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Album der Woche: "Schland Is The Place For Me" Auf "Schland Is The Place For Me" verbindet Fehler Kuti Rassismuserfahrungen mit Experimental-Pop

Julian Warner ist Anthropologe, Dramaturg und Musiker. Als Fehler Kuti erschafft er ein poppiges Experimentalalbum, dass von Zitaten und Referenzen nur so strotzt. Auf „Schland Is The Place For Me“ verarbeitet er Rassismuserfahrungen und lädt ein zum Neudenken.

Von: Niklas Münch

Stand: 09.12.2019

Fehler Kuti mit roter Mütze vor blauem Himmel | Bild: Reuters (RNSP)

Eine schwarz-weiße Fotografie. Darauf zu sehen: Eine Frau, die einer anderen Person die Hand auf die Schulter legt. Die andere Person trägt eine große Maske, wahrscheinlich aus Pappmaché, die den Kopf eines schwarzen Menschen abbildet, die Gesichtszüge grotesk verzogen: riesige Lippen, hohe Stirn, unförmige Ohren. Darüber die dicken Schriftzüge: „FEHLER KUTI“ und „SCHLAND IS THE PLACE FOR ME“.

Das ist das Cover des Debüts von Fehler - nicht Fela - Kuti. Und allein das wirft schon viele Fragen auf. Woher stammt dieses absurde Foto? Was hat es mit dem Namen des Künstlers auf sich? Und warum gräbt er den unseligen Begriff „Schland“ wieder hervor? Für all diese Fragen gibt es Antworten. Bei diesem Album wurde nämlich nichts dem Zufall überlassen, es schöpft aus unzähligen Zitaten. Trotzdem ist es kein verkopftes, schwer erschließbares Stück Kunst. Im Gegenteil, „Schland Is The Place For Me“ klingt poppig, verspielt und lädt trotzdem zur tieferen Reflexion ein. Alles kann, nichts muss.

Verspielt aber trotzdem poppig

Dabei schöpft Julian Warner, so sein bürgerlicher Name, die vielen Bezüge und Referenzen aus seinen Beschäftigungsfeldern. Eigentlich ist er studierter Theaterwissenschaftler und als Dramaturg tätig.

Albumcover: Schland Is The Place For Me von Fehler Kuti

Gleichzeitig war er bis vor kurzem noch wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturanthropologie an der Universität Göttingen. Sich selbst bezeichnet er als singenden Kulturanthropologen.

Mit der Musik auf seinem Debüt entfernt er sich von dem Sound seines anderen Projektes 1115, das er gemeinsam mit Paul Grell betreibt. Das Duo produziert düsteren House und setzt bei ihren Shows auf Improvisation. Für sein Soloprojekt erweitert er das Spektrum, indem er analoge Instrumente miteinbezieht: Drums, Gitarren und Blasinstrumente. Diese sorgen für eine warme Klangfarbe. Entstanden sind die Songs in der Zusammenarbeit mit dem Produzenten Tobias Siegert - sowie Markus Acher, eigentlich Teil von The Notwist.

Einladung zur Entfremdung

Doch der Reihe nach: das Foto. Darauf ist eine Faschingsszene zu sehen, aufgenommen irgendwo in Bayern, einige Jahrzehnte zuvor. Ein Beweis, wie besonders People of Color in der Vergangenheit exotisiert wurden. Heute gibt es dafür ein wachsendes Problembewusstsein, der Rassismus in der Gesellschaft hat aber nur wenig abgenommen. Das spürt Julian Warner als Person of Color mit trauriger Regelmäßigkeit, so wenn er zum wiederholten Mal grundlos von der Polizei kontrolliert wird, wie er erzählt.

