Bayern 2 - Zündfunk


21

"Mauscheln", "Ische" und Co. Dieser jüdische Autor warnt vor Antisemitismus in unserer Alltagssprache

Was treibt Menschen zu Straftaten und Hetze gegen jüdische Mitbürger*innen und welche Bedeutung hat die Sprache in diesem Zusammenhang? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Journalist Ronen Steinke in seinem neuen Buch „Antisemitismus in der Sprache – Warum es auf die Wortwahl ankommt“. Wir haben mit ihm gesprochen.

Von: Franziska Timmer

Stand: 14.10.2020

Ronen Steinke | Bild: picture alliance/Revierfoto/Revierfoto/dpa

Zündfunk: Ich habe gestern Abend einen Ausruf gehört, und zwar "Oioioi". Vielen ist sicherlich nicht bewusst, dass dieser Ausruf ursprünglich jiddisch ist, oder?

Ron Steinke: Ah, es gibt auch "Oi Vey" und "Oiwa Voy", also da gibt's verschiedene Varianten. "Chuzpe" ist auch ein jiddisches Wort, was viele Menschen verwenden, was sehr charmant ist. Oder "meschugge" für "verrückt". Die deutsche Sprache ist eine, die kann das gut vertragen, wenn sie ein bisschen gesprenkelt wird von solchen Einflüssen.

Ist dein Plädoyer, sich generell mehr mit der Herkunft der Worte, die wir nutzen, auseinanderzusetzen?

Die Worte kommen nicht nur deswegen in die deutsche Sprache, weil die deutsche Sprache so offen ist und weil wir so interessiert sind an der Welt um uns herum. Teilweise kommen die Worte auch als Ausdruck von Ressentiments in unsere Sprache hinein. Wenn wir dann unbewusst das weiter transportieren, diese Worte weiterverwenden, ohne uns das klarzumachen, dann transportieren wir auch dieses Ressentiment weiter. Ein Beispiel dafür: Das Wort "Mischpoke" ist eins, wo es überhaupt nicht so charmant ist, dass wir das in der deutschen Sprache verwenden. "Mischpoche" auf Jiddisch bedeutet eigentlich nur Familie, also ganz wertneutral. Aber im Deutschen, wenn wir heute das Wort Mischpoke als Lehnwort verwenden, hat es immer einen Klang des Anrüchigen, etwas Dubioses, etwas Sinistres. Dieser Bedeutungswandel, den es im Deutschen erfahren hat, der ist nur damit zu erklären, dass ein bestimmtes Bild von Jiddisch-Sprechern vorhanden war, was ein negatives Bild war.

Bevor wir dann noch tiefer einsteigen, würde ich erst einmal bei einem Basis Begriff mit dir anfangen. Es geht in deinem Buch speziell um Antisemitismus in der Sprache. Es geht aber auch um, du hast es gerade schon gesagt, Unterbewusstes, das mit Begriffen mitschwingt. Warum fällt es denn vielen Menschen auch heute noch so schwer das Wort "Jude" auszusprechen, ohne, dass da gleich, wir nennen es mal, Kopfkino losgeht?

Das Wort "Jude" ist natürlich als Schimpfwort oft verwendet worden in der Historie. Nicht nur dort, auch heute, in Fußballstadien oder in vielen sozialen Kontexten wird es, ohne beschimpfende Adjektive, einfach nur als nacktes Substantiv, schon als Schimpfwort verwendet. Das ist eine Intention, die natürlich viele Menschen gar nicht haben, wenn sie das Wort verwenden, aber das ist ein Beiklang, den das Wort doch manchmal hat. Ich habe da keine Hochmut, wenn ich merke, dass Menschen ein bisschen zögern, das Wort auszusprechen, sondern ich finde das dann eher eigentlich eine Art löbliches Selbstüberprüfung.

Jetzt gehen wir mal noch einen Schritt weiter. Du hast das auch schon kurz anklingen lassen. Du beschreibst zahlreiche Ausdrücke, die du "ungutes Jiddisch" in deinem Buch nennst. Das sind im Jiddischen normale Worte, die aber im Deutschen häufig abwertend benutzt werden. Welche sind das zum Beispiel?

