Bayern 2 - Zündfunk

Schriftsteller Hari Kunzru "Es fehlt an der Übereinkunft, dass wir eine gemeinsame Wirklichkeit teilen"

Hari Kunzru gehört zu den wichtigsten britischen Autoren seiner Generation. Er veröffentlichte bislang vier Romane, und er schreibt regelmäßig für den "Guardian" und "Wired". Sein neuester Roman beschäftigt sich mit rechter Esoterik und Verschwörungstheorien.

Von: Thomas Kretschmer

Stand: 16.09.2021

Der Schriftsteller Hari Kunzru. | Bild: Sophia Spring

Ob kulturelle Aneignung oder die Alt-Right-Bewegung, der Siegeszug des Streamings oder die Veränderungen der Privatsphäre durch die sozialen Medien. Hari Kunzru (geb. 1969 in London, seit vielen Jahren in NYC lebend) verhandelt in seinen Romanen zielsicher die gegenwärtigen Diskurse.

Das macht er ziemlich überzeugend: Denn Hari Kunzru geht diesen Diskursen literarisch auf den Grund: Mehrdeutig, Fragen stellend und nicht erklärend. In seinem aktuellen Roman „Red Pill“ schickt er seinen Helden mitten hinein in die Finsternis von rechter Esoterik und Verschwörungstheorien. Mit dem Ergebnis, dass der Held in der Psychiatrie landet. Als er wieder rauskommt, ist Wahltag, der 8. November 2016. Am Ende des Tages wird Donald Trump die Präsidentschaftswahl gewonnen haben. Zündfunk-Reporter Tom Kretschmer hat mit Hari Kunzru gesprochen.

Zündfunk: Herr Kunzru, in ihrem aktuellen Roman schicken sie ihren namenlosen Helden, einen liberalen New Yorker Autor auch nach Berlin. Warum ausgerechnet Berlin?

Hari Kunzru: Ich denke, noch immer vertrauen viele Amerikaner ziemlich arglos ihrer Politik und sehen kaum, was in der Geschichte möglich war und ist.Berlin hat eine dunkle Geschichte, und die Erfahrung von Diktatur und Totalitarismus ist in der Struktur der Stadt verwurzelt. Anders in den USA, selbst in den letzten Jahren waren viele Amerikaner überzeugt, ihre stabile Demokratie sei nicht in Gefahr. Mein Roman handelt von den Grenzen des Liberalismus, speziell dieser liberalen New Yorker Sicht auf die Welt. Deswegen habe ich meinen Helden nach Berlin geschickt, um ihn mit diesen Grenzen zu konfrontieren.

In Berlin findet ihr Held einerseits nicht die Ruhe und Privatsphäre, die er sich erhofft hat. Andererseits stößt er auf Zeichen und Codes vor allem neuer rechter Bewegungen, die er nicht entschlüsseln kann. Pepe, den Frosch zum Beispiel. Ist er – obwohl Schriftsteller und „Leser“ – zu wenig interessiert an der Wirklichkeit um ihn herum?

Ich denke, mein Held ist ein typischer Vertreter des liberalen Mainstreams hier. Was sich seit dem Aufstieg der Rechten hier und in Europa verändert hat, ist etwas anderes: Die Grenzen des Sagbaren haben sich verschoben. Viele Menschen waren doch froh, dass bestimmte nationalistische und rassistische Vorstellungen verschwunden waren. Die sind aber wieder zurück im politischen Gespräch. Und mein Held merkt plötzlich, dass er umgeben ist von diesen neuen Codes und Symbolen, die er nicht versteht. In seiner Normalität wächst plötzlich diese sehr rechte Kultur.

Ihr Held ohne Namen hat mehr und mehr das Gefühl, dass die Menschheit auf eine Katastrophe zutreibt. Teilen Sie dieses Gefühl manchmal?

Das Buchcover von Hari Kunzrus neuem Roman "Red Pill", erschienen im Liebeskind Verlag.

Ja, das tue ich. Und deswegen habe ich den Roman auch geschrieben, um das Gefühl zu erfassen, wie sehr die Dinge verrutschen können. Ich habe mit meiner Frau 2015/16 oft diskutiert, ob wir hier weiter in Sicherheit sind oder auswanden müssen. Paradoxerweise haben wir auch überlegt, nach Berlin zu ziehen.

Zurück zu ihrem Helden: zuerst gelangt er immer tiefer hinein in die Welt der Reddit-Foren und rechten Ideologien, am Ende fühlt er sich verfolgt von einem Protagonisten der Szene - bis er in den Wahnsinn abdriftet. Steigert er sich da aus Angst hinein?

Zum Teil ist es Angst. Und gleichzeitig ist es die Vorstellung, dass die Welt tiefgründiger und undurchsichtiger ist, als er dachte. Schon am Anfang der Geschichte ist er ziemlich labil. Er kann nicht genau sagen, wovor eigentlich Angst hat. Deswegen habe ich auch ganz bewusst offen gelassen, wie "real" seine Auseinandersetzung mit dem Alt-Right Protagonisten Anton ist. Am Ende versteht er schon, dass er sich da in einen Wahnsinn hineingesteigert hat. Aber ich will eben zeigen, dass die Maßstäbe für Dinge wie Gesundheit oder Vernunft in dieser Szene ins Rutschen geraten sind. Und dass gleichzeitig die "Verrückten" manchmal einen exakteren Blick auf die Welt haben.

"Red Pill" endet mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten im November 2016. Nun ist Donald Trump abgewählt – und auf einigen Kanälen ist er stummgeschaltet. Zumindest hier in Europa kriegt man nichts mehr von ihm mit. Ist nun alles gut?

Nein, Trump ist doch nur ein Symptom eines viel größeren Problems. Es fehlt an Vertrauen und der Übereinkunft, dass wir eine gemeinsame Wirklichkeit teilen. Die Querdenker in Deutschland lehnen doch auch Grundlegendes unserer Welt einfach ab. Es ist ein riesen Problem, dass die Öffentlichkeit, in der man sich gegenseitig versteht, praktisch verschwunden ist. Trump war schrecklich und er hat viel kaputt gemacht. Aber es sieht hier so aus, als könnte die Trump-Bewegung auch nach ihm weitermachen. Aus meiner Sicht ist die Gefahr nicht vorbei.

Also müssen wir weiter nach der Roten Pille suchen?

Naja, die Rote Pille ist nichts anderes als die Metapher für die Realität. Wer in "Matrix" die Blaue Pille erwischt, bleibt ein Gefangener seiner Illusionen. Die große Frage ist und bleibt: Wer versteht die Welt tatsächlich und wer bleibt in seinem Wahn gefangen?

„Red Pill“ von Hari Kunzru ist in der deutschen Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence im Liebeskind Verlag erschienen.