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„Un café sans musique c’est rare à Paris“ Warum Johanna Pauline Maier zu den interessantesten Regisseurinnen Deutschlands zählt

Die Regisseurin Johanna Pauline Maier hat schon diverse Filme gedreht, vor allem Dokus über KünstlerInnen. Im Interview spricht sie über ihren neuen Film „Un café sans musique c’est rare à Paris“ und darüber, wie die Umgebung einen Menschen prägt und man dort - wenn man will - auch ein anderer Mensch werden kann. Autor Roderich Fabian stellt stellt sie uns vor.

Von: Roderich Fabian

Stand: 31.07.2019

Die Regisseurin Johanna Pauline Maier hat schon viel erlebt. In der DDR geboren, reiste sie mit Famillie in den Westen aus als sie acht war. Später studierte sie zwei Jahre lang Sinologie in Peking, um danach an der Münchner HFF ihren heutigen Beruf zu erlernen. Inzwischen lebt sie in Paris, wo auch ihr neuer Film spielt: „Un café sans musique c’est rare à Paris“. Wenn ein Film mit einem so sperrigen Titel anläuft, ist schon mal klar, dass es der Regisseurin nicht um Kommerz geht. Tatsächlich haben wir es mit einem klassischen Autorenfilm zu tun. Und bei Johanna Pauline Meier mit einer der derzeit interessantesten Filmemacherinnen.

Johanna Pauline Maier: „Dieser Film ist das Portrait einer Frau, die durch die Stadt läuft. Am Anfang ist sie eine Touristin oder eine Reisende, die man nicht zuordnen kann. Und später scheint sie eine Bewohnerin dieser Stadt zu sein. Und ich hatte auch Glück, eine Schauspielerin zu finden, die beide Sprachen fließend kann. Und zweitens ist dieser Film aber auch ein Portrait von diesem Paris, wie ich es erlebt habe und erlebe.“

Anna, eine Deutsche, die frisch in Paris angekommen ist, ist die zentrale Figur des Films. Schon bei ihrem ersten Spaziergang durch die Stadt wird sie von Fremden angesprochen, die fest behaupten, sie zu kennen. Der Film ist voller surrealer Missverständnisse. Johanna Pauline Maier geht es um Identität und wie sie sich in einer neuen Umgebung verändern kann.

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Un café sans musique (Trailer deutsch/frz. OmU) | Bild: Drop-out Cinema eG (via YouTube)

Un café sans musique (Trailer deutsch/frz. OmU)

„Das hat mich immer fasziniert, dass man an einem fremden Ort letztendlich ein kleines bisschen wer anderes wird. Ich glaube, dass die Leute da auch verschieden sind: Es gibt die, die da weniger sensibel sind und beinahe das durchsetzen, was sie immer sind. Dann gibt es Leute, die sich total verlieren an neuen Orten und quasi ganz wer anderes werden. Und ich glaube, beides ist menschlich. Und die ideale Lösung ist, dass man beides kann und auch versteht, was mit einem dann passiert.“

Tatsächlich schöpft die Regisseurin aus eigenen Erfahrungen. 1985 bekam ihre Familie die Erlaubnis aus der DDR auszureisen und landete im Westen. Johanna Pauline Maier war damals acht Jahre alt.

„Wir sind in Westdeutschland angekommen und für die Leute waren wir keine Deutschen. Wir waren Ausländer. Und wir waren vielleicht auch ein bisschen anders. Aber wir kamen aus einem Teil Deutschlands, der den Leuten damals noch sehr fremd war. Wir waren dann mitten in Rheinland-Pfalz, es war also weit weg, die DDR. Und für diese Leute waren wir welche aus dem Ausland. Das war schon sehr merkwürdig: Fremd zu sein, obwohl man doch die gleiche Sprache spricht. Ich war da sehr jung, aber ich hab das schon gespürt, dass da dieser Abstand herrschte. Ich habe mir in Windeseile das Rheinländische angewöhnt, obwohl ich vorher berlinert habe. Eine merkwürdige Erfahrung, die mich hat mich geprägt hat.“

Nach dem Abitur ging Johanna Pauline Maier nach China, um dort Sinologie und Philosophie zu studieren, auf Chinesisch. Dort wurde ihr abermals eine neue Identität zugeschrieben.

Es war für mich ein unglaubliches Erlebnis, nach China zu gehen, mit dieser deutsch-deutschen Differenz, die mir im Kopf so eingebrannt war. Die Chinesen haben mich für eine Amerikanerin gehalten, wie sie damals alle für Amerikaner gehalten haben. Das war absurd und da bin ich dann ein bisschen geheilt worden, von meiner Grenze im Kopf.“

Geheilt wurde sie auch von ihren Ambitionen, tiefer in die chinesische Philosophie einzutauchen. In Peking wuchs stattdessen ihr Interesse am Filmemachen, was sie schließlich an die Münchner Hochschule für Film und Fernsehen führte. Die hat sie längst absolviert und ist inzwischen in Paris gelandet, einem neuen Sehnsuchtsort, entstanden aus der Liebe zu den Filmen von Godard und Truffaut, von Varda und Rivette, also den Protagonisten der Nouvelle Vague der späten 50er und frühen 60er Jahre.

„Tatsächlich ist es das, was mich hier in die Stadt getrieben hat, die Nouvelle-Vague-Filme. Es gibt schon auch aktuelle Filme, aber primär die Filme der Nouvelle-Vague. Und daran musste ich mich auch erstmal abarbeiten, dass das aktuelle Frankreich und Paris doch eine etwas andere Stadt ist, und das kommt ja auch in meinem Film vor.“

Aber irgendwie ist es auch schwer vorstellbar, dass Paris schon die Endstation ist; auf der langen Reise der Johanna Pauline Maier.       

In München läuft der Film ab Montag, dem 05.08.2019 im Werkstattkino. Am Dienstag, dem 6. August wird die Regisseurin zum Publikumsgespräch erwartet.


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