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Schauspielerin Senta Berger "Hinter jeder Abtreibung steckt auch ein Mann - und ich möchte, dass sich diese Männer solidarisieren"

Von: Benedikt Mahler

Stand: 22.04.2021

Am 6. Juni 1971 druckte das Magazin „Stern“ auf seine Titelseite die Köpfe von 30 prominenten und nicht prominenten Frauen, die bekannten „Wir haben abgetrieben“. Die berühmte Schauspielerin Senta Berger war einer dieser Köpfe. Wie bewertet sie diesen Tabubruch heute? Wir haben sie getroffen.

Schauspielerin Senta Berger im Jahr 2020 | Bild: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann/SVEN SIMON

Es war eine bewegte Zeit Ender der 1960er – in Europa und der ganzen westlichen Welt. Während in den USA die junge Generation vor allem gegen den Vietnamkrieg auf die Straßen ging, revoltierten in Deutschland die Student*innen gegen den Muff von 1000 Jahren an den Universitäten und gegen die Altnazis, die oft immer noch an den Schaltstellen der Macht saßen. Was zum Teufel, macht ihr hier denn noch? Wir wollen anders leben – das war der entscheidende Gedanke, der so viele beflügelte. Die gebürtige Österreicherin Senta Berger erlebt diesen Umbruch auf beiden Kontinenten. „Veränderungen in der Gesellschaft sind nicht über Nacht entstanden“, erzählt sie. „Das hat schon sehr viel zu tun mit dem Aufbruch in den 60er Jahren, wo meine Generation Fragen gestellt hat und Antworten erwartet hat.“  

Paul Verhoeven und Senta Berger (undatierte Aufnahme aus den 1970er-Jahren) | Bild: picture-alliance/dpa

Senta Berger und ihr Schwiegervater - Regisseur und Schauspieler Paul Verhoeven - in den 1970er Jahren.

Als gefragte Schauspielerin dreht Senta Berger Filme in den Vereinigten Staaten, in der römischen Cinecitta und in Frankreich - das wieder einmal das Mutterland der Revolte werden sollte: „So viele Dinge haben wir in den 60er Jahren aus Frankreich übernommen. Also nicht nur den neuen deutschen Film, der direkt aus dem Französischen geboren worden war und auch nicht nur die Studentenrevolte, die kam eben auch aus Frankreich. Sondern auch diese Bemühung. Es war eine Bemühung, tief in der Doppelmoral meines Landes zu graben.“

Die Doppelmoral, von der Senta Berger da spricht, materialisiert sich auch im legendären Paragrafen 218 des Strafgesetzbuchs. Ein über hundert Jahres altes Gesetz, das Frauen mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestrafen konnte, die eine Abtreibung vornehmen ließen. Für den Fortbestand des Paragrafen 218 setzte sich damals vor allem die immer noch sehr einflussreiche katholische Kirche ein. „Uns Frauen meiner Generation hat dieses unglaubliche Misstrauen empört, dass uns Frauen entgegen gebracht worden ist. Ich habe auch in der Öffentlichkeit damals gesagt: hinter jeder Abtreibung – die jeder Frau schwer genug fällt – steht ein Mann. Und das ist auch heute noch so. Und ich möchte gerne, dass sich diese Männer solidarisieren mit uns“, erzählt die Schauspielerin.

Im Sommer 1971 erschüttert dann eine Titelgeschichte im „Stern“ die Bundesrepublik. "Wir haben abgetrieben!" – ein Bekenntnis von 374 prominenten und ganz normalen Frauen. Sie überführen sich damit ganz laut und öffentlich, eine Straftat begangen zu haben. Neben Romy Schneider und Lis Verhoeven ist auch Senta Berger auf der Titelseite abgebildet. Die von Alice Schwarzer initiierte Aktion fordert die Abschaffung des frauenfeindlichen Paragrafen 218. „Dass die erste Seite vom Stern so spektakulär bestückt ist, hat sicherlich auch Sinn gemacht. Es gab dann auch noch eine zweite Ausgabe, in der sich ebenso viele Frauen, die anonym bleiben wollten und eigentlich auch anonym waren für die Öffentlichkeit zu diesem Satz bekannt haben. Weil wir haben gesagt, es ist nichts worüber wir uns jetzt persönlich definieren wollen. Aber wir wollen uns alle solidarisieren und wenn es tatsächlich eine Anklage gibt, dann wollen wir alle dahin gehen.“

Sisters are doing it for themselves: Solidarität ging 1971 noch analog und ganz ohne Hashtags – aber genauso gut! Senta Berger und all die namenlosen Kämpferinnen und Heldinnen brachten einen Stein ins Rollen – und das durchaus mit einem Bewusstsein für die „working class heroines“: „Es sollte eben eine Lösung gefunden werden, die nicht durch Klassen definiert wird, nicht durch den Wohlstand einer Familie eine Frau eine Tochter, ein Mädchen nach Holland geschickt wird, wo die Abtreibung legal ist. Aber das kostet eben Geld. Wir wissen auch von Geschichten von Ärzten in Deutschland, die selbstverständlich zu Abtreibungen bereit waren. Gegen Geld. Und wir fanden das erniedrigend.“

Senta Berger mit ihrem erst wenige Tage alten erstgeborenen Sohn Simon Vincent | Bild: picture-alliance/dpa

Senta Berger und Sohn Simon, kurz nach dessen Geburt 1972

Durch die Kriminalisierung der Abtreibung waren viele Frauen gezwungen, an sich selbst einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen. Mit stumpfen Besteck und oft mit fatalen Folgen – manche haben die Tortur nicht überlebt. Senta Berger und ihre Mitstreiterinnen waren sich einig: Hier muss sich schleunigst etwas ändern! „Damals waren wir einverstanden, dass es geknüpft sein würde an Beratung“, erzählt Senta Berger. Es sei ja nicht so, dass man sich leichtfertig in so eine Situation begibt. Und es sei damals ja die Zeit gewesen, in der auch die Pille aufkam. „Wir haben uns dafür eingesetzt, dass es Aufklärung, Information und die Möglichkeit einer Abtreibung gebe. Weil wir gewusst haben, wenn die Information und die Aufklärung greift, wird das andere gar nicht mehr nötig sein. Und so ist es auch.“

Einige Jahre, nachdem der Stern die Titelstory veröffentlicht hatte, räumten einige der beteiligten Frauen ein, dass sie in Wahrheit gar keinen Schwangerschaftsabbruch durchgeführt hatten – darunter auch Alice Schwarzer selbst. Nur durch die große Solidarität der Frauen untereinander kam es schon ein Jahr später zu ersten Abänderungen des Paragrafen 218. Bis 1993 gelang es vor allem Beratungen durchzusetzen, die nicht mehr strafbar waren. Ein Triumph, der Senta Berger immer noch ein bisschen stolz macht und ihr beim Gedanken daran ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen legt: „Ganz offensichtlich hat sich in den Jahren das Selbstwertgefühl der Frauen verändert und gestärkt. Und die Position der Frau in der Gesellschaft!“

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