Also neben der "Mischpoke", die ich schon erwähnt habe, ist es die "Ische". "Ische" auf Jiddisch, auch auf Hebräisch "Ischa", heißt eigentlich nur "Frau", völlig wertneutral. Und im Deutschen hat es immer einen etwas dubiosen Klang. Eine "Ische", auch in der Jugendsprache ist nichts, wonach man strebt. Und darin drückt sich aus, dass die deutsche Sprache, als sie dieses Wort aus dem Jiddischen importiert hat, so ein bisschen auch ein negatives Bild von Jüdinnen vor Augen hatte. Das andere Wort, was finde ich, noch drastischer ist, von dem man noch mehr Abstand halten sollte, ist das Wort "Mauscheln". Das kommt ja auch oft im Journalismus vor. Mauschelei im Gemeinderat oder so.

Das haben ja ganz viele in Ihrem aktiven Wortschatz.

Ja, also alles, was zu Korruption und Absprachen hinter vorgehaltener Hand betrifft, ist mit Mauschelei genannt. Es kommt daher, dass im Mittelalter der jiddische Vorname "Moses" ausgesprochen "Moishe" im deutschen Sprachgebrauch Mausche/Mauschel, dass der als Übername, wie Sprachwissenschaftler es nennen, also als Name für alle Juden verwendet wurde. So, wie ähnlich rassistisch herablassend auch Ali für Türken heute verwendet wird. Und "mauscheln" als Verb war dann einfach "sich benehmen wie ein Jude", "reden wie ein Jude". Das heißt, wenn man heute sagt, "Mauscheln" ist für mich ein Synonym für korruptes Handeln, sollte man sich bewusst machen, was für einen völlig indiskutabel antisemitisches Stereotyp man damit aufruft, ob bewusst oder unbewusst.

Du sagst schon immer, ob bewusst oder unbewusst. Wenn man jetzt diese Begriffe benutzt, ihre Herkunft aber gar nicht kennt. Ist es denn dann so schlimm, sie zu benutzen? Und vor allem, ist es dann schon antisemitisch?

Nein, wenn man es nicht wusste, dann ist es sozusagen ohne böse Absicht. Aber ich finde, es kommt darauf an, mit welcher Einstellung man dann reagiert, wenn man aufgeklärt wird. Ob man ganz offen dafür ist und ganz dankbar, und dass ist, worauf ich hoffe, mit meinem Buch, mit meinem Ansatz: Sensibilisieren, darauf hinweisen. Nicht mit geballter Faust, sondern eher mit einer einladenden Geste. Was ich aber oft auch erlebe ist, dass Leute reagieren wie ein Mensch, also "So meine ich es nicht. Ich lasse mir auch nicht die Wörter wegnehmen von einer Sprachpolizei." Und das ist, glaube ich, eine Haltung, der begegnen wir ja auch in ganz verschiedenen Bereichen der Sprache, auch wenn es um gendergerechtes Sprechen geht oder um irgendwie Rassismus-befreites Sprechen. Da hab ich ein Problem mit. Das ist eine Haltung, der es an Empathie mangelt und der es auch an, ehrlich gesagt, sprachliche Sensibilität mangelt.

Das heißt, dein Buch ist schon ein Stück weit der Versuch, Sprache zu verändern?

Ja, zu sensibilisieren. Ich glaube, wer es liest, der wird sich auch nicht gewertet fühlen, sondern eher irgendwie an die Hand genommen fühlen, so hoffe ich es zumindest.

Jetzt kommen wir noch zu den schönen Dingen. Kommen wir zum Beispiel zum Schmusen, denn auch dieser schöne Begriff ist ursprünglich jiddisch. Darf man den dann noch weiter verwenden?

Ja, unbedingt. "Schmusen", "Meschugge", "Chuzpe", "Tacheles": Es gibt so viele schöne jiddische Wörter, die einfach aufgrund ihres charmanten Klangs in der deutschen Sprache aufgenommen worden sind. Und das ist ein Kompliment an diese schöne Sprache und dieses Kompliment und diese Ausdruck von Zuneigung, davon kann es gar nicht genug geben. Also schmusen Sie meschugge! Absolut.


21