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Vom Aussterben bedroht Wer intim rasiert, tötet! Plädoyer für die Filzlaus

Alle reden vom Pandabären, dabei ist uns ein anderes vom Aussterben bedrohtes Tier viel näher: Die Filzlaus! Seit Aufkommen der Intimrasur, hat sie es wirklich schwer. Alexandra Martini stellt Euch das kleine Tier schnell noch vor - eh wir es vielleicht nie wieder sehen.

Von: Alexandra Martini

Stand: 25.01.2019

Grafik Filzlaus | Bild: Colourbox / Montage: BR

„Wenn es kein Schamhaar mehr gibt, dann gibt’s keine Filzläuse“, so Kees Moeliker, Leiter des naturhistorischen Museums in Rotterdam und Autor des Buches „Der Entenmann - mysteriöse Todesfälle aus dem Tierreich“. Seit zwei englische Wissenschaftler 2007 auf den Zusammenhang zwischen Rückgang des Filzlaus-Vorkommens und dem sogenannten Barbie-Ideal im westlichen Intimbereich hingewiesen haben, kümmert sich Moeliker liebevoll um den Erhalt der Filzlaus. Für ihn ist klar: Der Filzlaus könnte es ergehen wie dem Pandabären. Hat die Abholzung der Bambuswälder bei den Pandas fast dazu geführt, dass die süßen Bären aussterben, werden den Filzläusen nun die Schamhaare unter den Beinen weggerodet. „Das Schamhaar, das ist ihr Lebensraum, ihr Biotop, da ist die Filzlaus ganz spezialisiert“, so Moeliker.

Übertragen werden Filzläuse fast ausschließlich durch haarigen Geschlechtsverkehr: Kommt ein frisches Bündel Schamhaare vorbei, dann hüpfen die Tierchen schnell hinüber. Filzläuse sind Entdeckerfreunde und das obwohl sie höchstens einen Monat alt werden. Haben Filzläuse wiederum Geschlechtsverkehr, dann legen sie Eier. Kees Moeliker: „Sie brauchen kein Essen, das Essen haben sie, das ist Ihr Blut. Das ist alles. Und ich habe mit Leuten gesprochen, die hatten eine ganz große Population von Filzläusen und sie wussten es gar nicht: Keine Ahnung, keine Probleme.“

Die Lobby der Filzlaus: Verschwindend gering

Doch viele die untenrum eine Filzlaus-Party haben, kämpfen mit Juckreiz und killen sie möglichst schnell mit insektizidem Shampoo. Es wirkt wie eine Allianz der Willigen: die Juck-Gereizten, die Shampoo-Hersteller, die Hausärzte – alle Filzlaustöter. Und weil die Filzlaus nicht nur juckt, sondern auch nicht ganz so süß ist, wie ein Pandabär, ist ihre Lobby verschwindend gering. Das will der Biologe Kees Moeliker ändern und sammelt deshalb seit zehn Jahren Filzläuse, um sie präpariert im Naturhistorischen Museum auszustellen. „Bevor es zu spät ist, bevor die Filzlaus ganz ausradiert ist, habe ich versucht, die letzten Exemplare für die Sammlung zu bekommen. Gerade habe ich ungefähr 20 neue erhalten, meistens von Ärzten, aber auch von Privatpersonen.

Nur: In einem Museum ist die Filzlaus tot! Gegen ihr Aussterben nützt das erstmal nichts. Und bitte: Hier stirbt eine drei Millionen Jahre alte Tierart einfach so vor unseren Augen weg! Nur weil wir uns ständig rasieren müssen! Es hängt nun von uns ab, genauer: von jedem einzelnen von uns.

Die Lösung: Sex haben oder Bart tragen

Was du und ich also ganz persönlich tun können, um die Filzlaus zu retten, ist sonnenklar, so Moeliker: „Nicht rasieren, das ist natürlich Nummer eins! Und dann sollte man sehr viele sexuelle Partner haben!“ Ein erfrischender Wissenschaftler, dieser Herr Moeliker. Doch Kees Moeliker wäre nicht Kees Moeliker, wenn er nicht auch etwas Hoffnung in die untenrum rasierte Welt bringen würde: „Im Zoologischen Museum in Hamburg habe ich ein ganz schönes Präparat gefunden: in Barthaaren! Das Exemplar war von 1917, das ist natürlich lange her, aber es ist möglich dass Filzläuse Barthaare lieben. Und jetzt gibt all die jungen Leute mit Hipsterbärten! Das kann die Rettung sein. Alle Tiere versuchen einen anderen Lebensraum zu finden, wenn das Original-Biotop nicht mehr da ist.“


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