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#failoftheweek Dieser Salafist ist ein TikTok-Star - weil ihn der Algorithmus pusht

Erst tanzende Teenager, dann Salafisten mit Swag: Auf TikTok kein Problem. Schuld daran ist ein allmächtiger Algorithmus. TikTok könnte zum ideologischen Kaninchenbau der Zukunft werden, kommentiert Christian Schiffer.

Von: Christian Schiffer

Stand: 13.08.2021

Der Extremist Ahmad Armih auf TikTok | Bild: TikTok/islamkontent

"Ist Vollkasko haram?" - Diese Frage beantwortet Ahmad Armih in einem Video. Der islamische Prediger, der sich selbst Abul Baraa nennt, erläutert auf TikTok, inwieweit das Abschließen einer Vollkaskoversicherung gegen islamisches Recht verstoßen könnte. Und für alle Autoversicherungsenthusiasten hat er eine schlechte Nachricht: "Sowieso: Haftpflicht musst du ja haben, dazu bist du ja gezwungen. Das ist also kein Problem. Aber alles was darüber hinausgeht, sollte man nicht machen."

Auf TikTok wird ein Extremist zum Star

Das oben beschriebene Video von Abul Baraa ging kürzlich viral, 2,9 Millionen Mal wurde es auf TikTok angesehen. Denn klar: Zu absurd erscheint der Clash zwischen dieser sehr strengen Auslegung des Islams und der drögen Realität des deutschen KFZ-Versicherungswesens. Aber es ist bei Weitem nicht das einzige Video, in dem Abul Baraa erklärt, was seiner Meinung geht oder was nicht geht. Auf seinem Kanal klärt er Fragen wie: Darf ich mich tätowieren lassen? Antwort: Nein. Darf ich vegan leben? Antwort: Ja. Shisha rauchen? Nein! Zähne bleichen? Ja. Barbie-Tapeten? Nein. Einhorn-Tapeten? Ja. Corona-Impfung? Eher nein. Alkohol? Hölle. Animes und Mangas zeichnen? Natürlich nicht! Ein Spongebob-Schwammkopf-T-Shirt tragen? Yes, please! Ahmad meint dazu: "Wenn das fiktive Personen sind, die real nicht existieren, die wie dieser Dummkopf, wie heißt der, dieser Spon… -Dummkopf. Wenn dieser z.B. auf dem T-Shirt abgebildet ist, dann kein Problem. Okay, weil es kein real existierendes Lebewesen. Anders sieht es aus, wenn da ein Pferd drauf ist. Okay, oder Alice Schwarzer."

Dass einzelne islamische Prediger erklären, was mit den Gesetzen des Islams vereinbar ist und was nicht, ist nicht an sich nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich aber ist, dass es auf TikTok passiert. Und richtig problematisch ist, dass ausgerechnet Abul Baraa hier ein kleiner Star ist, dessen Videos Millionen mal angesehen werden. Baraa gilt als Extremist und ein wenig auch als die islamische Version des identitären Posterboys Martin Sellner. Früher war Baraa an der berüchtigten As-Sahaba-Moschee in Berlin aktiv. Heute predigt er in Braunschweig, weshalb er vom Niedersächsischen Verfassungsschutz beobachtet wird. Baraa hetzt in seinen Predigten, die auch teils auf Youtube zugänglich sind, gegen Israel, aber auch gegen Homosexuelle.

Algorithmen bei TikTok haben viel mehr zu sagen als bei YouTube

Abul Baraa verbreitet auf TikTok seinen Salafisten-Swag. Natürlich: TikTok ist schon längst nicht mehr nur eine Plattform für Schminktipps und Tanzvideos. Die Black Live Matter Bewegung nutzt TikTok genau so zur Mobilisierung wie Rechte. Aber der salafistisch-virale Vollkaskohit wirft ein Schlaglicht auf ein Problem: Denn TikTok ist bekannt dafür, einen gewaltigen Sog auszuüben. Video reiht sich an Video. Hier ein lustige LipSync, dort ein witziges Tanzvideo, ach guck mal, was dem Daniel in der großen Pause passiert ist, da noch ein lustiges Tanzvideo, dann dieser Salafist, der meint, dass Homosexuelle in der Hölle schmoren werden und jetzt ein Kochvideo. Bei TikTok entscheidet alleine ein mythenumrankter Algorithmus, was man gezeigt bekommt. Wie genau, erklärt dieser BR-Artikel. Um ein Video von Abul Baraa in die Timeline gespült zu bekommen, muss man ihm nicht einmal folgen.

Viel wurde diskutiert über YouTube. Darüber, dass der Algorithmus einen immer tiefer in den Verschwörungskaninchenbau lockt, weil er Videos mit Quatschtheorien zum 11. September oder zu Chemtrails mehr bevorzugt als Videos, die über Quatschtheorien zum 11. September oder zu Chemtrails aufklären. Wie groß dieser Einfluss der YouTube-Algorithmen wirklich ist, das ist umstritten. Klar aber ist, dass Algorithmen bei TikTok noch sehr viel mehr zu sagen haben als bei YouTube – und dass die Nutzer hier sehr viel jünger sind. Der Kaninchenbau der Zukunft könnte TikTok sein - und hier wieder herauszufinden, das könnte noch sehr viel schwerer werden.