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Interview mit Robert Claus Warum MMA-Kampfsport bei Rechtsradikalen und Neonazis immer beliebter wird

MMA heißt Mixed Martial Arts, ist in den letzten 10 Jahren immens beliebt geworden – nicht nur bei Sportlern, sondern vor allem bei Rechtsradikalen und Neonazis. Jetzt hat Autor Robert Claus zusammen mit Kollegen eine Studie zu dem Thema veröffentlicht. Ergebnis: Kampfsport ist auf keinem guten Weg. Eher im Gegenteil.

Von: Sammy Khamis

Stand: 25.09.2019

Mma Kämpfer in Abu Dhabi  | Bild: picture-alliance/dpa

Zündfunk: Du schreibst in einer Studie dass eine Professionalisierung der rechten Szene sich auch am Beispiel des Kampfsport zeigt - wo sieht man das?

Robert Claus: Man kann unter Professionalisierung zwei Dinge verstehen: Das eine ist die Verberuflichung, und wir sehen tatsächlich Neonazis, die mittlerweile davon leben entweder Gyms zu betreiben oder eigene Kleidungslabel zu betreiben. Das zweite ist: Professionalisierung als qualitativer Prozess und da sehen wir, dass diverse extrem rechte Hooligans auf den Besten-Ranglisten beim Kickboxen und den Mixed Martial Arts mittlerweile in Deutschland rangieren. Das spricht ja auch für ein gehobenes Niveau ihres Kampfsport-Trainings. Insofern hat sich die Gewalt qualitativ professionalisiert. Aber in jeder Krise liegt eine Chance, Sportpolitik und Kampfsportverbände können sich des Themas jederzeit aktiv annehmen.

Wo haben wir im letzten Jahr, oder in den letzten zwei Jahren gesehen, dass Kampfsportler MMA-Kämpfer oder Techniken aus der MMA angewandt wurden?

Robert Claus: An verschiedenen Orten. Man kann sich zum Beispiel die Geschichte des Imperium Teams aus Leipzig angucken, dessen Kämpfer zum Teil aus der rechten Hooligan-Szene bei Lokomotive Leipzig kommen. Von dem mehrere Kämpfer offensichtlich beteiligt waren am Angriff auf Leipzig Connewitz im Januar 2016. Mindestens eine Person, die dort im Imperium Fight Team trainiert, wurde auch diesen Sommer in Mallorca festgenommen, weil sie einen schwarzen Türsteher fast zum Krüppel geschlagen haben.

Die Liste rechter Gewalttaten, die von Mitgliedern oder zumindest Menschen, die bei Imperium Fight Team trainieren begangen wurden, ist extrem lang. Man kann genauso gut nach Cottbus oder Chemnitz gucken. Im Raum Cottbus war ja das "Kickbox-Team Cottbus" für die rechte Hooligan-Szene immer sehr wichtig. Auch dort gab es große Schnittmengen.

Im Sommer hat WDR Sportinside aufgedeckt , dass in Thüringen die rechtsextreme Partei "Der Dritte Weg" Kampfsport anbietet. Ist das eine neue Qualität, dass man sagt aus dieser Subkultur raus - Fußball, Kampfsport - hin in die Politik, ist das eine neue Stufe?

Autor, Moderator und Wissenschaftler Robert Claus.

Robert Claus: Wie gesagt Gewalt ist ein grundlegendes Element extrem rechte Ideologie. Das heißt auch das Interesse an Kampfsport in der rechten Szene ist erst mal gar nicht neu. Neu ist, wie ausdifferenziert sich die Szene hat und wie stark sie in den Bereich investiert hat. Das heißt man muss das gesamte Bild sehen. Da passt "Der Dritte Weg" rein, der mittlerweile Training für Jugendliche anbietet, um sie zu rekrutieren und zu trainieren. Darin passt auch, dass es mittlerweile mehrere extrem rechte Firmen und Kleidungsmarken gibt in dem Netzwerk, die verschiedene Segmente abdecken.

