Bayern 2 - Zündfunk


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Johnson, Seehofer und Co. Früher Demut, heute Mittelfinger: Was hat den Rücktritt bloß so ruiniert?

Es gab eine Zeit, da waren ernsthafte Gründe oder Zwang für einen Rücktritt nötig. Heute ist der Rücktritt Teil der eigenen Selbstinszenierungs-Strategie geworden, wie Horst Seehofer oder Boris Johnson zeigen. Wie konnte es so weit kommen?

Von: Elisabeth Veh

Stand: 10.07.2018

Der britische Außenminister Boris Johnson verabschiedet sich | Bild: picture alliance / empics

Es gab eine Zeit, da ist man zurückgetreten, wenn man einen Fehler gemacht hat. Einen Fehler wie etwa das Übernehmen fremder Texte in die eigene Doktorarbeit. Danach ließ Karl-Theodor zu Guttenberg wissen, er habe "in einem sehr freundlichen Gespräch mit der Frau Bundeskanzlerin" erklärt, dass er zurücktreten werde. Meist war es der Druck von außen, der diese Rücktritte herbeigeführt hat – manchmal schneller, manchmal langsamer. Alles eine Frage der Sensoren für das eigene Fehlverhalten. Mit 1,54 Promille Alkohol im Blut erwischt, erklärte die damalige Landesbischöfin Margot Käßmann recht umgehend, sie habe das Amt beschädigt – und trat zurück.

Wer erkannt hat, dass der Zeitpunkt nah ist, an dem man besser die Party verlässt, der erhöhte durch einen rechtzeitigen Abgang seine Chancen auf ein Weiterleben ohne Schmach oder gar auf ein Comeback. Wer hingegen glaubte, dass man Würde am besten rettet, wenn man auf seinem Stuhl sitzen bleibt, verschwand meist erst recht für immer von der Bildfläche. Frag nach bei Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst.

Rücktritt und Reue hingen direkt zusammen, denn zurückzutreten beinhaltete eine gewisse Demut vor der Aufgabe, die man da niederlegt. Schließlich ist ein Rücktritt keine Kündigung. Was also ist passiert, dass Amt und Würden inzwischen ganz anders verlassen werden?

"Ich habe ja gesagt, dass ich beide Ämter zur Verfügung stelle, dass ich das in den nächsten drei Tagen vollziehe..."

Horst Seehofer, Bundesinnenminister

Auch wenn Horst Seehofer seinen Rücktritt am Ende nicht ganz voll-, beziehungsweise durchgezogen hat: Er hat hier eine kleine Vorlage geliefert, die seine Ministerkollegen Boris Johnson und David Davis in Großbritannien gestern eiskalt kopiert haben: Rücktritt ohne Aufforderung. Gehen aus Hass, verletzter Eitelkeit oder Strategie.

Früher war ein Rücktritt ein dickes "Sorry", heute ist er eher ein Mittelfinger

Wo früher ein dickes "Sorry" draufstand, heißt es heute einfach: "Sorry, Leute – ohne mich". Denn statt Selbstkritik ist der Rücktritt jetzt eine knallharte Kritik am anderen – am Gegner. Egal ob Angela Merkel oder Theresa May, das Prinzip ist dasselbe: Wer so zurücktritt wie Johnson – oder damit droht wie Seehofer – der greift in Wahrheit an. Und zwar, indem er seine werte Haltung und damit auch sich selbst inszeniert. Ja, und zwar als beleidigte Leberwurst oder feige Sau, das sagen ja jetzt viele. Aber seien wir mal ehrlich: Die Nummer hat halt schon bei der ersten Pausenhofliebe funktioniert: "Mach, was ich sage, sonst mach ich Schluss."

Kein Wunder, dass selbst diese steifste aller steifen hochamtlichen Angelegenheiten am Boden des Niveaubeckens angekommen ist. Wir leben in Zeiten des gescheiterten Diskurses, wo Meinungen gepresst und Kompromisse erzwungen werden, und die Reklamierfrist für Wahrheiten immer schon abgelaufen ist. Wer braucht Demut, Reue oder geknickte Statements, wenn die totale Eskalation möglich ist. Die Regierung – soll sie halt zerbrechen. Die Brexit-Verhandlungen – sollen sie halt scheitern. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft….ja, das ist interessant!

Ob schon jemand zurückgetreten ist, das war eine der ersten Fragen bei Twitter nach dem WM-Aus der deutschen Mannschaft. Klassischer Reflex. Jemand muss die Verantwortung übernehmen für diese – Zitat "Bild"-Zeitung – nationale Schande. Darüber nachgedacht haben die Verantwortlichen.

"Das war natürlich für alle Beteiligten, gerade für Jogi und mich, gerade in der Nacht der Niederlage schwer, da denkt jeder, der dabei ist, erstmal ans Aufhören."

Oliver Bierhoff, Teammanager der Nationalmannschaft

Bierhoff hätte darüber ruhig noch etwas länger nachdenken können. Aber Jogi Löw fand den Rücktritts-Reflex, was seine Karriere angeht, offensichtlich auch etwas feige – und vielleicht außerdem ein bisschen oldschool. Was ja auch wieder bemerkenswert ist.


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