Bayern 2 - Zündfunk

Schorsch Kamerun im Interview „Ein kleines bisschen hatte ich Lust, mal so wie Notwist zu sein“

Punk-Legende und Goldene Zitrone Schorsch Kamerun hat eine neue Band. Sie heißt Raison, gerade ist das erste Album „So viele Leute wie möglich“ erschienen. Im Interview erzählt Schorsch, was das Besondere an der Band ist und warum ihn die aktuelle Weltlage so sehr beunruhigt.

Von: Noe Noack

Stand: 23.06.2022

Schorsch Kamerun vor einem Zitronenbaum | Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Kalaene

Zündfunk: Auf dem Raison Album „So viele Leute wie möglich“ klingst du einfühlsam und zärtlich. So habe ich dich noch nie gehört, deine Texte zeigen dich da fast schon als Menschenfreund. Was ist passiert, bist du frisch verliebt?

Schorsch Kamerun: Da frage ich mich, was die Überraschung ist. War ich denn vorher das Gegenteil? Also nicht einfühlsam und empathisch? Aber klar, hier ist ein bisschen was anders. Vielleicht liegt es an der Haltung, die bei den Goldenen Zitronen immer als sehr fordernd empfunden wird. Das steht nicht ganz so im Zentrum. Es liegt bestimmt aber auch an der Entstehung und um welche Themen es sich dreht. Aber die Themen sind natürlich auch verwandt. Es geht um bestimmte autoritäre Geschichten und um Machtverhältnisse und was nicht alles. Das ist ja gar nicht so weit weg von dem, was die Goldies sonst machen. Aber klar: Die Goldies kann man nicht einfach so nebenher hören. Das schafft man hier vielleicht sogar.

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Raison - Driften (feat. Sophia Kennedy) | Bild: Buback Tonträger (via YouTube)

Raison - Driften (feat. Sophia Kennedy)

Es klingt schon wärmer, aber ich konnte es nicht nebenher hören. Ich habe mich sehr auf die Texte auch konzentriert und mich von der Atmosphäre einfangen lassen. Bei Raison regiert für mich die Kunst der Reduktion und gleichzeitig das Kollektiv als die große Hoffnung. Ihr habt ja viele Gäste mit dabei. War das euer Ausgangskonzept?

Das haben wir bei den Zitronen auch gerne, aber es ist natürlich schon ein bisschen so gedacht. Das Glück für mich ist hier aber auch der Ort, an dem wir das aufnehmen konnten. PC Nackt, der auch mitspielt, ist Mitbetreiber von einem Studio in Berlin, das Chez Cherie. Das ist nicht so mein Spezialgebiet sonst, aber das hat tatsächlich so eine Art Spirit. Das ist ein großer Raum, wo ganz viele Leute aufnehmen. Sehr analog. Und das wird sehr geschätzt und hat eine bestimmte Preisklasse, die wir sonst gar nicht in Anspruch hätten nehmen können. Also war das irgendwie super und auch für mich ein ganz kleines bisschen magic. Aber das war auch gewünscht. Wir wollten anders musikalisch sein. Die werden das wahrscheinlich jetzt ablehnen, aber ein kleines bisschen hatte ich Lust, mal so wie Notwist zu sein.  

Was mich eingenommen hat: Die Musik, aber auch die Texte, schleichen sich auf eine Art an. Und dabei sickert dann der Zweifel ein und es wird die linke Haltung und die Selbstsicherheit hinterfragt. Wie siehst du eigentlich gerade den Zustand der Linken zwischen Klimakrise, Corona-Leugnern und russischem Angriffskrieg?

Es ist ja nicht so, dass die Dinge, die für mich Ideale sind, plötzlich alle anders sind. Ich habe gerade mit einer Freundin in Wien gesprochen, die beschrieb das so, dass wir gerade in einer bisschen unheimlichen Zeit leben. Natürlich ist sie von Verunsicherung geprägt und man spricht von Abwechslung von Krisen. Aber meine Parameter haben sich jetzt nicht total verschoben. Ich gehe jetzt nicht plötzlich anders an die Welt heran und empfinde sie auch nicht anders. Sie ist weiterhin geprägt von vielen Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten. Und auch von Blasen und von Seiten und von einem Oben und Unten, Aufteilung und Ausgrenzung. Das alles hat sich ja nicht total verändert. Aber es hat sich auch einiges verschoben, zum Beispiel über digitale Medien, wer überhaupt teilnimmt an Diskursen. Ich finde, die Beschreibung des Unheimlichen trifft schon ein Stück zu. Und vielleicht spiegelt sich das auch in unserer Platte. Die Musik hat etwas Unheimliches, aber wir wollten trotzdem progressiv sein. Und gemeinsam. Das ist ja unser Vorschlag. Das „Wir“ ist unser Vorschlag.

Solidarität und der Wunsch nach Gemeinschaft sind die zentralen Themen auf dem Album. Ihr habt sogar ein kleines Manifest dazu verfasst, das heißt: „Musik kann alles, Strategie ist Fantasie“. Wie sehen eure Strategien aus, wenn es über die Musik hinausgeht? Gibt es politische Bewegungen, denen du dich zugehörig fühlst?