Das ist sowohl was für Protein-Pumper dabei, als auch für die veganen Straight Edge Ideologen nämlich mit der Marke "Whadon 21". Man sieht also eine neoliberale Ausdifferenzierung und verschiedene Marktsegmente im Grunde in der extremen Rechten. Das ist deshalb interessant, weil Neonazis natürlich immer darauf spielen mit modernem Kapitalismus nichts zu tun zu haben und sich als natürliche Gegenposition darzustellen. Letztendlich profitieren Sie von dieser ganzen Kapitalisierung des Kampfsportmarktes genau so und betreiben dort im Grunde eine Mimikry die aber gar nicht aufrechtzuerhalten ist.

Zum Thema MMA-Mixed Martial Arts. Was in einer Studie auch herauskommt ist, dass die Personen aus den Verbänden tatsächlich wenig sensibilisiert sind, um es nett auszudrücken oder einfach keine Ahnung haben, was alles an den Rändern dieser Sportart oder auch im Zentrum dieser Sportart zu Hause ist: nämlich Rechtsextremismus. Gibt es Beispiele aus anderen Sportarten wo es vergleichbare Entwicklungen gab, denen man positiv entgegengewirkt hat?

Robert Claus: Man kann eine Parallele ziehen zur Geschichte des Fußballs und zwar nicht nur über die letzten zwei sondern eher über die letzten 30 bis 40 Jahre. Immer wenn wir uns eine Sportart angucken und rechte Einflüsse und extrem rechte Bestrebungen gibt, dann müssen wir auch ein Stück weit über den Tellerrand schauen. Es geht nicht immer nur um den einzelnen Verein oder den eigenen Trainingsbetrieb, sondern es geht ja um die Sport Landschaft als Ganzes. Da wo der Vergleich nicht funktioniert zwischen Fußball und Kampfsport ist, dass der Fußball im DFB organisiert es zu sehr großen Teilen jenseits der Parkligen. Im Kampfsport haben wir eine ganze Bandbreite an verschiedenen Veranstaltern Championships und Verbänden.

Und wenn ein Verband sagt, dass bei seinen 30 bis 40 Mitgliedern nichts passiert ist, dann heißt das aber nicht, dass das gilt für alle insgesamt über tausend Gyms, die MMA anbieten. Man kann in der Geschichte des Fußballs aber sehen, wie weit es trägt, wenn ein Netzwerk aus Fanprojekten, Fans, Verbänden, Spielern, Sponsoren und Medien sich dem Thema Rechtsextremismus aktiv widmet.

Wenn es das Ganze ernst nimmt und Präventionsmaßnahmen gestaltet. Nun sind wir an dem Punkt im Kampfsport noch lange nicht und da kann man auch mal kurz erwähnen, dass an vielen Orten die lokalen Stadt-Sparkasse Sponsoren sind, die sich gerne mal angucken könnten, wen sie dort sponsoren. Ich war des öfteren überrascht zum Beispiel Siegerehrungen zu sehen auf denen Kämpfer des Leipziger "Imperium Fight Teams" stehen, das aus der rechten Hooligan-Szene bei Lok Leipzig kommt und im Hintergrund weht die Fahne der Stadt-Sparkasse.

Was ist der Worst Case, in die sich diese Sportart mit ihren rechten Kämpfern entwickeln kann?

Robert Claus: Eventuell haben wir den Worst Case sogar schon. Wir haben überhaupt keine Regularien und Zertifizierungen für Trainer, für Schulen, die irgendwie rechtlich bindend wären. Das heißt: jeder Vorbestrafte rechte Gewalttäter darf in Deutschland einen Kampfsport-Gym aufmachen und das tun sie ja zum Teil auch. Das heißt rechte Gewalt professionalisiert sich und es ist nicht so weit aus dem Fenster gelehnt zu behaupten, dass wir auch in den nächsten Jahren rechte Gewalttaten sehen werden an denen Rechte Kampfsportler beteiligt sind


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