Bayern 2 - Zündfunk


4

Sandra Hüllers Debüt-Album "Be Your Own Prince" "Der Prinz soll sich um sich selber kümmern"

Man kennt Sandra Hüller aus dem Film "Toni Erdmann". Doch sie ist nicht nur Schauspielerin, sondern auch Musikerin. Im Interview verrät sie, wie ihr Debüt-Album "Be Your Own Prince" entstanden ist und warum sie nicht Gitarre, sondern Kalimba spielt.

Von: Oliver Buschek

Stand: 29.07.2020

Deutsche Schauspielerin | Bild: picture alliance/Christoph Soeder/dpa

Sandra Hüller ist eine deutsche Schauspielerin der ersten Garde. Für den Film „Toni Erdmann“ war sie für den Oscar nominiert. Neuerdings veröffentlicht sie auch Musik. Wir haben mit ihr über ihr Debüt-Album „Be Your Own Prince“ gesprochen.

Zündfunk: Es war interessant zu hören, dass du jetzt Musik machst. Du hast sieben Stücke veröffentlicht, ein kleines Mini-Album. Wie kam es dazu?

Sandra Hüller: Das ist für Journalist*innen eine total langweilige Geschichte. Ich habe eigentlich schon immer nebenbei Musik gemacht. Und dann durch die Begegnung mit verschiedenen Leuten, unter anderem Christine Meierling von Groove Music und Daniel Freitag, der ein sehr geschätzter Musiker ist, kam es dann dazu, dass wir gesagt haben: Das fassen wir jetzt mal zusammen.

Bist du denn jemand, der immer schon Musik gemacht hat, also Kinderchor, Schülerband und so weiter? Oder kam das dann relativ spät erst?

Ich habe immer alleine Musik gemacht. Ein Instrument spiele ich zwar bis heute nicht, aber ich war in einem Chor, da haben wir nicht die üblichen Sachen gesungen, sondern unbekanntere Geschichten. Und ich war in verschiedenen Bands, aber eben meistens in irgendwelchen Hinterhöfen.

Wie geht man, wenn man kein Instrument spielt ans Komponieren ran? Hast du Melodien vor dich hin geträllert?

Sandra Hüllers Lieblingsinstrument ist die Kalimba

So ähnlich. Bei den Songs, so wie sie jetzt existieren, sind Text und Musik immer gleichzeitig entstanden. Und dann hab ich irgendwann mal eine Kalimba entdeckt in Hamburg in einem Musikladen. Das sind so verschiedene Metallbügel, die sind pentatonisch gestimmt und man kann sie anklingen. Den Ursprung hat das in den afrikanischen Ländern, und das kann ich auch spielen, wenn ich keine Noten kann. Ich brauche dafür nur eine Hand und nicht beide. Und ich muss sie dafür nicht koordinieren.

Reden wir über das, was dabei rausgekommen ist. Das ist irgendwie schon verspielt. Es ist anspruchsvoll, aber auch sehr cool. Es ist auf jedenfall Indie und kein Mainstream und man hört, dass du musikalisch nicht durch Helene Fischer oder Nickelback sozialisiert wurdest.

Nein, in der Tat nicht. Ich habe auch als Jugendliche immer eher Nischen gehört. Da war viel Courtney Love oder Nirvana, PJ Harvey, aber eben auch Jazz-Leute und so. Das waren ganz unterschiedliche Dinge, die nie so richtig im Radio gespielt wurden. Ich habe immer eher nach Musik gesucht. Ich musste immer als Jugendliche in die nächst gelegene Drogerie fahren, Plattenläden gab es in meiner Umgebung überhaupt nicht und dann habe ich die CDs stapelweise durchgehört an diesem Stand mit dem Kopfhörer.

Ein Stück auf deiner Platte heißt: „My love, last breath“ und das ist von bulgarischen Frauenchören inspiriert. Wie kommst du zu bulgarischen Frauenchören?

Diese Musik hat bei mir so eine seltsame Verbundenheit ausgelöst. Es hat mich über Jahre hinweg begleitet, diese Art zu singen. Und in diesem Song tritt das zu Tage. Inspiration ist ja ein großes Rätsel, man weiß gar nicht wie das funktioniert. Das war dann der Kanal, in den das geflossen ist.

Das Album heißt: „Be Your Own Prince“. Botschaft also: Nicht nach dem Märchenprinzen schauen, sondern sich an sich selber erfreuen?

Nein, es ist ganz anders. Es geht eigentlich eher um einen Mann, der sein eigener Prinz sein soll und nicht ständig Frauen suchen, die er erretten kann. Der soll sich um sich selber kümmern.

Wäre es zu diesen Aufnahmen gekommen, wenn Corona nicht gewesen wäre?

Ja, die Aufnahmen gibt es ja schon ganz lange. Daniel Freitag und ich haben uns für die Bearbeitung ja nie getroffen. Es ist auch nichts neu eingesungen worden. Das wäre auch so gegangen. Wir haben das Projekt trotz Corona durchgezogen.

Du bist trotzdem Film- und Theaterschauspielerin. Das lag in den letzten Monaten danieder. Hast du irgendwie arbeiten können?

Es gibt ja gottseidank Hörspielstudios. Und man kann ganz viele Sachen vorbereiten, die in der Zukunft stattfinden. Es gab auf jeden Fall genug zu tun. Aber natürlich ist es bei manchen Kollegen anders. Je nachdem, was für ein Polster jemand hat, ist die Unruhe größer oder kleiner. Für viele Leute ist die Situation ja existenziell bedrohlich. Und es wird sehr wenig dafür unternommen, dass es den Leuten besser geht. Also da gäbe es im Grunde eigentlich noch viel zu tun.

Was würdest du dir da wünschen?

Sandra Hüllers Debut-Album "Be Your Own Prince"

Die staatlichen Hilfen sind ja begrenzt. Und bei den Theatern weiß niemand, wie das weitergehen soll im Herbst. Und die Krux ist: In unserer Gesellschaft muss es sich finanziell lohnen. Es kann ja gar kein wichtiger Kulturbestandteil sein, wenn es keine Kohle bringt. Und so wie die Theater im Moment besetzt sind, wird sich das niemals rentieren. Auch die Kurzarbeit läuft ja Ende des Jahres aus und niemand weiß, ob Ensembles zu halten sind.

Wie planst du deine nächsten Monate?

Ich arbeite mit Maria Schrader an einem Film und habe in meinem Garten viel zu tun, so bescheuert sich das anhört.

Du hast am Anfang von Journalist*innen gesprochen. Wie stehst du dazu, es gibt ja Menschen, die gehen deswegen auf die Barrikaden.

Das ist ein minimaler Aufwand, alle Menschen einzuschließen. Ich weiß überhaupt nicht, wie man dagegen sein kann. Ich habe die Argumentation, was daran falsch sein soll, noch nie verstanden. Wenn man mal andere Geschlechter getroffen hat als männlich oder weiblich, stellt sich die Frage nicht mehr, ob man die in den Sprachgebrauch einbindet. Alles andere finde ich im Moment fast blind.


4