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„Becoming Charlie“ Eine der ersten Serien mit nicht-binärer Hauptfigur – und nicht nur deshalb so sehenswert

Zwischen Plattenbauten und Muckibuden: Die neue ZDFneo-Serie „Becoming Charlie“ erzählt aus dem Alltag einer jungen, nicht-binären Person. Lea Drinda spielt die Hauptrolle – und erfüllt sich damit einen lang gehegten Wunsch.

Von: Paula Lochte

Stand: 23.05.2022

Weder Mann noch Frau: Charlie (Lea Drinda) steht in "Becoming Charlie" mit Lidschatten und aufgemaltem Bart vor dem Spiegel | Bild: ZDF/ Tatiana Vdovenko

Gleich zu Beginn der Serie „Becoming Charlie“ brennt Hauptfigur Charlie die Sicherung durch. Ein Jahr gespart für nichts: Tante Fabia hat die knapp 300 Euro einfach mitgenommen, weil Mama Schulden angehäuft hat. Charlie (Lea Drinda) stürmt also aus der Wohnung, die Treppen des Hochhauses runter und schreit: „Fabia, gib mir mein Geld zurück!“, doch die gibt sich unbeeindruckt.

Fabia (Katja Bürkle) steigt in ihr Auto, will gerade wegfahren – da tut Charlie etwas, das alles nur noch schlimmer macht. Charlie greift eine auf dem Boden liegende zerbrochene Flasche, zerkratzt damit Fabias Motorhaube und rennt weg.

„Becoming Charlie“ spielt nicht im hippen Berlin

Charlie (Lea Drinda, Mitte) bewundert das aufgemotzte Auto eines Kumpels.

Die Mini-Serie „Becoming Charlie“ spielt nicht im hippen Berlin und auch nicht im teuren München. Sondern irgendwo zwischen Plattenbauten und Muckibuden in Offenbach. Hauptfigur Charlie ist Anfang zwanzig und lebt noch bei der Mutter. Denn der Minijob bei einem Lieferservice bringt kaum Geld ein.

Und mit Mutter Rowena (Bärbel Schwarz) kann man zwar richtig Spaß haben, also wenn sie gerade eine gute Phase hat. Aber meist liegt sie entweder depressiv im Bett oder verprasst im Kaufrausch das ganze Geld. Und so sitzen die beiden plötzlich im Dunkeln. Die Ursache ist schnell gefunden: Charlie entdeckt eine Schublade voller ungeöffneter Rechnungen und ruft, „Mama! Letzter Monat, vorletzter Monat, vorvorletzter Monat: Du hast vier Monate die Stromrechnung nicht bezahlt!“

Die Mutter winkt ab: „Jaja, ich kriege das schon hin.“ Aber Charlie ist fassungslos, hat der Mutter doch Geld gegeben, was hat die damit gemacht? Keine Antwort, nur ein Vorwurf: „Du musst gerade reden, wegen dir haben wir doch jetzt noch mehr Probleme!“ Charlie seufzt und sagt leise: „Ich regele das.“

Charlie versucht, die Scherben zusammenzukleben

Man ahnt, dass Charlie diesen Satz schon mit sechs Jahren gelernt hat: „Ich regele das, Mama.“ Und so ist es auch diesmal. Charlie versucht zumindest, die Scherben wieder zusammenzukleben: die Schulden abzustottern, sich mit Tante Fabia zu versöhnen – und in all dem Chaos, sich selbst zu finden.

Streit mit der Mutter, Schulden, Liebeskummer: Die Probleme von Charlie (Lea Drinda) sind universell.

„Das ist das Spannende an Charlie“, sagt Lea Drinda im Interview. „Das Herz rast mit und wir sind mit außer Atem, wenn Charlie schon wieder verpennt hat und schon wieder rennen und radeln und loshetzen muss.“ Und zwar unabhängig davon, ob wir uns als weiblich, männlich oder nicht-binär identifizierten. „Denn Charlie ist einfach ein Mensch mit Problemen, die wir letztendlich alle teilen können.“

Streit mit der Mutter zum Beispiel. Schulden. Liebeskummer. Und oben drauf kommt dann noch die große Frage aller jungen Menschen: Wer bin ich? Eine Frage, die bei Charlie auch mit dem Gefühl zu tun hat, nicht in die vorgefertigten Gender-Schablonen reinzupassen. Charlie versucht, in einem Songtext die richtigen Worte dafür zu finden:  

"Mama wünscht sich eine Tochter, Boys sagen zu mir Bro. Entweder Hoodie glitzert oder Muskelshow. Entweder du bist Stecher oder du bist Hoe. Doch alle sind gefangen so wie Tiere in einem großen Zoo. Ich fühle mich fremd, weil nichts davon für mich passt. Weder Mann noch Frau, weiß nicht, wo ist mein Platz. Ich habe kein Konzept und keine Theorien. Nichts woran ich glaube, nur an diese Melodien."

Songtext von Hauptfigur Charlie

Coming-of-Age-Geschichte aus neuer Perspektive

Im Grunde erzählt „Becoming Charlie“ eine klassische Coming-of-Age-Geschichte – aber aus einer Perspektive, wie sie im deutschen Film und Fernsehen bisher kaum zu sehen war: durch die Augen einer nicht-binären Hauptfigur, berührend gespielt von Lea Drinda.

Zwar kommt „Becoming Charlie“ manchmal etwas betont jugendlich daher. Mit Rap-Einlagen und Schrifteinblendungen, die aussehen, als seien sie mit Filzstift geschrieben. Aber wer die Serie guckt, spürt zugleich: Hier waren vor und hinter der Kamera (Buch & Regie: Kerstin Polte, Lion H. Lau und Greta Benkelmann) Leute beteiligt, die aus ihren eigenen Erfahrungen schöpfen und die mit geballter Liebe zum Detail eine Lücke schließen wollen.

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Nach und nach findet Charlie (Lea Drinda) sich selbst.

So sagt auch Lea Drinda, selbst auf der Suche nach einer Identität, jenseits einengender Geschlechtergrenzen: „Dass Charlie in der deutschen Filmwelt einen Platz gefunden hat, ist für mich persönlich, einfach als Lea, so ein toller, schöner Schritt!“ Bisher hatte Drinda ausschließlich Frauenfiguren gespielt, so zum Beispiel Babsi in der Amazon-Prime-Serienadaption von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

Doch aus diesem Rollen-Schema auszubrechen, sei ein lang gehegter Wunsch gewesen. „Es macht mich glücklich, zu wissen: Charlie existiert jetzt.“ So formuliert es Lea Drinda. Auch fürs Publikum ist diese kleine, feine Serie über die Suche nach der eigenen Identität, existenzielle Ängste, schwierige Mütter und beste Freunde: ein Glücksfall.  

Die sechs 15-minütigen Folgen der Mini-Serie „Becoming Charlie“ sind seit dem 20. Mai in der ZDF-Mediathek zu sehen – und am 24. Mai auf ZDFneo (ab 20:15 Uhr). Den Trailer gibt es hier.