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Schöner Wohnen Möbel-Porn: Wenn Einrichtung zum Fetisch wird

Während in Deutschland über den Wohnungsnot debattiert wird, beschäftigen sich die Privilegierten unter uns mit einer anderen Frage: wie gestalte ich meine Wohnung und welche Möbelstücke passen am besten zu meiner Persönlichkeit? Auch unsere Autorin Maria Fedorova findet sich in der Welt des Lifestyle-Möbels wieder – und will da eigentlich wieder raus.

Von: Maria Fedorova

Stand: 12.04.2019

Modekolumne Möbel | Bild: picture-alliance/dpa

Lange Zeit waren Filmklassiker die einzige Quelle für meine Vorstellung, wie schöne Häuser aussehen sollen. „Swimming Pool“ mit Romy Schneider zum Beispiel oder „Blow up“ von Michelangelo Antonioni – bis heute ist meine absolute Traumwohnung: ein bohèmes Kunstatelier. Das war eine pure Freude an Ästhetik, die mit dem eigenen Leben nichts zu tun hat.

Dann kam das MTV-Format „Cribs“, ein Fenster in die Welt der verschnörkelt-spießigen Einrichtungen von den rich&famous. Ein guter Kontrast zur Realität in den eigenen vier Wänden: zusammengeschustert aus Ikea-Sachen, dem, was zu Hause bei den Eltern übrig war und zerschlissenen 15-Euro-Sesseln von Wohnungsauflösungen. Die Persönlichkeit des hier lebenden Teenagers haben Bandposter zum Ausdruck gebracht. Der Rest war nicht wichtig. Was zählte, war das Leben da draußen. Doch der allgegenwärtige Rückzug ins Private und der zunehmende Warenfetischismus haben ihren Tribut gefordert. Auch ich habe einen alltäglichen Gebrauchsgegenstand zum ultimativen Objekt der Begierde erhoben: ein Möbelstück.

Vom Food-Porn zum Möbel-Porn

Klar, der Fetischcharakter von Industrieprodukten wurde schon vor 200 Jahren thematisiert. Und natürlich ist das eine Lebensabschnittsfrage, in welche Produkte du dein verdientes Geld investieren willst. Meine Phase des Nestbauens kommt aber genau in der Zeit, in der soziale Netzwerke das Möbeldesign einprägsam zelebrieren. Früher waren es Kataloge und einschlägige Magazine, die unsere Kauflust getriggert haben Jetzt sind es Seiten wie „Somewhere i would like to live“ oder das „Apartamento Magazin“, die Kultstatus genießen. Zum Food-Porn kommt Möbel-Porn dazu. In den westlichen Metropolen entstehen Wohnungen, die als Kulisse für Influencer-Fotos dienen. Wie zum Beispiel das Village Studio in New York, ein Penthouse mit modischen Möbelstücken: Couches in der millennial Farbe pink, Metallregale mit Büchern, die nach Umschlagfarben sortiert sind.

In diesem Kosmos der Lifestyle-Einrichtungen treffen zwei Branchen aufeinander: zum einen die des klassischen Produktdesigns. Hier geht es wie auf dem Kunstmarkt zu. Berühmte Möbel sind rar, teuer und zeigen einen guten Geschmack. Le Corbusier oder Frank Lloyd Wright heißen die Philosophen und wer sich eine Bauhaus-Lampe oder ein Knoll-Sessel ergattert hat, schmückt damit auch seinen Feed. Wer sich das nicht leisten kann, kauft Replikas, also Nachbauten. Hashtag Midcentury, Hashtag Love my habitat.

Cross-Design sorgt dafür, dass der Sessel-Stoff zum Muster deiner Kleidung passt

Und dann gibt es eine andere Welt, die Welt des Season-Mobiliars, in der Modekonzerne so gerne mitmischen. So bei wie der Mode werden jedes Jahr neue Designs auf den Markt geworfen. Vor etwa zehn Jahren von H&M Home entdeckt, mittlerweile von jeder großen Mode-Kette vertreten. Anfang des Jahres ist auch der Mode-Onlineanbieter ASOS dazu gestoßen. Das Cross-Design sorgt dafür, dass der Sessel-Stoff zum Muster deiner Kleidung passt, was wiederum auch gut im Feed aussieht. Auch im Jahr 2019 bleibt es wichtig, die Schlichtheit Nordeuropas zu zelebrieren. Hashtag Skandinavisches Design, Hastag Nordic home.

Ästhetik matters, besonders wenn es um das eigene Zuhause geht. Doch das Gefühl, endlich in stabile Nicht-Wegwerf-Produkte zu investieren, verschwindet langsam bei mir. Denn Innenarchitektur bedeutet immer Dilemma: die Suche nach dem perfekten klassischen Produktdesign, das trotzdem voll im Hier und Jetzt verankert ist. Es bleibt nur eine Frage: Was mache ich mit meinem schlichten DDR-Holztisch, mit meiner Bauhaus-Lampe und meinem skandinavischem Teppich, wenn plötzlich der Trend zum Neo-Barock wiederkommt?


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