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Satire-Autor bekommt Hausbesuch von der AfD Satiriker Schlecky Silberstein ist stinksauer, weil die AfD nicht checkt, was sein Job ist

Christian Brandes, der Kopf hinter dem Bohemian Browser Ballett, wollte eigentlich nur einen neuen Satire-Beitrag drehen und gerät anschließend ins Visier der AfD. Sie besucht ihn und verbreitet seine Geschäftsadresse im Internet. Ein Gespräch mit einem wütenden Satiriker.

Von: Oliver Buschek

Stand: 20.09.2018

Porträtfoto von Schlecky Silberstein, Autor von "Das Internet muss weg" | Bild: Privat

Ein Set in Berlin-Lichtenberg. Das Bohemian Browser Ballett, ein vom SWR finanziertes Satire-Format, ist gerade dabei, einen neuen Beitrag zu drehen. Es geht um die Ereignisse in Chemnitz. Unter dem Titel "Volksfest in Sachen" stellen Schauspieler in Deutschland-Hüten und "Skinhead"-Aufmache eine Fake-Demo nach und passieren dabei einen falschen AfD-Stand, der Mitgliederanträge verteilt.

"Nein, wir drehen hier keine Fake-Nazi-Demo um die Bürger zu verarschen. Das ist ein Satire-Beitrag", meint Christian Brandes, Chef des Bohemian Browser Balletts und besser bekannt unter dem Namen Schlecky Silberstein. In einem Interview mit Zündfunk-Moderator Oliver Buschek erzählt er: "Wir haben alle Leute am Rand aufgeklärt. Wir hatten einen Regisseur, einen Catering-Truck und ganz ganz viele Aushänge. Wir haben einfach nur unserem Job gemacht". Ein Job mit Folgen. Irgendjemand filmt den Dreh und spielt das Material der AfD zu. Die wiederum postet das Video auf ihrem Facebook-Account. Vorwurf: Das Browser Ballett will die Partei vorsetzlich in Misskredit bringen. Das ist aber noch nicht alles. Der AfD-Abgeordnete Frank-Christian Hansel dreht sogar eine Art Enthüllungsvideo, wie er bei Brandes' Geschäftsadresse klingelt und das Schild abfilmt. Die Adresse veröffentlicht er im Internet. Es folgen Morddrohungen, Hetze und antisemitische Hass-Kommentare. Nun ist Schlecky Silberstein sauer.

Zündfunk: Kann es nicht sein, dass die AfD wirklich übersehen hat, dass es sich da um Satire handelt?

Schlecky Silberstein: Das ist ja genau das Spiel. Dieses "Das war für uns nicht ersichtlich". Aber was soll man denn sonst noch machen. Das Problem ist: Wir leben hier in einer Kunstfreiheit und ich will weiterhin solche Videos machen dürfen. Wenn ich jetzt sage, ich mache solche Videos nicht mehr, keine Drehs mehr, in denen die AfD vorkommt, weil die AfD einfach Verständnis-Schwierigkeiten hat, dann kann ich das nicht einfach lassen. Ich muss doch von einer Partei, die irgendwann mal die Macht übernehmen will erwarten können, dass sie einen Filmdreh von einer realen Inszenierung unterscheiden kann.

Du bist der Meinung, es war ganz bestimmt kein Missverständis. Warum denkst du, sind die Videos von der AfD dann deiner Auffassung nach überhaupt gemacht worden? Warum sagen die denn dann "Fake News - öffentlich-rechtlicher Rundfunk"?

Weil es eine sehr gute Gelegenheit war. Man muss einfach auch Bilder erzeugen permanent und in hoher Zahl, an denen die eigenen Anhänger noch mehr das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Medien verlieren sollen. Das stammt ja aus der alten Mottenkiste der Autokratie, dass man jede Gelegenheit nutzt um gerade öffentlich-rechtlichen Medien zu unterstellen, sie würden ihrem Zuschauer nicht die Wahrheit sagen. Das haben sie sich halt an der Stelle nicht nehmen lassen wollen, deswegen wars ihnen wider besseren Wissens trotz alledem lieber diesen Fake-News-Verdacht in die eigenen Kanäle zu spielen, als einfach anständig zu sein und zu sagen: "Das ist ein Filmdreh, diese Gelegenheit nehmen wir jetzt nicht mit".

...und möglicherweise kommt dann bei den Anhängern auch nur die Botschaft "Fake Video" an und nicht das, was du sagst: "Das ist natürlich Satire gewesen".

Das Dreckige an der Masche ist, da werd ich jetzt auch richtig sauer: Wir müssen es jetzt hier ausbaden, also mein Team, ich, mein Firmenpartner. Wir kriegen jetzt die ganzen Mails, den ganzen Schwachsinn. Einfach so, weil die eine Gelegenheit gesucht haben, mal wieder die Mainstream-Medien zu diskreditieren. Das kann man geschickter machen. Meinetwegen können sie den öffentlich-rechtlichen den ganzen Tag unterstellen, dass sie Fake News verbreiten. Aber damit will ich halt nix zu tun haben. Ich bin kein Journalist, ich bin kein Politiker, ich hab keine politische Agenda. Wir machen Unterhaltung und das nervt mich halt einfach.

Es gab ein Video im Netz mit einem Stadtplan von Google Maps, in dem genau erklärt wurde, wo euer Büro liegt und was das alles so passieren könnte, wenn man euch auf dem Weg zur Arbeit beobachtet.

Ich will der AfD nicht unterstellen, dass sie aktiv dazu aufrufen, uns zu bedrohen. Das ist ja auch völliger Schwachsinn. Es ist doch ganz klar: man weiß ja was passiert und wozu die eigene Klientel fähig ist. Es gibt von der AfD um Gottes Willen keinen direkten Aufruf, uns Morddrohungen zukommen zu lassen, aber die AfD liefert immer wieder Anlässe. Man muss nicht explizit aussprechen, was man verursacht, wenn man sagt "Hier ist die Adresse, da wohnen die Leute, da gehen wir jetzt mal vorbei und wenn sie nicht aufmachen, dann kommen wir wieder".

Du hast deinen Blogeintrag überschrieben mit der Überschrift "Ein Hauch von '33". Man muss mit Nazi-Vergleichen bekanntlich immer vorsichtig sein, aber wo siehst du die Parallelen?

Das war der erste Nazivergleich in meinem Leben, weil ich damit tatsächlich vorsichtig umgehen will, um halt eben dann nix zu inflationieren. Aber das hat sich halt einfach so angefühlt für mich, dieses Ding, dass Künstler privat besucht werden. Das hat für mich eine ganz neue Qualität eben. Wohl gemerkt, ich bin ein Künstler, ich bin ein Clown. Wir machen Unterhaltung. Wir sind kein politischer Gegner in dem Sinne und sowas habe ich halt lange nicht mehr erlebt. Habe mir das auch nie denken lassen, dass sowas jetzt schon wieder möglich ist. Wenn jetzt irgendein Wutbürger auftaucht, gut, du kannst die verwirrten Seelen nicht einfangen. Aber wenn ein offizieller Abgeordneter aus dem Berliner Abgeordnetenhaus Künstlern einen Besuch abstattet, dann wird mir Angst und Bange.

Ändert sich jetzt etwas für euch? Security, Umziehen etc.?

Wir wollen vor allen Dingen unsere Ruhe haben und weiter arbeiten. Was wir in nächster Zeit tun werden, das entscheiden wir demnächst, aber man will ja auch wieder normal arbeiten.


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