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Neu auf Netflix Warum Martin Scorseses "Rolling Thunder Revue"-Doku über Bob Dylan auch ein zweieinhalbstündiger Scherz ist

Bob Dylan hat seine Tournee mit der „Rolling Thunder Revue“ als „nichts“ bezeichnet, als etwas, was von der Zeit vergessen wurde. Nun hat der Regisseur Martin Scorsese diese Tour von 1975 zu neuem Leben erweckt, mit einem halb-fiktionalen Dokumentarfilm. Durch seine Vermischung von Fakten und Fiktion ist ein Werk entstanden, über das sog. „Dylanologen“ noch lange rätseln werden.

Von: Roderich Fabian

Stand: 19.06.2019

Bob Dylan in Rolling Thunder | Bild: picture-alliance/dpa

Manchmal serviert uns Martin Scorsese in seinem Film über die „Rolling Thunder Revue“ überraschende, man könnte fast sagen: sensationelle Geschichten. So sehen wir plötzlich Sharon Stone, die rückblickend erzählt, dass sie 1975 - als 17jährige - bei einem Dylan-Konzerte war, bekleidet mit einem „Kiss“-T-Shirt, auf das sie vom Meister selbst angesprochen wurde.  Wow, die jugendliche Sharon Stone hat Bob Dylan auf Kiss aufmerksam gemacht, auf die Art, sich die Gesichter weiß zu färben, im japanischen Kabuki-Stil. Und tatsächlich wird Dylan auf der Rolling-Thunder-Tour immer mit geweißeltem Gesicht auftreten. Endlich haben wir Dylanologen eine Erklärung für diese Maskerade.

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Rolling Thunder Revue: A Bob Dylan Story By Martin Scorsese | Trailer | Netflix | Bild: Netflix (via YouTube)

Rolling Thunder Revue: A Bob Dylan Story By Martin Scorsese | Trailer | Netflix

Leider ist diese Story komplett erfunden, auch wenn sie Bob Dylan persönlich im Interview mit Scorsese bestätigen wird. Dieser Film bringt uns also „Fake News“, immer wieder. So taucht auch ein fiktiver Regisseur namens John Van Dorp auf, der angeblich bei der Tour 1975 mitgedreht hat. Und Bob Dylan schwört auf Van Dorps „geniale Idee“, seine Doku über die Tour im Stile alter Wochenschauen zu drehen.

Ein zweieinhalbstündiger Scherz? Ja und nein!

Haben wir es hier also mit einer „Mockumentary“ zu tun, mit einem zweieinhalbstündigen Scherz, den sich Scorsese und Dylan gönnen wollten? Ja und nein! Denn trotz der diversen eingebauten Fakes wird uns zugleich auch ein Einblick in die Revue gegönnt, bei der Dylan mit Musikerinnen wie Joan Baez und Joni Mitchell, aber auch mit dem Autor Sam Shepard und dem Beat-Poeten Allen Ginsberg ja tatsächlich war. Das authentische Dokumentarmaterial besteht hauptsächlich aus bisher unveröffentlichten Resten von Bobs einziger Regie-Arbeit, dem seltsamen Film „Renaldo and Clara“, der ja auf der „Rolling Thunder“-Tour gedreht wurde und 1978 einer der größten Flops in Dylans Karriere werden sollte. Wir sehen die Künstler bei Proben in New York, backstage auf Tour oder wir sehen, wie Allen Ginsberg und Dylan on the road Station machen beim Grab des großen Jack Kerouac in Lowell, Massachusetts.

Ein Zeitgeist, der von heute aus betrachtet paradiesisch wirkt

So etwas ist dann authentisches, bislang nie zu sehendes Material, das oft gegengeschnitten wird mit Bildern aus den USA von 1975, als sich ein Wandel vollzieht, auch in der Politik. Als Tricky Dick Nixons Nachfolger Gerald Ford zwar noch im Amt ist, aber sich die liberalere Ära des Jimmy Carter ankündigt. Hier zeigt uns Scorsese durchaus Zeitgeist, der von heute aus betrachtet fast schon paradiesisch wirkt. Das eigentlich Sehenswerteste an diesem Film sind aber die Live-Mitschnitte von Dylan und seiner kompetenten Band.

Die Band rockt wie nur selten

Dylan wirkt bei den Live-Aufnahmen ungeheuer fokussiert und engagiert. Hinter ihm stehen eben auch Gitarristen wie T-Bone Burnett und Mick Ronson, der „Ziggy Stardust“-Sidekick von David Bowie. Will sagen: Die Band rockt wie nur selten in Dylans Karriere, und der Sänger lässt sich anstecken von der Power seiner Kollegen. Leider werden Burnett und Ronson in diesem Film kaum erwähnt. Stattdessen kriegen wir aber Statements von Joni Mitchell (damals) und Joan Baez (heute). Und so ist dieser - vielleicht ein bisschen überlange - Netflix-Film letztlich absolut sehenswert, weil wir hier nicht nur Dylan in Bestform erleben, sondern ein bisschen auch die USA.


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