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"Reptrails" In diesem Videospiel simulierst Du Verschwörungstheorien - und greifst so nach der Weltherrschaft

Neben Corona verbreiten sich seit rund einem Jahr allerlei Falschinformationen und Verschwörungsmythen. Dagegen wollte Spieleentwickler Torsten Fock-Herde etwas unternehmen - und zwar so kreativ wie möglich. Dank einer Crowdfunding-Kampagne steht jetzt die erste Version des Spiels "Reptrails".

Von: Niklas Münch

Stand: 30.03.2021

Ein Mann auf einer Hygiene-Demo in München mit einem Aluhut, aus dem ein Q herausragt. | Bild: picture alliance/ZUMA Press

Torsten Fock-Herde weiß, wie absurd seine Spieleidee erstmal klingt: Bei Reptrails kämpfen die Spieler*innen nicht gegen eine Verschwörung, nein, sie sind die Verschwörung selbst! Und damit kennt sich der 42-jährige aus. Als junger Mann hat er sich selber in Verschwörungsmythen verloren. Ende der 90er kam er durch Bücher in den Kontakt mit diesen Erzählungen und steigerte sich so rein, dass er sich vor dem nahenden Weltuntergang fürchtete: "Ich hatte dann wirklich Angst davor, dass es irgendwann soweit kommt, dass es sich da entzündet. Und hab mir Gedanken gemacht, wie ich mich davor in Sicherheit bringen könnte. Das gipfelte darin, auch aufgrund einer gewissen Hilflosigkeit, nach Spanien abzuhauen."

Die etwas andere Art Verschwörungsmythen zu bekämpfen

Obdachlos und ohne Perspektive in Spanien kamen er und seine Freundin, die mit ihm gegangen war, langsam wieder zur Vernunft. Diese Erfahrung habe ihn motiviert, sich im Internet gegen Verschwörungsmythen zu engagieren, Menschen aufzuklären, sagt er. Dann kam die Coronakrise. "Ich möchte mehr machen, als den reinen Online-Aktivismus", dachte sich Fock-Herde, als die Corona-Proteste im März und April stärker wurden.

Das Entwicklerteam von "Reptrails": Torsten Fock-Herde und seine Tochter Jasmin

Und so entstand Reptrails, per Crowdfunding finanziert mit insgesamt knapp 27.000 Euro, von über 1000 Unterstützer*innen. Das Ziel des Spiels: Die Weltherrschaft. Um die zu erlangen, sollen ein paar Werkzeuge aus der Verschwörungswelt helfen: Man kann Flugzeuge, die Chemtrails versprühen, fliegen lassen, Lügenpresse verbreiten oder Handymasten bauen. Aber Vorsicht: Sogenannte Schwurbelpromis und Wutbürger haben deine Machenschaften erkannt und arbeiten gegen dich!

Satire mit Holzhammer

Der Entwickler des Spiels hofft, dass mit "Reptrails" die Mechaniken von Verschwörungstheorien dargestellt werden können. "Und gleichzeitig wollen wir zeigen, wie irrational es ist, damit die ganze Welt kontrollieren zu wollen. Weil es ist ja klar, dass das nicht funktionieren würde", fügt Focke-Herde hinzu. Noch mehr Informationen gibt es in einem Ingame-Browser. Dort können Spieler*innen ausgewählte Artikel von Portalen wie Mimikama, Volksverpetzer und Wikipedia lesen, die sich kritisch mit Verschwörungsmythen auseinandersetzen. Spieleentwickler Torsten Fock-Herde will so einen spielerischen Zugang zum Thema bieten, denn: "Sich jetzt hinzusetzen und Fachzeitschriften lesen oder auch Bücher über Verschwörungstheorien, ist nicht jedermanns Sache. Manche spielen lieber, mache schauen sich lieber ein Video an. Es ist einfach nur eine andere Form, Informationen unter die Leute zu bringen."

Das Videospiel gibt es auch als mobile Version

Dabei ist das Spiel Satire mit dem Holzhammer. Die Schwurbelpromis heißen Xaver Didgeridoo und Donald Shrump, Protestgruppen werden Pegidoof oder Honks for Hirn genannt. Ist das alles zu quatschig? Mick Prinz von der Amadeu-Antonio-Stiftung betont, dass man nicht den Fehler machen darf, Verschwörungstheorien zu stark zu bagatellisieren. "Gleichzeitig find ich es aber auch wichtig, sich über Rassismus, über Verschwörungsmythen und über Ideologen auch zu belustigen und sie nicht nur mit einem totalen bierernsten Blick zu behandeln. Allerdings finde ich es immer wichtig, dass der Kontext stimmt", so Prinz weiter. Er ist der Projektleiter der Arbeitsgruppe "Good Gaming", die sich mit politischen Diskursen in der Gaming-Community befasst.

Ein ehemaliger Verschwörungstheoretiker gegen Verschwörungstheorien

Prinz findet es gut und notwendig, dass Reptrails Hintergrundinformationen über die Verschwörungsmythen liefert. Sonst wäre es reine Reproduktion der Erzählungen. Die Frage ist aber, ob die Aufklärung bei den Spieler*innen ankommt. Er glaubt, dass man mit "Reptrails" definitiv Leute erreichen kann, die sich noch nicht gut mit der Kritik oder den Mythen auseinandergesetzt haben und fügt hinzu: "Aber ich glaube trotzdem weiterhin, dass es vor allem für Menschen eher geeignet ist, die sich mit dem politischen Background diesen Ideologien auseinandergesetzt haben."

Auch Torsten Fock-Herde macht sich keine Hoffnungen: Menschen, die sich in Verschwörungsmythen verrannt haben, kriegt er mit dem Spiel nicht wieder raus. Das weiß er aus seiner eigenen Erfahrung: "Wenn du in einer Sekte bist, dann holt dich da ja auch kein Aussenstehender raus. Sondern irgendwann fangen an Widersprüche zu nagen, an einem. An diesem Weltbild, was man hat." Aber vielleicht kann Reptrails ja zumindest verhindern, dass Menschen überhaupt anfangen, an solchen Quatsch zu glauben.


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