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Rockintendant Bernd Schweinar „In 30 Jahren war kein Tag wie der andere“

Wenn Nachtbürgermeister Könige sind, dann ist er der Kaiser: Bernd Schweinar leitet den Verband für Popkultur in Bayern und ist seit 30 Jahren der offizielle Rockintendant des Freistaates. Besuch in seinem Schloss.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 12.11.2021

Rockintendant Bernd Schweinar vom Verband für Popkultur Bayern | Bild: VPBy e.V.

Bei „Rockintendant“ habe ich Bilder von speckigen Lederjacken, verrauchten Kellerbüros und alten AC/DC-Postern im Kopf. Doch nach eineinhalb Stunden Fahrt Richtung Regensburg denke ich nicht mehr an Gitarren und zerstörte Hotelzimmer, sondern eher an Jane Austen oder Downton Abbey. Ich stehe vor Schloss Alteglofsheim. Traumhaft idyllisch, romantisch. Ein Bau aus dem 10. Jahrhundert, umgeben von jahrhundertealten Bäumen. Hier residiert Bernd Schweinar.

Er sitzt im zweiten Stock mit Blick auf mehrere Hundert Quadratmeter Schlosspark. „Umso schöner ist es für Leute, die zu uns kommen, dass das Schloss genutzt wird, dass es für Publikum offen ist“, sagt Schweinar. Auf bis zu 22.000 beliefen sich die Übernachtungen pro Jahr. „Und Dozenten, die zu uns kommen, sagen: ‘Zu dir komme ich immer wieder!’ – weil das Ambiente die Leute befruchtet.“

Schloss Alteglofsheim, Sitz der Bayerischen Musikakademie.

Schweinar leitet seit 2011 die Musikakademie, die in dem Schloss untergebracht ist. Außerdem ist er Geschäftsführer des Verbandes für Popkultur in Bayern. Und er ist seit 30 Jahren Bayerns offizieller Rockintendant. Was das heißt? Auf dem Schloss organisiert Bernd Schweinar Workshops, Seminare und Veranstaltungen, das gehört zu seinem Job als Rockintendant.

Viel Organisation und wenig Glamour

Aber das ist natürlich noch nicht alles. „Ich kümmere mich tagtäglich um alles Mögliche“, sagt er. Schweinar ist für Anfragen aus der Szene zuständig. „Szene ist ja weit definiert, das geht von Künstlern aus dem Amateur- und Profibereich bis zu Veranstaltern.“ Hinzu kommen landesweite Workshops und der Schulbereich.

Viel Organisation also. Irgendwie habe ich mir unter Rockintendanz etwas Anderes vorgestellt. Irgendwie, dachte ich, das ist glamouröser oder eben: rockiger. Und Musik läuft hier auch nicht: „In die musikalischen Belange mische ich mich schon seit Jahren nicht mehr ein, dafür gibt es jüngere Leute bei uns“, erklärt der Rockintendant.

Er selbst habe mal das elektrische Zupfinstrument Padel-Steel-Gitarre gelernt und komme aus dem Country-Rockbereich, möge handgemachte und härtere Musik. „Aber nicht mein persönlicher Geschmack zählt, und hat auch nie gezählt, sondern immer das, was den Leuten unter den Nägeln brennt – und da hat natürlich auch sehr früh Hip-Hop und alles Mögliche dazu gezählt.“

Er ist auch für Techno und Hip-Hop zuständig

Aha, aber es heißt ja „Rock“-Intendant. Da fragt man sich natürlich, wo ist denn der Techno-, Pop-, Hip-Hop- oder Reggae-Intendant? Tja, den gibt’s nicht, weil Bernd Schweinar tatsächlich für alle Musikstile zuständig ist. Der Titel ist auch etwas irreführend, gibt er zu. Der Begriff stamme von einer Münchner Theaterwissenschaftlerin: „Die war damals auch parallel in der Geschäftsführung vom Feierwerk und hat provokanterweise in ihre Diplomarbeit reingeschrieben, dass es das, was im Theaterbereich üblich ist, auch bräuchte für das, was man damals ‘Rockmusikbereich’ nannte.“

Längst wird nicht jedes Genre mehr als Rockmusik bezeichnet. Aber das Prinzip sei dasselbe geblieben: „Es ging darum, dass die Szene Eigenverantwortung braucht, sowohl was die finanzielle Administration angeht, als auch die künstlerische und organisatorische.“ Das hat Bernd Schweinar ganz gut hingekriegt in den 30 Jahren, die er jetzt Rockintendant ist. Die Szene sei vorangekommen. Selbstbewusster geworden.

Während Corona „so viel gearbeitet wie noch nie“

Soloselbstständige protestieren 2020 vor dem Bundesfinanzministerium.

Man könnte meinen, dass in der Zeit der Pandemie nicht viel los war in seinem Büro. Aber weit gefehlt. „Ich habe in den letzten eineinhalb Jahren so viel gearbeitet wie noch nie“, sagt Schweinar. Er hat sich um Corona-Hilfen für Club- und Festivalbetreiber gekümmert. Monatelang hat er Zahlen zusammengetragen und mit Betroffenen gesprochen, um mit dem Ministerium überhaupt darüber reden zu können, welchen Bedarf Clubs und Festivalchefs haben. Leicht ist diese Lobbyarbeit nicht. Aber macht sie eigentlich noch Spaß, nach Jahren der Etat-Kämpfe und der Corona-Zeit?

Mit Politkern über Geld streiten könnte einem doch langweilig werden? „In 30 Jahren war kein Tag wie der andere“, sagt Schweinar. „Es sind natürlich auch Rückschläge dabei, aber es macht Spaß, Leuten zu helfen.“ Er bekomme unzählige Anfragen von Leuten, die in der ein oder anderen Form nicht weiterwüssten. „Und den Leuten zu helfen, macht elendig Spaß, weil es auch eine innerliche Befriedigung ist, etwas Positives zu erreichen“

Lang hat er nicht mehr in seinem Schloss. Noch circa zwei Jahre, dann geht er in Rente und darf wieder zuhause den ganzen Tag an seiner Gitarre herumzupfen. Vielleicht wird er auch die vielen Fotografien aus seiner Zeit als Journalist einscannen. Aber der Gedanke an die Rente fühlt sich für Bernd Schweinar noch komisch an: „Ich fremdele noch damit“, sagt er. „So einen Turn kann ich mir innerlich noch gar nicht so richtig vorstellen oder mich damit anfreunden.“