Bayern 2 - Zündfunk


11

Das Buch zur Stunde Rutger Bregman zeigt, dass der Mensch im Grunde gut ist

Eigentlich sind wir alle Egoisten. Wenn es drauf ankommt, schließen wir uns zuhause ein und bunkern Klopapier. Solche Ansichten teilen viele Menschen. Doch sie sind falsch, schreibt der Historiker Rutger Bregman in seinem neuen Buch "Im Grunde gut".

Von: Julia Fritzsche

Stand: 31.03.2020

Historiker und Buchautor | Bild: picture alliance/Horst Galuschka/dpa/Horst Galuschka dpa

Der Autor Rutger Bregman wirbelt gerade TED-Konferenzen und Feuilletons auf. In seinem Buch „Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit“ will er zeigen, warum der Mensch an sich empathisch ist – er es aber nur verlernt hat: "Über Jahrhunderte haben Philosophen, Psychologen und Wirtschaftswissenschaftler versucht zu belegen, dass die meisten Menschen im Grunde egoistisch seien. Nur eine dünne Schicht von Zivilisation halte uns von unseren innersten Trieben ab, nach denen wir Egoisten, Biester und Tiere seien. Was ich in meinem Buch zeigen will, ist, dass das falsch ist", sagt Bregman.

Ein positives Menschenbild zu zeichnen, ist in der philosophischen Tradition fast schon revolutionär. "Wir sind keine Engel. Wir haben eine gute und eine dunkle Seite in uns. Es kommt aber darauf an, welche wir füttern", so Bregman. Das heißt, wir sind mimetische Wesen: wir ahmen nach. Schon als Kinder. Aber auch als Erwachsene: Lächelt uns jemand an, lächeln wir häufig zurück. Gibt uns jemand an der Kasse einen fehlenden Euro aus, machen wir Ähnliches eine Woche später. Wir gähnen sogar, wenn jemand anderes gähnt.

Die Geschichte ist das beste Beispiel

Anders als große Theoretiker wie Steven Pinker, der die Geschichte der Menschheit als Geschichte der Gewalt beschreibt, möchte der niederländische Historiker Bregman zeigen: wir sind gut. Über Jahre hätten wir beispielsweise als Nomaden gelebt, als Jäger und Sammler in relativ kleinen Gruppen. Das ist zwar lange her, doch belegt, dass wir eigentlich am liebsten miteinander reden, uns lieben und gemeinsam Beeren pflücken wollen.

Dann ist jedoch etwas Ungewöhnliches passiert. „Ungefähr vor zehntausend Jahren sind wir sesshaft geworden“, sagt Rutger Bregman. Erst dann hätten wir angefangen, Dinge einzuhegen, einige hätten sich zu Machthabern erklärt und begonnen, selbsterklärtes Eigentum mit Gewalt zu verteidigen.

Wem nützt das schlechte Menschenbild?

Der niederländische Historiker Rutger Bregman

Bregman wird schnell politisch: "Die, die an der Macht sind, wollen uns glauben lassen, dass wir einander nicht trauen können. Denn wenn wir uns vertrauen würden, würden wir anfangen, Hierarchien in Frage zu stellen."

Gewalt und Eigennutz existieren natürlich, so Bregman. Sie sind aber keine Konstanten, sondern mussten und müssen uns immer wieder erst antrainiert werden. Bregman untersucht auf 500 Seiten angebliche Belege, die besagen, dass der Mensch schlecht ist. Er arbeitet sich durch psychologische Studien und nimmt Kriege unter die Lupe – und er stellt fest: Ja, es gibt Sadistinnen und Massenmörder, aber in vielen Kriegen bleibt die Mehrheit trotz Aufforderung zu Gewalt friedlich: So zeigen Überreste von Waffen und unzählige unbenutzte Patronen aus Schützengräben, dass die Waffen nie zum Einsatz kamen, weil viele Soldaten nicht schossen, sondern lieber die ganze Zeit nachluden, um beschäftigt auszusehen.

"Was wir von anderen annehmen, ist oft das, was wir von ihnen kriegen."

Bregmans Buch ist das Buch zur Stunde. Mehr als alle Krisen bisher stellt die aktuelle globale Pandemie unsere Wirtschaftsweise der letzten Jahrzehnte in Frage. Bregman passt in die gegenwärtige Corona-Krise. Denn in dieser Krise fragen wir uns: Wie wollen wir eigentlich leben? Was ist uns wichtig? Wo ganz neue Wirtschaftsbereiche in den Blick geraten und plötzlich nicht mehr Banken, sondern Pflege, Medizintechnik und Essensversorgung als "systemrelevant" gelten. Und wo Menschen Masken nähen, Nachbarinnen helfen und zeigen, wie solidarisch wir tatsächlich sind.


11