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Meinung Reclaim Wokeness: Nein, linke Wokeness ist nicht die größte Bedrohung unserer Demokratie

Eine Ex-Bild-Redakteurin behauptet, dass die grassierende linke Wokeness die größte Bedrohung unserer Demokratie ist. Auch Fynn Kliemann schiebt Kritik an seiner Person darauf. Der Begriff "woke" ist zum politischen Totschlagargument geworden. Ein Umdeutungsversuch.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 21.06.2022

Unternehmer beschwert sich über linke Wokeness | Bild: picture alliance/dpa | Hauke-Christian Dittrich

Nein, das ist keine Falschmeldung. Die Politik-Redakteurin Judith Sevinç Basad hat bei der BILD-Redaktion gekündigt. Und zwar, weil ihr der Axel Springer Konzern zu „woke“ geworden ist. Was war passiert? Basad wollte einen Beitrag schreiben, in dem sie den Umgang der öffentlich-rechtlichen Medien mit Transidentität kritisiert. Schließlich würden Transaktivisten überall die krude Behauptung vertreten dürfen, dass das biologische Geschlecht nicht existiere, so die Autorin. Doch der Artikel ist ihr, wie sie in einem offenen Brief schreibt, nicht gestattet worden.

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Johannes Boie @JSevincBasad Stimmt, Judith, wir sind jetzt links! Döpfner rief eben nochmal an und hat mir das befohlen. Nebenbei: Auf Deinen Artikelvorschlag hatte ich ja "Do it!" geantwortet – schade, dass der Text nicht hielt, was Dein Vorschlag versprochen hatte.

Also schimpft sie: „Es hat mich schockiert, dass der Koloss Axel Springer, der regelmäßig gegen die übelsten Diktatoren der Welt schießt, sich plötzlich von der inhaltslosen Propaganda einer woken Minderheit in die Knie zwingen lässt.“ Böse, böser, woke. „Wokeness“ setzt die Autorin gleich mit: „Gesinnungsdiktatur“ und sieht diese als größte Bedrohung für unsere Demokratie. Wo Wokeness Terroranschläge verübt hat, wo Wokeness Autos angezündet oder Menschen getötet hat, verrät sie dabei nicht.

Fynn Kliemann, Hasnain Kazim und die Bildzeitung

Unternehmer Fynn Kliemann klagt über die woke Linke.

Mit Begriffsverschiebungen im Bereich „Wokeness“ ist Judith Sevinç Basad gerade nicht alleine. Es tobt ein Kampf um Deutungshoheit, was man unter „woke“ verstehen soll. Der Unternehmer und Influencer Fynn Kliemann meint zum Beispiel, dass alles „woke“ ist, was ihn kritisiert. Nachdem das ZDF-Magazin-Royale aufdeckte, dass er mit Maskendeals Geld machte und fälschlicherweise behauptete, dass die Produkte fair in Portugal hergestellt wurden, obwohl sie eigentlich aus Vietnam und Bangladesh kamen, veröffentlicht Kliemann ein Video und schiebt die Kritik an seinen Machenschaften auf „diesen einen Teil in der woken linken Szene“. Auf Menschen, die sich angeblich mit erhobenem Zeigefinger gegenseitig zerfleischen würden, wenn ihren Erwartungen nicht entsprochen wird. Und der Journalist Hasnain Kazim meint, dass „Wokeness“ bedeutet, anderen ideologisch vorzuschreiben, wie sie sich zu verhalten haben. Er kritisiert die Woke-Culture immer wieder und behauptet auf Twitter, dass es so etwas wie ein Land „Wokeistan“ gibt. Eine Art totalitäres System, wo die Gesetze der Wokeness gelten. In bestimmten Kreisen hat sich auch der Begriff "Woko Haram" im Diskurs etabliert, der die woke Bewegung mit einer Terrororganisation gleichsetzt.

Woke-Wahnsinn: Linke Meinungsmacher lassen uns nachts schwitzen

Auch die Bild-Zeitung schießt in ihren Artikeln immer wieder gegen Wokeness. Vor wenigen Monaten steht da zum Beispiel: „Woke-Angriff: ‚Wer hat die Kokusnuss geklaut‘ soll jetzt auch rassistisch sein!“ Eine weitere Überschrift: „Woke-Irrsinn: Sängerin Adele entschuldigt sich für afrikanische Frisur.“ Es wirkt fast so, als ob Wokeness zu einer Art diskursiven Killerphrase geworden ist, wenn jemand keine Argumente mehr hat. Und so würde es auch nicht verwundern, wenn demnächst irgendwo ein Artikel erscheint mit dem Titel: „Woke-Wahnsinn: 28 Grad um Mitternacht, linke Meinungsmacher lassen uns nachts schwitzen.“ Die Fridays-for-Future-Aktivistin Carla Reemtsma, die oft im Netz angegriffen und beleidigt wird, sagt im Zündfunk-Interview: „Woke ist ein Begriff, der komplett entkernt wurde durch seinen häufigen Gebrauch. Deswegen ist es ein Begriff, den ich nie verwenden würde, weil klar ist: Er bedeutet für jeden etwas Anderes.“

Make Wokeness Great Again!

