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Neue Serie "Ratched" ist ein starker Gegenentwurf zu "Einer flog übers Kuckucksnest"

Horror, Pomp und starke Frauen: „Ratched“ erzählt die Vorgeschichte der gefürchteten Oberschwester Mildred Ratched aus dem Klassiker „Einer flog übers Kuckucksnest“. Und zeigt das wahre Gesicht der vermeintlichen Bösewichtin.

Von: Paula Lochte

Stand: 23.09.2020

Schwester Ratchet (Sarah Paulson) in der Netflix Serie "Ratched" | Bild: Saeed Adyani/Netflix

Vor vergitterten Fenstern sitzt eine Handvoll Männer in einem Stuhlkreis. Sie blicken zur Oberschwester, die auf dem einzigen Polstersessel thront: Mildred Ratched. Auf ihrer akkuraten Hochsteckfrisur trägt sie ein gestärktes Häubchen, ihre Mimik ist unbewegt, ihr Blick durchdringend. Der Filmklassiker „Einer flog übers Kuckucksnest“ von Miloš Forman aus dem Jahr 1975 war gedacht als Psychiatriekritik und Parabel auf totalitäre Systeme. Und so ist Oberschwester Ratched in die Geschichte eingegangen: Als Bösewichtin, die ihre Patienten überwacht und erniedrigt.

Ein Riesenirrtum. Denn wer den Film heute nochmal guckt, der kann ihr nur dazu gratulieren, wie sie der Hauptfigur – dem Obermacho McMurphy – trotzt. Der hat sich nämlich in die Nervenheilanstalt einweisen lassen, damit er nicht ins Gefängnis muss und sagt im Original Sachen wie: „Ich hätte mir praktisch die Hose zunähen müssen, um mich zurückzuhalten. Aber wissen Sie, unter uns gesagt, Doktor, sie war vielleicht 15, aber wenn sie diese kleine rosa Muschi direkt vor sich haben, da muss man doch nicht gleich verrückt sein, wenn man da nicht widerstehen kann.“

Eine starke Frauenfigur

Ambivalent und tough: Mildred Ratched

Oberschwester Ratched lässt sich diesen frauenverachtenden Mist und die pubertären Revolten von McMurphy nicht gefallen. Die eigentliche Heldin, oder Antiheldin, ist sie. Nun hat sie ihre eigene, nach ihr benannte Serie, in der wir endlich mehr erfahren über diese ambivalente und toughe Frauenfigur.

Wir spulen nun also mit der neuen Serie zurück ins Jahr 1947, in die US-amerikanische Nachkriegszeit, in der Mildred Ratched (gespielt von Sarah Paulson) zum ersten Mal ihren Fuß in eine Psychiatrie setzt: „Hallo, ich möchte mit Dr. Hanover sprechen. Ich bin die neue Nachtschwester. Dr. Hanover hat mich zwar noch nicht direkt eingestellt, aber ich habe um elf Uhr ein Vorstellungsgespräch bei ihm, wie dieser Brief eindeutig beweist.“ In Wahrheit hat Ratched weder einen Termin noch eine Ausbildung zur Krankenschwester. Aber sie lügt und manipuliert so überzeugend, dass sie kurz darauf im Lucia State Hospital anfängt. Bald wird es viele Tote geben. Ob das allerdings an der neuen Krankenschwester oder am egozentrischen Quacksalber, der die Klinik leitet, liegt, sei hier offen gelassen. Der Klinikleiter ist jedenfalls von sich selbst und seinen Methoden überzeugt. Per Lobotomie will er Jugendliche von Unruhe, Manie und Lesbianismus heilen. Tatsächlich führten Ärzte in den USA bis in die 1970er Jahre hinein Lobotomien durch, rammten also Eispickel in die Schädel schwach betäubter Patient*innen und behaupteten, so ließen sich diese „heilen“.

Zwischen Film Noir und Splatter

Ansonsten ist die Serie „Ratched“ aber nicht gerade ein realistisches Historiendrama. Denn: Serienschöpfer Ryan Murphy erzählt nicht nur aus einer anderen Perspektive als „Einer flog übers Kuckucksnest“, sondern er wechselt auch das Genre: Keine Tragikomödie, sondern eine Mischung aus Film Noir, Hitchcock-Horror und Splatterfilm, inklusive zermatschter Gesichter und abgesägter Gliedmaßen.

Ein queerer Gegenentwurf zum Original

Ein elf Millionen teures Bildschirmfeuerwerk, oft in Gestalt einer schauerhaften Groteske. Es dauert ein paar Folgen bis die Serie zeigt, wie vielschichtig die Figuren, viele davon Frauen, angelegt sind. Aber wer durchhält, ist vermutlich geneigt, der Serie ihre Längen, Erwartbarkeiten und Psychiatrie-Klischees zu verzeihen. Denn sie wird nicht nur endlich Mildred Ratched als starker Frau gerecht. Sie ist auch ein queerer Gegenentwurf zum schlecht gealterten Filmklassiker: Der hatte nämlich eine der homosexuellen Nebenfiguren aus der Romanvorlage kurzerhand in einen Typen verwandelt, der sich über Schwule lustig macht. So ging auch einer der ersten Monologe verloren, in dem nicht Homosexualität, sondern Homosexuellenfeindlichkeit als Problem gebrandmarkt wird.

Bitte eine 2. Staffel!

Mildred und Gwendolyn haben ein Date

In „Ratched“ stehen mit Produzent Ryan Murphy, Hauptdarstellerin Sarah Paulson und Sex-And-The-City-Star Cynthia Nixon queere Menschen vor und hinter der Kamera. Und sie erzählen gleich mehrere homosexuelle Liebesgeschichten und Affären. Mit großem Ernst – und auch viel Humor. So etwa beim ersten Date von Krankenschwester Ratched mit einer von Cynthia Nixon gespielten Politikberaterin. In einem Restaurant bestellen die beiden Austern. Mildred Ratched hat „so etwas“ noch nie gemacht:

Mildred: „Ich weiß nicht genau, wie man die isst.“
Gwendolyn: „Einfach in Ihren Mund gleiten lassen. Es ist wie eine Liebesnacht mit dem Meer. Lassen Sie mich Ihnen helfen. Einfach nur die Lippen öffnen.“
Mildred: „Oh, ist köstlich!“

Bei solchen Szenen kann es gern eine zweite Staffel geben.

Läuft bei: Netflix


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