Bayern 2 - Zündfunk


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Guns n' Roses, Elvis Costello und Co. In diesen Songs finden wir rassistische und diskriminierende Lyrics

1972 sangen John Lennon und Yoko Ono „A Woman is the N*gger of the World“. Und auch im restlichen Meer des Pops finden sich viele Songs, in denen diskriminierende Sprache verwendet wird. Zum Beispiel bei den Rolling Stones oder Elvis Costello. Heute ist die Sprache nicht mehr angebracht. Aber war sie das früher? Eine Spurensuche.

Von: Roderich Fabian

Stand: 17.06.2020

Yoko Ono & John Lennon | Bild: Picture-Alliance / Photoshot

+++ Trigger Warnung +++

Wir wollen in diesem Artikel aufzeigen, wo Rassismus in der Popgeschichte vorkommt und wie er genau aussieht. In diesem Artikel wird daher oft das N-Wort zitiert. Wir sind uns bewusst, dass das Wort Schwarze Menschen diskriminiert und weiße Menschen das N-Wort nicht in den Mund nehmen sollten. Im Sinne dieses Artikels haben wir uns allerdings dazu entschieden, das N-Wort als Zitat unzensiert stehen zu lassen. Da wir alles einordnen, werden wir außerdem auch die Musikstücke, aus denen die Zitate stammen, mitverlinken.

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One In A Million | Bild: Guns N' Roses - Topic (via YouTube)

One In A Million

1988 regte sich Axl Rose von Guns and Roses in dem Song „One in a Million“ über Polizisten, Schwarze, Einwanderer und Schwule auf und bezeichnete sie mit den jeweiligen Schimpfwörtern. In einem Interview mit dem Rolling Stone nahm Axl Rose nichts davon zurück und reklamierte für sich das gleiche Recht wie die Hip-Hop-Band „N.W.A.“. So eine rassistische und obendrein hirnverbrannte Position konnte man Ende der 80er Jahre noch straflos einnehmen, wenn man ein weißer Popstar war. Anfang der 70er ließ sich dann auch Mick Jagger folgendermaßen über die Zeit der Sklaverei aus:

"Ein Schiff hat Sklaven von der Goldküste gebracht und sie auf einem Markt in New Orleans verkauft. Dem Händler geht’s gut, hört, wenn er um Mitternacht die Frauen auspeitscht."

The Rolling Stones im Song 'Brown Sugar' (1971)

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Brown Sugar (2009 Mix) | Bild: The Rolling Stones - Topic (via YouTube)

Brown Sugar (2009 Mix)

Und dann feiert Jagger den Sex mit einer schwarzen Frau in „Brown Sugar“. 1971 ging so etwas noch als klassische Provokation der Stones durch. Kaum jemand regte sich auf. Inzwischen hat auch Mick Jagger erkannt, dass er sich nicht mehr als Profiteur der Sklaverei darstellen kann und hat die Anfangszeilen des Songs für Live-Auftritte abgeändert. Geschmacklos bleibt der Song aber auch so. Aber was ist mit John Lennon? Er sang ein Jahr später:

"Woman is the Nigger of the World."

Plastic Ono Band (1972)

Früher ging sowas als klassische Provokation noch durch

Der Song, den Lennon mit seiner Frau Yoko Ono geschrieben hat, gilt als eine frühe Hymne des Feminismus, weil hier Frauen als die eigentlich Unterdrückten dargestellt werden. Aber dafür benutzten John und Yoko eben das N-Wort als Vergleichsgröße für unterlegene, für zweitrangige Menschen, erheben das N-Wort also zu einer ernst zu nehmenden Klassifizierung, ganz im Sinne der Rassisten, die es geprägt haben. Trotzdem hat man den Song auch auf Slutwalks im neuen Jahrtausend wieder gehört.

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Woman Is The Nigger Of The World (Remastered 2010) | Bild: John Lennon - Topic (via YouTube)

Woman Is The Nigger Of The World (Remastered 2010)

Darf man Wörter dieser Art überhaupt in Popsongs verwenden? Antwort: Ja

Weiter geht's. In Elvis Costellos so gut gelaunt klingendem Hit „Oliver’s Army“ von 1979 geht’s um den nordirischen Bürgerkrieg. Und in einer Zeile schlüpft Costello - natürlich satirisch-sarkastisch - in die Rolle eines britischen Soldaten, der gerade einen „white nigga“ erschossen hat. So bezeichneten die Briten die irischen Freiheitskämpfer. Obwohl Elvis in dem Song ganz klar auf deren Seite ist, macht er sich den Begriff zu eigen und diskriminiert sowohl Schwarze als auch Iren.

Darf man Wörter dieser Art also überhaupt in Popsongs verwenden? Die Antwort ist ja. Der geniale Songwriter Randy Newman hat mal ein ganzes Album über die amerikanischen Südstaaten gemacht: „Good Old Boys“ heißt es und rechnet mit den bornierten, konservativen und rassistischen Rednecks ab, die Erben der Sklavenhalter. Das Album ist eine bitterböse Satire und als solche jederzeit erkennbar. Sein literarisches Ich vertritt erkennbar nicht die Meinung des Autors. Aufgeregt hat man sich über Randy Newman erst dann, als er in „Short People“ die Bloßstellung von Minderheiten auf die Spitze trieb.

Im Mainstream-Pop der Nachkriegszeit waren die meisten Textdichter aus historischen Gründen vorsichtig

"Zwei kleine Italiener möchten gerne zuhause sein."

Conny Froboess im Song 'Zwei kleine Italiener' (1962)

Und in Deutschland? Im Mainstream-Pop der Nachkriegszeit - also im Schlager - waren die meisten Textdichter aus historischen Gründen meist sehr vorsichtig. Erst als in den frühen 60er Jahren die ersten sog. „Gastarbeiter“ ins Land kamen, wurde das scheinbar liebevoll kommentiert, z.B. bei folgendem Song:

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Zwei kleine Italiener (Remastered 2004) | Bild: Conny Froboess - Topic (via YouTube)

Zwei kleine Italiener (Remastered 2004)

Die Moritat von den süßen kleinen Italienern war 1962 ein Riesenhit für Cornelia Froboess. Und natürlich ist der Song in seiner Essenz diskriminierend, weil er die Italiener wie knuddelige ET’s vorführt, die lieber zuhause wären. Aber damals kam so etwas niemandem in den Sinn. Erst als bei uns Bands wie die Böhsen Onkels auf Platz eins gelandet, die einst „Türken raus“ gegröhlt haben, nahm die Diskussion Fahrt auf. Trotzdem wurde den Meisten erst viel zu spät klar, dass Kollegah und Farid Bang keinen Musikpreis verdienen, wenn sie antisemitische Anspielungen in ihren Songs machen.

Sollen wir also nun generell auf Guns n’ Roses verzichten, Brown Sugar verbieten und Michael Jackson vergessen? Das erinnerte dann schon an Zensur oder Geschichtsklitterung. Aber ein wacheres Bewusstsein für die Diskurse der Vergangenheit kann nicht schaden. Und die meisten Popsongs - damals wie heute - sind ohnehin unbedenklich zu konsumieren. Aber es bleibt dabei: Ohren auf, wenn’s um Texte geht, die in den Charts landen.


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