Bayern 2 - Zündfunk


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"Untitled (Rise)" Das Londoner Trio Sault macht Protest tanzbar

Nur drei Monate nach ihrem letzten Album, das zu einem der musikalischen #BlackLivesMatter-Beiträge überhaupt wurde, legt das mysteriöse Studiotrio Sault nach. War der Vorgänger eine Protest-Platte, erwächst auf “Untitled (Rise)” Hoffnung und Zuversicht, doch etwas bewirken zu können.

Von: Ralf Summer

Stand: 21.09.2020

Es begann wieder mal auf Instagram: Auf der Seite von Sault tauchte da vor ein paar Tagen ein neues Foto auf: Ein Schwarz-Weiß-Bild von zwei betenden Händen. Aber nicht die demütig gefalteten, sondern zwei Hände, deren Handinnenflächen sich komplett berühren, wobei die Fingerspitzen nach oben zeigen: Rise!

Das Bild signalisiert uns Fans: Ah, bald wird es ein neues Sault-Album geben. Und das beginnt mit “Strong”, einem Drei-in-einem-Stück: Disco-Nummer, Popsong und dann dieser Percussion-Part. Da wird gleich deutlich, wohin die musikalische Reise diesmal geht: Mehr Afro-Anteile und damit mehr Trommeln und mehr Chanting. Aber das ist längst nicht alles. Auch Quincy Jones und sein bekanntester Schützling sind nur ums Eck. Das meisterhafte „Fearless“ hat etwas von einer mitreißenden Michael Jackson-Komposition – aber mit ernstem Motherland-Bezug: „All our lives / simply feel like we’ve been trying to go to back / to Africa“: „Unsere Leben fühlen sich so an, als ob wir versuchen würden, nach Afrika zurückzukehren.“ Es geht um Schmerz, Zerrissenheit, um Identität. Man muss wissen: Sault sind drei People Of Colour, zwei aus London: Inflo und Cleo Sol - plus eine Rapperin aus den USA, Kid Sister.

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Strong | Bild: Sault - Topic (via YouTube)

Strong

Protestsongs voll positiver Vibes

Im Titelstück „Rise“ weckt eine Mutter ihr Kleinkind. „Steh auf, Du Schlafmütze“ – das lässt sich natürlich auch politisch betrachten. Denn mit „Street Fighter“, dem nächsten Song, schicken uns Sault gleich wieder in den Straßenkampf. Das Lied bildet eine Art Verbindungsstück zum letzten Album „Untitled (Black Is)“, das heute fast als inoffizieller Soundtrack der #BlackLivesMatter-Bewegung gehört werden kann. Sowieso ein großer Pluspunkt von Sault: Selbst ihre Protestsongs sind freundlich, voller positiver Vibes und umarmend: Sie singen nicht von „ihr“ – sondern von „wir“.

“Wir haben echte Wunden, fühlt meinen Widerstand, wir haben keine Chance, wir sind Straßenkämpfer”: Sault werden zur Akteur*In in “Street Fighter”. Das macht sie zu einem Unikum, schreibt das amerikanische Musikmagazin Pitchfork. Sie erinnern zwar an geschmackvolle Soul-Funk-DIY-Bands wie ESG, dem Go-Team oder Jungle, aber bei Sault geht es um mehr als ums Tanzen. Es geht eben auch um Black Identity.

Sault wissen die Musikgeschichte zu kombinieren

Ein weiterer Höhepunkt des Albums ist “Free”: Die Strophen erinnern an die Gesangsmelodie von „Son of a Preacher Man“, aber dann schwenkt der Song im Refrain um Richtung Massive Attacks „Unfinished Sympathy“. Ich habe es schon zehn Mal gehört und immer noch bekomme ich Gänsehaut. Sault wissen die Musikgeschichte zu kombinieren – das ist mal informierter Pop! Im Schlussstück „Little Boy“ heißt es: „Kleiner Junge, such bald nach den großen Antworten.“ Und: „Wenn du älter bist, wirst du die finden, die so aussehen wie du - Gott hat uns erwählt.“ Als ob eine Lauryn Hill auf die Spiritualität von Soom T treffen würde, die letzte Woche Album der Woche bei uns war.

Vier Alben in nur eineinhalb Jahren

Vor ein paar Monaten hab ich ein Interview mit Sault-Chef Inflo, der auch noch Produzent ist von Michael Kiwanuka, und der Rapperin Little Simz ist, angefragt. Vom Sault-Label „Forever Living Originals“ bekam ich als Antwort: „Sorry, weder Sault noch Inflo geben Interviews. Sie sind lieber im Studio und machen Musik. Aber warte mal, was er im Herbst rausbringen wird.“ Nun also folgt tatsächlich schon wieder eine neue Sault-Platte. So ein Lauf ist in der Popgeschichte wohl einmalig. Vier Alben mit fast 50 Songs in nur eineinhalb Jahren. Irgendwie fast schon wie unser musikalisches Tagebuch, der Soundtrack unseres Lebens. Sault sind auf dem besten Weg zu einem Phänomen, zu einer möglichen Konsensband, auf die sich wirklich alle einigen können.


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