Bayern 2 - Zündfunk

Meinung Punks haben Spaß auf Sylt? Ihr kennt diese Reporter noch nicht!

Reporter tuckert mit 9-Euro-Ticket nach Sylt – keine Pointe. Kleine und große Medienhäuser haben rund ums Pfingstwochenende einen inoffiziellen Wettkampf gestartet: Wer liefert den überflüssigsten Reisebericht? Ein Best-of.

Von: Paula Lochte

Stand: 09.06.2022

Drei Punks schlendern am 04.06.2022 durch die Fußgängerzone von Westerland auf Sylt, sie haben einen Hund und einen Kasten Bier dabei | Bild: picture alliance/dpa | Axel Heimken

„Reporter testet 9-Euro-Ticket auf Extrem-Strecke“, titelt der Focus. Und der Unerschrockene schafft es tatsächlich bis ans Meer. Nein, nicht nach Sylt, wie die nur vermeintlich chaotischen Punks mit ihrem vorab über Amazon nach Westerland georderten Bier, sondern nach Rügen. Und er war nicht der einzige: Im Tuckerzug von Süddeutschland an die Nord- oder Ostsee reisen und das per Kamera, Reisebericht oder gleich per Liveticker festhalten – das war rund um die Einführung des 9-Euro-Tickets zuletzt der Lieblingssport aller Medienhäuser, die dafür ihren Bayern-Korrespondenten, eine „rasende“ Reporterin oder zumindest einen Hospitanten entbehren konnten. Taz-Journalist Sebastian Erb hatte es schon im Mai auf Twitter vorhergesehen:

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Sebastian Erb Ich freue mich jetzt schon auf die ganzen Erfahrungsberichte, wo Journalist:innen für 9 Euro im Monat überall hingefahren sind.

Die vergangenen Tage dürften Sebastian Erb nicht enttäuscht haben. Die ersten Selbstversuche gingen sogar schon vor der Einführung des 9-Euro-Tickets online. So auch jener über die sogenannte „Extrem-Strecke“ ans Meer. Und um eines direkt offenzulegen: Der Reporter, der vor allen anderen diese Strecke über sich ergehen ließ? Das war ein BR-Kollege. Das Medienhaus, für das ich arbeite, stand bei den olympischen Reise-Spielen des Grauens also keinesfalls teilnahmslos an der Seitenlinie.

Goldmedaillenwürdige Zitate hat unser Kollege schon vor drei Wochen geliefert: „Ich ahne bereits, dass das kein Wellness-Trip wird“ oder „Dieser Ausblick entschädigt für viele Strapazen“. Aber andere Medien, kleine wie große, haben seitdem einiges getan, um im Überbietungswettbewerb um den absurdesten und überflüssigsten Reisebericht mitzuhalten. Eine Presseschau.

Frankfurter Allgemeine: Sie packen Nussschnecken aus

Nicht ein, nicht zwei, nein, zwölf Reporter, also eine ganze Fußballmanschaft plus Trainer, hat die Frankfurter Allgemeine rund ums Pfingstwochenende aufs 9-Euro-Ticket angesetzt. Ein Großteil (nämlich zehn) waren Korrespondenten, die erzählten, warum die Bahnen und Busse im Ausland so toll sind, dass sie gar keine Regional-Flatrate brauchen. Da erfuhren wir dann Bahnbrechendes wie „Langsam – aber deutlich billiger als das Taxi“ (Turin), „Ratten auf den Gleisen – aber die Wandmosaiken sind so schön“ (New York) oder „Elizabeth Line: Rechtzeitig zum Thronjubiläum fertig“ (London).

Kurz zuvor hatte die FAZ aber auch die Pflichtübung dieser Tage aufgeboten: Sie schickte einen Reporter von München nach Sylt; 15 Stunden und 34 Minuten war er unterwegs. Die Sekunden hat er nicht angegeben. Schade. Immerhin verspeiste er am Ende selbstironisch ein Fischbrötchen bei Gosch – Anlaufpunkt für so viele vor ihm, von der Politikerin bis zur Romanfigur in Christian Krachts „Faserland“. An einer Stelle im Text tritt die Absurdität des gesamten Unterfangens besonders deutlich zutage: Der Autor trifft im Westerland-Zug auf eine Journalistin der Badischen Neuen Nachrichten, die live über ihre 9-Euro-Reise tickert. Kurz nach dem Aufeinandertreffen der beiden ist in ihrem Liveticker zu lesen: „Andere Mitreisende verfolgen mittlerweile gespannt den Liveticker.“ Ob es mehr als der Journalisten-Kollege waren, ist im Ticker nicht überliefert.

Ähnlich überzeugt vom fehlenden Spannungsbogen der eigenen Erlebnisse war Reporter Nummer zwölf der Frankfurter Allgemeinen. Er hat seine Pendelroute von München nach Frankfurt minutiös festgehalten mit dramaturgischen Höhepunkten wie: „Ein altes Ehepaar packt Nussschnecken aus.“ Dann Halt in Heigenbrücken. Wiesthal. Partenstein. Langenprozelten. Dort fragt der Nussschnecken-Mann seine Frau: „Warst du schon mal in Langenprozelten?" War sie nicht. „Ich auch nicht“, sagt er.

Ich stelle mir Dialoge wie diese im Aufzug oder Treppenhaus ähnlich spektakulär vor wie jene im Zug: „Warst du schon mal im siebten Stock?“, fragt ein Mann mit Bart. „Heute zum ersten Mal“, antwortet die Kollegin Andrea, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. Und fügt hinzu: „Es sind viele Stufen zu überwinden, aber von dort oben siehst du Landschaften wie aus dem Bilderbuch. Das entschädigt für alle Strapazen!“

Was alle Reporter eint

Drei Elemente durften in keinem der Reiseberichte fehlen:

  1. Protokolle heimlich mitgehörter Gespräche (siehe oben)
  2. Auflistung selten gehörter Ortsnamen. Schließlich ist es (laut Zeit Online) so „unterhaltsam“ in Trochtelfingen oder dem Büsenbachtal!
  3. Eine Menge Hürden bis zum Happy End (siehe nachfolgend)

Wie alle unerschrockenen Helden müssen auch die Reporter und Reporterinnen auf ihren Reisen durch Deutschland einige Hürden überwinden: Zugausfälle! Verspätungen! Volle Waggons! Kaputte Klimaanlagen (und Nerven)! Es ist wie eine Aneinanderreihung jener Anekdoten, die sich auf Twitter schon vor Jahren zu einem eigenen Genre gemausert haben: das Deutsche-Bahn-Lamento:

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Sidney Gennies Neulich im Bordrestaurant der @DB_Bahn: „Wir haben heute nur warmes Bier und nichts zu essen im Angebot“ „Schade. Und warum fährt der Zug nicht?“ „Ja, das ist auch so ein Problem ...“

Aber keine Sorge: Bei den 9-Euro-Ticket-Epen lässt das Happy End zwar lange auf sich warten, aber es kommt bestimmt. Die knallharten Rechercheure und Rechercheurinnen laufen dann über den Strand in den Sonnenuntergang hinein, winken den Punks zu und strahlen uns an: „Das alles für nur neun Euro!“ Fischbrötchen, Strandkorb und Feierabendbier kosten aber extra.

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Fabian Köster Mit dem 9-€-Ticket nach Sylt - diese 4 Phasen durchlebt jeder https://t.co/i7KzYvZbnd

Mit dem 9-€-Ticket nach Sylt - diese 4 Phasen durchlebt jeder https://t.co/i7KzYvZbnd | Bild: koesterfabian (via Twitter)