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Serie "Dopesick" mit Michael Keaton gibt den Opfern der Opioid-Krise in den USA eine Stimme

Das Schmerzmittel Oxycontin machte in den USA Millionen von Menschen abhängig und den Pharmakonzern Purdue reich. Die sogenannte Opioid-Krise ist eine Tragödie, die das ganze Land verändert. Disney hat aus dem 2018 erschienen Sachbuch "Dopesick" eine Serie gleichen Namens gemacht. Mit Michael Keaton in der Hauptrolle und als Produzent.

Von: Roderich Fabian

Stand: 27.10.2021

Pharamvertreter Billy Cutler (Will Poulter) und Hausarzt und Dr. Samuel Finnix (Michael Keaton) | Bild: Disney

Wenn sich der mächtigste Entertainment-Konzern der USA, nämlich Disney, der Oscar-Preisträger Barry Levinson als Regisseur und der ehemalige Batman Michael Keaton als Plattform, Produzent und Hauptdarsteller zusammentun, um aus einem Sachbuch eine fiktionale Serie zu machen, dann dürfte sie ein gemeinsames und dringendes Anliegen vereinen: Die Opioid-Krise in den USA, die nicht unter Kontrolle ist und jährlich tausenden von Menschen das Leben kostet. In der Serie „Dopesick“ wird die Pharmaindustrie, die für die Sucht verantwortlich ist,  in erster Linie durch den Spross einer Milliardärsfamilie repräsentiert, nämlich durch den Unternehmer Richard Sackler. Und der hat ein ehrgeiziges Ziel. „Ich kann dieses Medikament zum größten der Welt machen.“

„Dieses Medikament“ heißt Oxycontin und ist ein sogenanntes Opioid, verfügt es doch über einen Opiat-ähnlichen Wirkstoff. Sacklers Pharma-Unternehmen Purdue bringt das Schmerzmittel 1995 nach hohen Forschungs- und Marketing-Investitionen auf den Markt. Dazu gehört auch eine Riesentruppe von Arzneimittelvertretern, die das angebliche Wundermittel an Ärzte vermitteln soll, die es dann ihren Schmerzpatienten verschreiben. Aber natürlich wissen Ärzte, dass jedes Schmerzmittel auch unangenehme Nebeneffekte haben kann, wie z.B. ein Suchtpotenzial. Deswegen werden die Vertreter vom Hersteller mit Unbedenklichkeits-Argumenten gefüttert: Weniger als ein Prozent würden süchtig werden.

35 Milliarden Dollar Umsatz

Der Unternehmer Richard Sackler (Michael Stuhlbarg) verdient mit Oxycontin Milliarden

Ein Hammer-Schmerzmittel mit einer solch geringen Suchtwirkung wäre so etwas wie die Lizenz zum Gelddrucken. Tatsächlich hat Purdue mit Oxycontin bis heute ca. 35 Milliarden Dollar Umsatz gemacht. Nur das mit dem einen Prozent scheint nicht ganz zu stimmen. In der Serie erleben wir, wie immer mehr Patienten abhängig werden und nur schwer wieder von dem Opioid loskommen. Im Buch „Dopesick“, das der Serie zugrunde liegt, tauchen dann auch noch ganz andere Zahlen auf, was die Oxycontin-Süchtigen betrifft: „Laut Statistiken von 2017 lassen bei 40 bis 60 Prozent der Betroffenen die Symptome dank der medikamentös unterstützen Suchttherapien nach. Ein dauerhafter Entzug kann allerdings zehn oder mehr Jahre dauern. Vier Prozent der Opioid-Abhängigen sterben jährlich an einer Überdosis.“

Tatsächlich wurde das Medikament zunächst in entlegenen, man kann sagen: abgehängten Gegenden der USA getestet, wie etwa den Appalachen, einer Bergregion in der Nähe der amerikanischen Ostküste. Dort erleben wir einen Landarzt - gespielt von Michael Keaton - der sich von einem Pharma-Vertreter zum Verschreiben des Mittels überreden lässt, was er später schwer bereut.

Die Beschaffungskriminalität steigt

Officer Bridget Meyer (Rosario Dawson) will, dass der Pharma-Konzern Purdue zur Rechenschaft gezogen wird

In den ländlichen Gebieten, in denen das Schmerzmittel getestet wird, entwickelt es sich schnell zu einer beliebten Droge für Jung und Alt. Die Beschaffungskriminalität dort steigt nachweislich stark an, denn auf die Dauer brauchen Süchtige immer höhere Dosen des Mittels oder etwas Vergleichbares, um beschwerdefrei zu bleiben. Das verändert bald den ganzen Bundesstaat Maryland, wie es in Beth Macys Buch heißt: „So wie Oxycontin ein Wirtschaftsfaktor in den Appalachen geworden war, war der Heroin-Highway nach Baltimore einer der wenigen Auswege, die der Arbeiterklasse in den amerikanischen Kleinstädten noch geblieben war. Kein Job in der Fabrik zu finden? Dann konnte man stattdessen nach Baltimore fahren. Eine Investition von 4.000 Dollar für 50 Gramm Heroin konnte ein Einkommen von 60.000 Dollar pro Woche bescheren.“

Das Buch und auch die Serie beschreiben die Bemühungen von Angehörigen, Aktivisten und Juristen, gegen die Verbreitung der Opioid-Epidemie vorzugehen, wie sie in den USA inzwischen genannt wird. In der Serie bringt es Rosario Dawson als Mitglied der amerikanischen Drogen-Polizei DEA auf den Punkt: „Drogenabhängigkeit, Überdosen und Kriminalität nehmen überall im Land zu aufgrund dieses Medikaments.“

Die Opioid-Epidemie grassiert weiter

Die Opioid-Epidemie in den USA grassiert indessen weiter, die Disney-Serie greift in ein laufendes Verfahren ein. Auch wenn Purdue Pharma inzwischen insolvent ist, laufen noch immer Schadensersatzprozesse diverser US-Bundesstaaten gegen das Unternehmen. Laut Wikipedia beläuft sich der Streitwert auf 2,2 Billionen Dollar.

Zu sehen bei: Disney+