. Wer noch fehlt: In den frühen Siebzigern lebten schon hunderttausende Arbeitsmigrant*innen in Bayern, aus Italien, aus der Türkei, aus Jugoslawien, viele davon jung und im Partyalter. Doch sie sind unsichtbar in der Serie. Ob und welche Rolle sie gespielt haben, bleibt im Verborgenen. Auch über den Platz der queeren Kultur verliert die Serie nicht viele Worte. Wie ging es Menschen, die nicht in das, auch in der Schickeria vorherrschende, heteronormative Ideal passten? Denn auch das Frauenbild zu der Zeit wirkt, aus heutiger Sicht zumindest, nicht emanzipatorisch. Uschi Glas gibt in der Doku ganz frei zu: „Als Frau musste man hübsch sein, als Mann musste man Geld haben.“

Fragwürdige Frauenbilder

Genau das reflektiert die Serie und zeigt viele normschöne Beine, Bäuche, Brüste und Pos. Nackte Frauenkörper neben meist vollbekleideten Männerkörpern. Der Minirock als Symbol der Befreiung. Dass das damals so verstanden wurde, ist klar. Aber dass das Frauenbild von damals in der Serie fast ohne Kritik rezipiert wird, irritiert. Genauso wie das ständige „wir“, von dem die Moderatorin Iris Berben spricht. Man hätte sich gewünscht, dass die Serie die Geschichte der Zeit aus mehreren Perspektiven erzählt – und nicht nur aus der Perspektive derer, die damals dazu gehörten.

Reflektierter wird die Doku, als es darum geht, den Niedergang des hippen Münchens zu erzählen. Der ehemalige Türsteher des P1, Norbert Schmitz erzählt: „Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger ging das richtig los mit Autos, mit Marken, mit Frauen im Pelz, mit riesigen Frisuren, mit Champagner trinken.“

Was mit Städten passiert, die den Kommerz gewinnen lassen

Die Schickeria: War sie am Anfang vielleicht vor allem wegen der Künstler- und Musiker*innen schick und nur zum Teil wegen ihrer Verbindungen zu Geld und Macht, nahm genau das am Ende überhand. Aus der Schickeria wurde einfach ein Geldadel. Und die Stadt immer teurer. Eine Kneipe nach der anderen machte zu, die Partykarawane zog weiter. Das Geld, der Kommerz, das Elitäre versetzten München als sexy Stadt den Todesstoß. Auch wenn der Serie Tiefe fehlt und sie die Vergangenheit teilweise verklärt: Sie macht einen guten Job darin zu zeigen, was mit Städten passiert, die zu teuer zum Leben werden und den Kommerz gewinnen lassen - und wie flüchtig Hochphasen wie die der Münchner Schickeria sind.

Die Serie ist auf Amazon Prime zu sehen