Bayern 2 - Zündfunk


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"Mare Liberum"-Aktivistin Marie aus München „Es gibt organisierte rechte Strukturen auf Lesbos“

Die Lage auf der griechischen Insel Lesbos spitzt sich immer weiter zu. Rechtsextreme aus ganz Europa reisen mittlerweile nach Lesbos – Opfer einer rechten Attacke wurde auch die deutsche NGO "Mare Liberum". Wir haben mit einer Aktivistin gesprochen.

Von: Sammy Khamis

Stand: 06.03.2020

NGO Mare Liberum | Bild: Selene Ena Magnolia

Das Schiff „Mare Liberum“ ist eigentlich ein Überwachungsschiff. Es soll beobachten wie viele Menschen sich auf den Weg nach Europa machen und wie sich die Küstenwache vor Ort verhält. Geplant war, dass die "Mare Liberum" ab Mai wieder in See sticht. Eine Gruppe deutscher Aktivistinnen und Aktivisten kümmert sich seit Ende Januar im Hafen von Lesbos darum, das Schiff wieder winterfest zu machen.

Seit Beginn der Woche spitzt sich die Lage vor Ort immer weiter zu. Im Zündfunk haben wir bereits über rechte Bürgerwehren berichtet, die auf der Insel patrouillieren, Straßensperren errichten und Journalisten angreifen. Auch das Bayern 2 Tagesticket berichtete. Am Montag wurde dann auch das Schiff „Mare Liberum“ von zwölf maskierten Männern angegriffen, nach Angaben der Aktivist*innen auf dem Schiff wurde Benzin auf das Deck gegossen. Ein Angriff auf die NGO. Wir haben mit der Münchener Aktivistin Marie telefoniert. Sie ist Teil der Crew der „Mare Liberum“.

Zündfunk: Wo liegt die „Mare Liberum“ derzeit?

Marie: Wir liegen derzeit in einer Bucht vor Lesbos, nicht in einem Hafen.

Ihr habt den Hafen ungeplant verlassen, weil Euch Rechte vertrieben haben. Was habt ihr denn auf See bisher gesehen?

Wir können gerade kein Monitoring durchführen. Das ist sehr, sehr schade, weil die Situation ist extrem angespannt. Seitdem Erdogan die Grenze aufgemacht hat, wäre das absolut notwendig. Einer der Gründe, weshalb wir nicht rausfahren können ist, dass die Regierung noch bis zum 12. März ein Sperrgebiet erklärt hat. Bis dahin dürfen keine als Freizeit-Boote registrierten Schiffe ausfahren.

Das heißt, das Leben einer NGO wird nicht nur durch die rechten Mobs schwierig gemacht, sondern auch durch die Politik vor Ort.

Absolut.

Was habt ihr denn in dieser Woche erlebt?

Heute war noch nicht so ereignisreich. Die letzten Wochen waren extrem intensiv. Es fing damit an, dass sich die politische Lage auf der Insel immer mehr zugespitzt hat. Beispielsweise gab es Proteste gegen den Bau von geschlossenen Camps.

Die Lage ist soweit eskaliert, dass Bürgerwehren immer wieder Straßen blockieren und ganze Teile von Gebieten unter ihre Kontrolle gebracht haben. Dadurch, dass sie durch Straßenblockaden Straßen abgeriegelt haben.

Geflüchtete am Hafen von Mytilene.

Für uns persönlich wurde es dann recht aufregend, als ein rechter Mob im Hafen angekommen ist, an dem wir vor Anker lagen, um das Boot aufzuhübschen. Wir wurden dann bedroht und Benzin wurde auf unserem Deck ausgekippt. Sie haben uns also gezwungen in einer Hauruck-Aktion abzulegen. Deswegen haben wir dann in einer Bucht geankert.

In den letzten Jahren kannte man Lesbos als Insel auf der zwar viele Menschen ankamen, aber auch als Insel, deren Bewohner als hilfsbereit galten. Was hat sich verändert?

Die Situation auf der Insel ist schon in den letzten Wochen gekippt. Es gibt organisierte rechte Strukturen, aber die gab es auch schon in den Jahren davor. Und was jetzt passiert, ist, dass diese rechten Gruppierungen es geschafft haben, die Narrative zu übernehmen und viele Bürger auf der Insel für sich zu vereinnahmen. Wobei ich an dieser Stelle auch nochmal ganz klar darauf hinweisen muss. Es gibt nach wie vor großartige Menschen auf der Insel, Netzwerke, die aktiv sind, Aktivist*Innen, die sich gegenseitig unterstützen.

Es gab die Meldung, dass auch verstärkt Rechte, Rechtsextreme, Rechtsradikale aus ganz Europa nach Lesbos fahren. Hast du davon etwas mitbekommen?

Ja, die Neuigkeiten sind auch schon zu uns vorgedrungen. Es soll sich um eine Handvoll von Leuten handeln, die sich zum Teil schon in Polizeigewahrsam oder im Krankenhaus befinden.

Und ihr seid seit Montag in einer Bucht, habt versucht in verschiedenen Häfen anzulanden. Wie geht es Euch an Bord?

Wir sind gerade in einer schwierigen Situation. Aber wir haben genug zu Essen, genug Vorräte und ich muss auch nochmal darauf hinweisen: Wir sind auf einem soliden 120 Tonnen schwerem Schiff auf dem Mittelmeer. Das ist nichts im Vergleich zu Menschen, die in kleinen Booten auf dem Mittelmeer auf der Flucht sind.

Wie geht es bei Euch weiter?

Wie gesagt, eigentlich möchten wir gerade in dieser angespannten Situation das Monitoring wieder aufnehmen und im Mittelmeer unterwegs sein, um ein Auge auf die Bewegungen und Vorkommnisse vor Ort zu haben.


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