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Selbstbestimmungsgesetz Streit um die Frage, wer ist eine Frau?

Das Selbstbestimmungsgesetz soll das über 40 Jahre alte Transsexuellengesetz ablösen. In Zukunft sollen trans Menschen Geschlecht und Vornamen im Pass leichter ändern können. Doch es gibt Kritik – und tiefsitzende Ängste.

Von: Paula Lochte

Stand: 30.06.2022

ARCHIV - 31.03.2022, Hamburg: Eine Person trägt bei einer Demonstration anlässlich des International Transgender Day of Visibility auf dem Gänsmarkt eine FFP2-Maske mit der Aufschrift ·Selbstbestimmung Jetzt!·. (Zu dpa "Ampel-Plan: Änderung des Geschlechts durch Erklärung beim Standesamt") Foto: Georg Wendt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Georg Wendt

Nach dem bisherigen Transsexuellengesetz mussten trans Frauen vor Gericht zwei psychiatrische Gutachten vorlegen, die bestätigen: Diese Person ist wirklich trans, sie ist wirklich eine Frau. Josephine, Chemieingenieurin aus Erlangen, musste den Weg gehen, um ihr Geschlecht und ihren Namen offiziell ändern zu lassen: "Pathologisiert habe ich mich am meisten bei den Gutachten gefühlt. Denn es ist ein großes Thema, dann beweisen zu müssen, vor einem völlig Fremden in zwei Stunden, welchem Geschlecht man angehört. Das müssen andere Menschen ja auch nicht machen." Außerdem wundert sich Josephine über die Vorbereitungsstrategien: "Dann gibt es so Tipps, die man immer bekommt, zieh dich möglichst feminin an, zieh dir einen Rock an, mach Make-up, mach Fingernägel, diese Stereotype, die man üblicherweise mit Weiblichkeit verbindet, was aber eigentlich totaler Quatsch ist, weil ich bin ja eine Person und kein Stereotyp."

Es gibt Kritik am Selbstbestimmungsgesetz

Lisa Paus und Marco Buschmann stellen das Selbstbestimmungsgesetz vor

Zukünftig müssen sich trans Personen ihr Geschlecht nicht mehr durch Gutachter bescheinigen lassen. So sieht es das geplante Selbstbestimmungsgesetz vor. Es reicht die Selbstauskunft, also zum Beispiel: „Ich bin eine Frau“, und zwar nicht vor einem Richter, sondern beim Standesamt. Eine Erleichterung für Menschen wie Josephine. Von einigen kommt aber auch Kritik: "Ich glaube, wenn ich meiner Tante erzähle, dass ab jetzt in Deutschland gilt, das Geschlecht entscheidet sich zwischen den Ohren und nicht zwischen den Beinen, dann wundern sich die Menschen schon," sagte Leni Breymaier bereits Anfang des Jahres im Interview. Seit dieser Legislaturperiode ist sie die frauenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bundestag. Im Mai 2021 ging ein Facebook-Post von ihr viral. Darin erklärte sie, dass ihr die Idee eines Selbstbestimmungsgesetzes Bauchschmerzen bereitet. Sie fragte sich damals: Wenn alle ihr Geschlecht selbst definieren können, lädt das nicht auch zu Missbrauch ein? "Wenn es um so leckere Sachen geht wie Bundestagsmandate oder überall, wo wir quotieren, so auch beim Thema Frauen in Führungspositionen in den Großunternehmen und bei den Dax-Konzernen – der Kuchen, der da zu verteilen ist, ist halt begrenzt", stellt Breymaier fest.

Leni Breymaier fürchtete also, dass Frauenquoten ihre Wirkkraft verlieren könnten. Allerdings: Würden Männer wirklich extra zum Standesamt gehen und ihr Geschlecht ändern, nur, um ja keinen Chefsessel abzugeben? Die grüne Bundestagsabgeordnete Nyke Slawik, selbst trans Frau, hält das für unwahrscheinlich: "Das ist ja auch mit ganz realen Auswirkungen verbunden: Das soziale Umfeld, der Arbeitgeber, die Arbeitgeberin reagiert darauf, die Anrede in offiziellen Dokumenten ändert sich – also es ist kein Pappenstiel. Und Transpersonen sind nach wie vor sehr vielen Anfeindungen ausgesetzt in der Gesellschaft. Deswegen ist diese Angst, dass Leute das mal eben so machen würden, mal eben ihr Geschlecht ändern, eine völlig falsche und abstruse Vorstellung."

Und dennoch: Die Angst sitzt tief. Insbesondere bei älteren Frauen wie Alice Schwarzer, die jahrzehntelang für gleiche Löhne, Frauenquoten und gegen sexualisierte Gewalt gekämpft haben. Sie befürchten, dass die Anerkennung von trans Frauen letztlich zulasten von, wie SPD-Politikerin Breymaier sie nennt, "biologischen Frauen" geht.

"Das ist eine ganz tiefsitzende Angst"

Diese Angst ist auch dann besonders groß, wenn es um Schutzräume geht, also zum Beispiel Frauenhäuser. Die feministische Kleinpartei "Die Frauen" etwa warnt nun mit Blick auf das geplante Gesetz, Zitat: „Die schwer erkämpften Frauenräume sollen von Männern, die sich zu Frauen erklären, eingenommen werden können.“

Der Historiker und Geschlechterforscher Roman Aaron Klarfeld ordnet das so ein: "Ich glaube, das ist eine ganz tiefsitzende Angst, dass diese Projekte, die auch wirklich mit viel Ehrenamt und mit viel politischem Engagement aufgebaut wurden, dass die zerstört werden. Sie sehen ja trans Frauen nicht als Frauen. Für sie sind das einfach Männer. Da weichen sie auch überhaupt nicht von ab. Und dann haben sie einfach diese fixe Vorstellung: Da kommen Männer und zerstören diese Räume. Und ich kann diese Angst nachvollziehen. Nur dass sie halt ausblenden, dass trans Frauen halt auch von Frauenfeindlichkeit, von Gewalt usw. betroffen sind."

Erkennen trans und cis Frauen Verbindendes?

In einer britischen Studie aus dem Jahr 2008 berichtete weit über die Hälfte der befragten trans Personen, dass sie häusliche Gewalt erlebt hatten. Und 89 Prozent waren bereits auf offener Straße angegriffen worden. Was es also eigentlich bräuchte, wäre ein gemeinsamer Kampf gegen Gewalt und Frauenfeindlichkeit.

Die Grünenpolitikerin Nyke Slawik hat dazu einen Appell: "Dieses Verwehren von körperlicher Selbstbestimmung, mangelnde Sichtbarkeit, sexualisierte Gewalt – das sind alles Themen, die ja eigentlich auch cis Frauen nach wie vor sehr stark erleben. Und deswegen finde ich es eigentlich richtig, hier den Schulterschluss zu suchen und auch gemeinsam an diesen Themen zu arbeiten, anstatt hier eben Cis-Frauen und trans Personen gegeneinander auszuspielen."

Grünen-Politikerin Nyke Slawik

Nyke Slawik sagt hier etwas, das entscheidend sein könnte für die feministischen Kämpfe der nächsten Jahre: Erkennen unterschiedliche Frauen – jung oder alt, trans oder nicht – ihre Gemeinsamkeiten, Verbindendes? Oder zerbricht ihre Solidarität letztlich an der Streitfrage: Wer ist eine Frau?