Dann der Name. Natürlich bezieht sich Julian Warner mit seinem Künstlernamen auch auf die Afrobeat-Ikone Fela Kuti. Doch würde er sich nie mit dem Original vergleichen wollen, sagt er, er sei schließlich nur der Fehler. Dabei lässt sich der Begriff „Fehler“ bei ihm ganz unterschiedlich interpretieren: Er selbst als Fehler im System, oder er als derjenige, der die Fehler im System benennt. Oder die kleinen Fehler, die er in seine Kunst einbaut, und die absichtlich irritieren.

Wie in seinem Albumtitel „Schland Is The Place For Me“. Warum ausgerechnet Schland? „Schland, das ist das, was übrigbleibt, wenn ein Stadion ‚Deutschland‘ ruft und ist für mich schon eine Form von Dekonstruktion von Deutschland“, erklärt Julian Warner. Dazu möchte er alle Hörer*innen einladen, zur Dekonstruktion und Entfremdung. Von Nationalismus, Rassismus und diskriminierenden Praktiken.

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Fehler Kuti :  All My Friends | Bild: alientransistor (via YouTube)

Fehler Kuti : All My Friends

Fehler Kuti ist aber kein Prediger, niemals hört man in den Songs seines Debüts Parolen. Meist merken wir beim Hören, dass hier irgendetwas nicht stimmt, ohne dass es so richtig benennbar ist. So beim ersten Track des Albums „Stranger Thunderbird“. Der Sound ächzt und kratzt und Fehler Kuti singt entrückt von der „southern police“. Oder auf dem zweiten Track „Rindermarkt“: eine kindlich-naive Melodie und dazu die Zeilen „dance / when you dance / you dont need any friends“. Beides mal sind kleine Irritationen im Sound und in den Zeilen verborgen. Beim mehrmaligen Hören festigt sich dieses negative Gefühl nur noch mehr.

Was dahinter steckt offenbart sich erst durch den Kontext: In beiden Songs verarbeitet Fehler Kuti die Räumung von Geflüchtetencamps in München im Jahre 2013 und 2016. Für Julian Warner Ereignisse, die ein Loch in der Stadt hinterlassen haben und die seiner Meinung nach wenig thematisiert wurden. In „Rindermarkt“ möchte er seinen Frust zum Ausdruck bringen, dass wenige Wochen nach der Räumung dieses Platzes dort fröhlich der CSD gefeiert wurde, ohne an das Leid der Geflüchteten zu verweisen, die mit einem Hungerstreik die Anerkennung ihrer Asylanträge durchsetzen wollten.

Album als Gesprächsangebot

Ohnehin finden sich auf dem Album viele Referenzen an seinen Lebensort München. Julian Warner hatte sich am Ende des Produktionsprozesses selber darüber gewundert, sagt er. Doch heute kann er sich das erklären: „Ich hab mich nochmal sauber gemacht, bevor dieses Kind kommt.“ Denn während er das Album produzierte, erfuhr er, dass er Vater werden würde. Also verarbeitete alle unverarbeiteten Erfahrungen auf „Schland Is The Place For Me“.

Wobei er auch Orte thematisiert, mit denen er Positives verbindet. Wie auf dem Track „Say Yes (X-Cess)“ auf dem er einer mittlerweile geschlossenen Kultkneipe Tribut zollt, weil dort Menschen jenseits von Klassenunterschieden gemeinsam feierten. Oder auf „Sontagsfavorit“. Ein ruhiges, melodisches Stück. Und der Versuch die Atmosphäre musikalisch abzubilden, die Sonntagsabends in der Favorit Bar herrschte, als Freunde von Julian Warners dort regelmäßig auflegten.

Als Fehler Kuti will Julian Warner nicht nur rassistische Mechanismen anprangern, sagt er. Die reine Kritik der Zustände bringe keine Veränderung. Deshalb reißt er die Dinge aus dem Kontext, deplatziert sie und offenbart so die Probleme. Er erzwingt damit ein Neudenken und fordert auf darüber zu sprechen. Sein Album ist somit nicht nur eine Einladung zur Dekonstruktion, sondern auch das Angebot gemeinsam über Veränderungen zu sprechen.


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