Bayern 2 - Zündfunk


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Rechtsextremismus-Experte Robert Andreasch "Die Szene ist radikal wie eh und je"

Seit über 20 Jahren dokumentiert Robert Andreasch die rechte Szene in Deutschland. Mit uns spricht er über die Versuche, seine Arbeit zu verunglimpfen und mit welchen Methoden die extreme Rechte gegen Journalisten vorgeht.

Von: Bärbel Wossagk

Stand: 02.07.2019

Ein Porträt von Robert Andreasch | Bild: picture-alliance/dpa

Robert Andreasch ist der wichtigste Rechercheur der Antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle, kurz A.I.D.A. Für ein paar Jahre bot ihm sein Pseudonym "Robert Andreasch" Schutz, bis Neonazis 2004 seinen bürgerlichen Namen öffentlich machten. Am 02.07.2019 wurde ihm für seine Arbeit der Publizistikpreis der Stadt München verliehen.

Zündfunk: Deine Arbeiten werden jetzt mit dem Publizistik-Preis der Landeshauptstadt München ausgezeichnet. Wie fühlt sich das an?

Robert Andreasch: Ich gebe zu, das hat mich sehr überrascht. Das ist natürlich eine großartige Auszeichnung. Vor allem, wenn man sich anschaut, dass der Preis nur selten verliehen wird und wer ihn bisher überreicht bekommen hat – da war ich wirklich sehr dankbar und überrascht, als ich das erfahren habe. Insbesondere auch, weil der Stellenwert der Recherche deutlich wird, nicht nur der der großen Reportagen und Geschichten. Der Recherche hat man jetzt auch mal einen Preis gewidmet.

Das ist mit Sicherheit auch ein Symbol und ein Signal. Denn man muss es immer im Zusammenhang sehen, mit allem, was Sie persönlich und was A.I.D.A in den letzten Jahrzehnten alles mitmachen mussten. Man ist von den Behörden ja nicht gerade freundlich aufgenommen worden.

Heute machen mehr Kolleginnen und Kollegen Arbeit zur extremen Rechten, in vielen Magazinen, Fernsehen und im Print auf dem Büchermarkt. Aber das war nicht immer so. Das war ein Nischenthema und für dieses Thema musste man sich oft rechtfertigen. Es ist auch ökonomisch alles andere als erfolgreich außerhalb von konjunkturellen Hypes. Und das ist eine der Methoden der Rechten insgesamt, diese Arbeit als unseriös, als illegitim, als illegal, als tendenziös darzustellen und zu verunglimpfen. Das ist der eine Flügel neben dem Flügel der körperlichen Bedrohung. Diese Arbeit abzuwerten. Das sei quasi ein eine unseriöse, per se anrüchige Tätigkeit, eine Übertreibung, eine links-motivierte Dramatisierung der Situation. Das hat meine Arbeit, wie die Arbeit von vielen Kolleginnen und Kollegen in diesem Bereich, über 20 Jahre begleitet.

Wie ist das mit den persönlichen Bedrohungen? Da haben Sie ja auch einiges erlebt.

Es gibt beispielsweise eine beliebte Methode in der extremen Rechten, zu erzählen, man dürfe Fotojournalistinnen und Fotojournalisten legal angreifen und deren Equipment zerstören. Es ist natürlich eine absurde Falschbehauptung, aber sie ist hunderttausendfach im Internet zu lesen, unter Angabe irgendwelcher absurden Paragrafen und Urteile, die mit der Sache nichts zu tun haben. Und es führt im Zusammenhang mit der allgemeinen gesellschaftlichen Aufheizung und der allgemeinen Hetze dazu, dass man auch tatsächlich mit körperlichen Angriffen rechnen muss.

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Interview mit Robert Andreasch am 10.07.18 | Bild: phoenix (via YouTube)

Interview mit Robert Andreasch am 10.07.18

Sie machen das seit mehr als 20 Jahren und sind viel mit einem Fotoapparat unterwegs. Sie kennen die ganzen Protagonisten von vorne bis hinten. Die kennen Sie natürlich auch. Ändert sich dadurch etwas?

Ja, ich kann verschiedene Bereiche dieser Arbeit nicht machen, die sich Kolleginnen und Kollegen von mir noch trauen können. Also investigativ auf extrem rechte Veranstaltungen in Deutschland zu gehen. Das ist mir nicht mehr möglich. Dazu wurden mein Gesicht und mein Name durch zu viele rechte Publikationen veröffentlicht. Ansonsten bleiben mir aber natürlich die Methoden des Journalismus allgemein, der Offline- wie Online-Recherchemöglichkeiten. Und die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen: im Austausch mit Menschen Geschichten zu machen, die sich auch in meinem Arbeitsfeld auskennen.

Es gibt noch so eine Variante absurder rechtlicher Behauptungen von Rechten. Das ist mir erst jüngst in Baden-Württemberg auf einer AfD-Kundgebung passiert. Der Redner entdeckt mich am Rande der Kundgebung. Er sagt, er schließe mich von der Kundgebung aus und forderte die Polizei auf, das zu tun. Die Polizei macht das nicht. Aber die Ordner der AfD-Kundgebung werfen mich mit Gewalt von der Kundgebung Das ist vollkommen unmöglich im öffentlichen Raum. Die Polizei hat nichts getan. Erst nach dem Ende der Kundgebung hat der Einsatzleiter mir bestätigt, dass das rechtlich natürlich nicht korrekt war. Aber ich bin halt erst mal von der Kundgebung geflogen. Das ist so ein Lernen der extremen Rechten, wie sie Journalistinnen und Journalisten relativ ungestört das Leben schwer machen kann. Und wenn es da kein Umdenken bei den Behörden gibt, dann wird sich das auch noch einmal steigern.

Was hat sich denn geändert in diesen 20 Jahren? Einerseits gibt es jetzt eine gewisse Anerkennung für Ihre Arbeit. A.I.D.A steht nicht mehr im Verfassungsschutzbericht, hat da rechtlich auch gewonnen. Sie werden als Referent geladen, Sie bekommen Preise verliehen. Das ist die eine Seite. Aber auf der anderen Seite, sagen Sie, wird die Hetze extremer.

Ich mache die Arbeit, um auf die Gefährlichkeit dieser Szene hinzuweisen. Daran hat sich nichts geändert. Die Szene ist radikal wie eh und je. Und heute ist die Situation noch mal eine ganz verschärfte im Vergleich zu der vor 20 Jahren. Viel mehr Menschen vertreten extrem rechtes Gedankengut und sind bereit, daraus Taten werden zu lassen. Millionen Menschen wählen eine extrem rechte Partei in die Landes- und Bundesparlamente und Zehntausende sind bereit, sich an extrem rechten Straßenprotesten zu beteiligen. Das sind natürlich Verhältnisse, die es noch nicht so gab, als ich in den Neunzigerjahren mit der Arbeit begonnen habe.


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