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Rassismus unter People of Colour Hat die nicht-weiße Community ein eigenes Rassismusproblem?

Ist Rassismus nur ein Problem von Weißen? Nein. Schwarze Aktivist*innen sagen, von Menschen aus arabischen, türkischen oder asiatischen Communities erfahren sie ähnlich viel Rassismus. Nur wird darüber gerne geschwiegen – denn es könnte die Solidarität zwischen diskriminierten Gruppen gefährden.

Von: Nabila Abdel Aziz

Stand: 12.06.2020

Black Lives Matter Demo | Bild: picture-alliance

Die afro-palästinensische Schauspielerin Maryam Abu Khaled hat die Schnauze voll. Am 9. Juni veröffentlicht sie ein Video auf ihrem Instagram-Kanal, in dem sie Rassismus anprangert. Und zwar nicht von weißen Menschen – sondern von ihrer eigenen arabischen Community.

"Ich glaube, jetzt ist die Zeit gekommen, dass ich auf diese ganzen Menschen reagieren muss, die sagen, Maryam, du vergleichst wirklich den Rassismus aus den USA mit dem Rassismus hier? Es ist nicht so schlimm. Wenigstens töten wir nicht."

– Maryam Abu Khaled

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scenearabia 07.06.2020 | 18:18 Uhr “But we're not like the US! The words we say are completely spontaneous, we don’t mean anything by it! It’s all well-intentioned!” • Listen to what #Palestinian actress @maryamabukhaled1 has to say about 'harmless' Arab racism. • • #ArabsForBlackLives #BlackLivesMatter

“But we're not like the US! The words we say are completely spontaneous, we don’t mean anything by it! It’s all well-intentioned!”
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Listen to what #Palestinian actress @maryamabukhaled1 has to say about 'harmless' Arab racism.
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#ArabsForBlackLives #BlackLivesMatter | Bild: scenearabia (via Instagram)

Rassismus – viele denken dabei nur an ein Problem von weißen Menschen. Dabei ist die Abwertung und strukturelle Ausgrenzung von Schwarzen ein Problem, das auf der ganzen Welt existiert, in asiatischen und arabischen Ländern genauso wie in Europa. Mit prominenten Beispielen: Die Ladeninhaber, die die Polizei wegen George Floyd gerufen haben, waren arabischer Abstammung. Einer der Polizisten, die dabei zusahen, wie George Floyd getötet wurde, ein Asian-American.

Arabs for Black Power?

Auch im deutschen Alltag ist es ein Thema, erzählt Nelly Pinkrah. Sie ist politische Aktivistin und Kulturwissenschaftlerin. "In Berlin war ich in einem Späti, und die Person hinter der Theke wollte meine Hand nicht berühren, beim Bezahlen. Ich dachte mir zunächst nichts dabei, aber bei der nächsten Person, die weiß war, wurde die Hand berührt."

Für viele Menschen, die sich selbst vor allem als Opfer von Rassismus sehen, ist es ungewohnt, sich mit dem eigenen Rassismus zu beschäftigen. Und zu akzeptieren, dass manche noch intensiver von Rassismus betroffen sind, als man selbst, sagt Nour Khelifi. Sie ist Journalistin. Ihre Eltern kommen aus Tunesien. "Ich kann mir schon sehr gut vorstellen, dass es für einige unangenehm ist, weil du dich selbst als Opfer von Rassismus oder Diskriminierung gesehen hast. Und plötzlich kommt eine schwarze Person daher und weist dich darauf hin, dass du, obwohl du ein Kopftuch trägst, immer noch als weiß durchgehst und dementsprechend nicht die selben Hürden und Schikanen erleben wirst, wie eine schwarze Person", sagt sie.

Der Umgang mit Rassismus in der muslimisches Community

Das macht sich bemerkbar: In einigen arabischen Ländern ist das Wort "Abeed", auf deutsch "Sklave" für schwarze Menschen immer noch verbreitet. Muslimische Communities berufen sich oft auf Ikonen wie Malcolm X oder Muhammad Ali – aber der Rassismus in der eigenen Gruppe wurde lange totgeschwiegen. Doch das ändert sich gerade. Die Ermordung George Floyds hat auf der ganzen Welt zu einer Debatte über Anti-Schwarzen Rassismus geführt. Auch in Deutschland ist gerade viel in Bewegung: Es gibt Fundraiser, Artikel, Songs, Demos und Shirts mit dem Slogan "Arabs for Black Power".

Noa Ha ist Aktivistin und leitet das Zentrum für Integrationsstudien an der TU Dresden. Sie sagt, es ist gerade jetzt wichtig, sich mit der Black Lives Matter Bewegung zu solidarisieren. Und manchmal auch einen Schritt zurück zu treten und einer anderen Gruppe die Bühne zu überlassen: "Es ist ein großer Wunsch, sich zusammenzutun, um gemeinsam gegen Rassismus kämpfen. Gleichzeitig muss man feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. Weil verschiedene Opfergruppen auch von rassistischer Gewalt betroffen sind, und das dann auch wieder sehr unterschiedlich."

Diskriminierung und Selbstkritik

Es ist noch ein Weg hin zu einer wirklich breiten anti-rassistischen Debatte in den türkisch, arabisch oder asiatisch-stämmigen Communities in Deutschland. Hin zur Erkenntnis, dass es möglich ist, über die eigenen Diskriminierungserfahrungen zu sprechen und trotzdem gleichzeitig selbstkritisch auf den Rassismus gegenüber Schwarzen in der eigenen Community zu blicken. Doch dass sich etwas verändert, ist mittlerweile auch auf deutschen Straßen sichtbar. Zu den Black Lives Matter-Demonstrationen haben tausende PoCs ein Zeichen gesetzt und waren bei den Protesten mit auf der Straße.


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