Wir haben das ja immer „Diskurs“ genannt. Ich bin ja, verkehrt beschrieben, auch ein Schüler der Hamburger Schule, die es für uns gar nicht gibt. Wir nennen das aber ja „Diskurs“, in dem wir stehen und das ist natürlich fluid. Ich bin ja auch in keiner Partei und empfinde mich weiter als apo. Was Künstlerinnen ja auch im besten Fall sind. Dadurch bin ich natürlich nicht mit Verantwortung ausgestattet, aber als jemand, der von außen beschreiben kann, von außen radikaler beschreiben kann. Trotzdem fühle ich mich jetzt auch Fridays for Future nahe. Und das ist witzig, weil es „for Future“ ist und ich aus der „No Future“ Bewegung komme. Daran sieht man, dass es wichtig ist, dass man seinen Ausdruck ab und an updatet. Weil dieses „No Future“, diese Irritation über einen punkigen Auftritt, würde eben nicht mehr funktionieren. Das würde auch als Musik nicht mehr funktionieren, glauben wir. Deswegen wäre es lächerlich zum Beispiel eine Cover-Version zu spielen von Ton Steine Scherben als Punk-Nummer oder rockig polternd zu machen.

Ihr habt ja diese Agitprop-Nummer von Ton Steine Scherben „Allein Machen Sie Dich Ein“ gecovert. Bei euch klingt der aber eher nach Abgesang. Hat das damit zu tun, dass sich den Song die sogenannten Querdenker für ihre Demos gekrallt haben?

Vielleicht mussten wir ihn davon befreien. Aber das ist ja eben auch wieder ein bisschen unheimlich. Man kann Dinge kaum noch verorten. Obwohl mir das glaube ich gelingt. Ich weiß schon, was ein Fake ist und was nicht. Aber trotzdem werden Sachen zum Teil durchaus auch mal umgekehrt. Und plötzlich haben wir eine Alternative für Deutschland, die gar nicht so alternativ sein will, sondern eher zur Ordnung aufruft. Aber da passiert natürlich einiges. Das, was wir so kennen an Sprache und Codes, ist zum Teil vereinnahmt. Und an dem Punkt darf man nicht jammern, sondern muss schauen, wie man zu neuen Ergebnissen kommt. Und das probieren wir. Ton Steine Scherben heute als Rolling Stones Rockmusik zu spielen, wäre heute meiner Meinung nach unhörbar.

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Raison - Das eigensinnige Kind | Bild: Buback Tonträger (via YouTube)

Raison - Das eigensinnige Kind

Bei Raison gibt es aber auch den Titel „Still No Future“. Ist das dann euer Update?

Damals hieß es ja: Das, was ihr uns als ein erstrebenswertes Dasein vorhaltet, ist einfach lächerlich. Deswegen: „No Future!“ Das war damals Waldsterben, Kalter Krieg, Atomkraft. Und da ist man ja heute, wenn nicht sogar verschärft, ein Stückweit auch wieder. Und das wird bei Fridays for Future ja auch nochmal folgerichtiger erzählt. Und obwohl es so gegenteilig erzählt wird, sind wir glaube ich unheimlich verwandt. Weil die Konsequenz eine ähnliche ist, dass man sagt: „Ich nehme jetzt meinen Körper als Mittel und verweigere mich eben.“ Das hat Punk ja auch probiert, von daher ist man sich da glaube ich recht nahe.

Einen schönen Song fand ich auch die Nummer „Schöner Moment ohne Rassismus“ mit der Schauspielerin Yodit Tarikwa. Steckt da eine wahre Geschichte dahinter?

Ich habe mich da inspirieren lassen von einer Story, die so ähnlich gelaufen ist. Ich habe das mit Yodit auch so besprochen. Wir haben vor zwei Jahren am Residenztheater auch zusammengearbeitet und eben ein echtes Narrativ zusammen erarbeitet. Aber das ist schon so die Wahrheit. Und interessant ist da ja auch, dass dort jemand so einen erlösenden Moment drin findet.

Schorsch, seit Jahrzehnten kämpst du nun gegen Nazismus, Nationalismus, Sexismus, arbeitest dich am Kapitalismus und am System ab. Wird es dir auch manchmal zu viel? Wie und wo schaltest du eigentlich mal ab?

Das tut doch niemand. Auf uns alle floatet doch diese Unübersichtlichkeit herein. Ich reagiere intuitiv. Das war schon immer so und das ist ja auch von den Goldenen Zitronen das Anliegen gewesen. Das wir probieren zu reflektieren und zwar auch uns und unsere Szene, die ja auch nicht immer so clean ist. Selbst Rassismen, die auch in unseren Köpfen passieren können, von daher hat sich da gar nicht so viel verändert. Und die Welt hat sich ja auch leider nicht so stark verbessert. Abschalten kann man ja gewissermaßen, wenn man tot ist und das ist noch nicht so weit.