Es ist also Zeit, die Bedeutung des Begriffs „woke“ wieder geradezurücken. Ursprünglich hängt der Begriff Wokeness mit der Sensibilität gegen Rassismus zusammen. In den 1930ern tauchte er zum Beispiel im Bluessong „Scottsboro Boys“ auf, im Zusammenhang mit einem rassistisch motivierten Todesurteil gegen schwarze Jugendliche. Später wurde der Begriff von der Black-Lives-Matter-Bewegung wieder aufgegriffen. Woke-Sein hieß hier: sensibel und wachsam bleiben, um Diskriminierung und Rassismus in Zukunft zu verhindern. Heißt also: Wokeness ist Engagement gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit. Und zwar auf Basis von existierender Diskriminierung und sozialer Ungleichheit, zum Beispiel Polizeigewalt gegen Schwarze Menschen.

Und wenn eine Redaktion recherchiert, dass ein Unternehmer seine Kunden betrügt und seine Mitarbeiter*innen schlecht bezahlt, hat das überhaupt nichts mit Wokeness zu tun, sondern mit gutem Journalismus.

"Wokewashing" als Problem

Aber neben Wokeness ist auch „Wokewashing“ stark in Mode. Das Paradebeispiel dafür: der urbane, weiße Berlin-Mitte-Hipster, der performativ an seiner veganen Chai-Latte nippt und weniger über Klassismus, Rassismus und soziale Ungleichheit nachdenkt, als darüber, wie viele Likes er auf Instagram für seinen Regenbogen-Jutebeutel bekommt. Unternehmer wie Fynn Kliemann nutzen dieses Bedürfnis nach woker Selbstinzenierung aus und verdienen damit Geld. Oder Auto-Großkonzerne wie zum Beispiel Audi. Hier werden die Mitarbeitenden jetzt geschlechtergerecht angesprochen – aber viele weiterhin strukturell benachteiligt. Dass die größtenteils männlichen Aktionäre im Hintergrund reicher und reicher werden, ist natürlich kein Thema. Und schon gar nicht, dass viele Arbeitnehmer*innen von Autokonzernen am anderen Ende der Lieferkette im globalen Süden ausgebeutet werden. Zum Beispiel für die Rohstoffe Lithium und Kobalt, die man für die E-Auto-Batterien braucht. Dabei wäre das doch struktureller Rassismus in Reinform.

Wokeness kann auch diskriminierende Seiten haben

Wie die Bildzeitung über Wokeness berichtet

Dazu kommt, dass viele Menschen sich von vermeintlicher Wokeness ausgeschlossen fühlen. Besonders in identitätspolitischen Fragen. Helmut Bley, einem Experten für Kolonialgeschichte, wurde vergangenes Jahr beispielsweise ein Vortrag in Hannover abgesagt, weil eine Initiative kritisiert hatte, dass ein alter weißer Mann über Rassismus spricht. Dass es sich dabei um einen renommierten Historiker für afrikanische Geschichte handelte, war egal. Kein Wunder also, dass gerade konservative Stimmen solche Fälle als Beispiele heranziehen, um Wokeness zu diskreditieren.

Könnte also „Wokeness“ jetzt auch bedeuteten, diejenigen zurückzugewinnen, die das Gefühl haben, jemand wolle ihnen vorschreiben, wie sie zu denken haben oder sie belehren? Könnte es nicht auch woke sein, darüber nachzudenken, wie man wieder gemeinsam diskutieren kann, auch wenn man nicht von Anfang an derselben Meinung oder gleichermaßen betroffen ist? Ist es wirklich sinnvoll, dass nur Betroffene über ein Problem sprechen dürfen, wenn das Ziel eine gesamtgesellschaftliche Veränderung ist? Müsste „Reclaim Wokeness“ nicht auch heißen, sich aktiv gegen Moralismus und Belehrungen einzusetzen?

Wokeness für den demokratischen Diskurs

Und in Sachen „Wokewashing“ wäre es wahrscheinlich gut, weniger darüber nachzudenken, wie wir selbst Wokeness performen. Wie woke wir uns in den sozialen Netzwerken inszenieren, ob wir richtige Kleidung tragen oder die richtige Sprache verwenden. Wokeness sollte auch heißen, für einen fairen demokratischen Diskurs einzutreten. Denn gerade die Demonstration der eigenen moralischen Überlegenheit kann auch zu Diskriminierung und Ausgrenzung führen. Und das wäre das Gegenteil der eigentlichen Definition von Wokeness.