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Messages of Refugees Rania Mlehi über Flucht und Heimat: "Habe irgendwann entschieden, dass meine Träume Realität sind"

Die Geflüchtete Rania Mlehi schreibt in "Hier und Jetzt" darüber, wie sehr sie ihre Heimat vermisst. Die Fixierung auf die Gegenwart ist zur Lebensstrategie geworden.

Von: Rania Mlehi

Stand: 04.04.2019

Rania Mleihi zu Gast im alpha-Forum | Bild: BR

Hier und Jetzt

Jahrelang habe ich versucht, nur im »Hier und Jetzt« zu leben. Nicht immer tausend Gedanken parallel zu denken und an tausend Orten gleichzeitig zu sein. Ich war müde und erschöpft und konnte mich auf nichts konzentrieren. Es war zu viel: Krieg, Familie, Zukunft, Heimat, Revolution, Flucht, Politik, Arbeit, tote Menschen, verhaftete Freunde. Ich habe versucht mich zu therapieren, indem ich Gedanken und Gefühle voneinander trenne. Eigentlich wollte ich an gar nichts mehr denken. Zumindest an nichts, das hinter oder vor mir liegt. Ich wollte und will nur im Hier und Jetzt existieren. Manchmal funktioniert es, manchmal nicht.

Seit ein paar Monaten denke ich ständig an meine Eltern. Ich will sie besuchen. Der Traum hat mein Bedürfnis, sie wiederzusehen, wachsen lassen. Aber auch die Angst. Es ist nicht einfach, es gibt so viele Probleme: vor allem das Geld und die Frage, wo wir uns treffen sollen. In Damaskus oder in Beirut? Das sind die beiden Möglichkeiten.

Ich denke über Geschenke nach. Ich will jetzt schon anfangen, damit ich am Tag X alles habe. Mein Koffer liegt offen im Wohnzimmer. Alles was ich kaufe, landet sofort darin. Was soll ich ihnen schenken? Normalerweise wäre diese Frage nicht schwer zu beantworten. Mama mag gerne Parfüm und Schokolade. Papa ist normalerweise ganz unkompliziert: ein Hemd und Tabak. Meine kleine Schwester, die gar nicht mehr klein ist, die ich aber trotzdem weiter so nenne: Klamotten und Make-up. Aber jetzt ist alles anders. Ich versuche, Dinge zu kaufen, die sie wirklich gebrauchen können. Etwas, das ihnen nützt. Deswegen frage ich meine Mama: Was soll ich dir mitbringen? Sie sagt: Nichts! Ich möchte dich nur sehen. Ich sage: Sag einfach, was ihr braucht. Das ist doch besser, als wenn ich etwas Überflüssiges mitbringe. Als sie kapiert, dass ich wirklich eine Antwort von ihr verlange, sagt sie schnell: Dann Shampoo und Kerzen!

Ich habe meine Eltern noch nie so glücklich gesehen. Sogar mein Vater wirkt glücklich. Er, der immer so ernst ist. Es ist eine Stimmung zwischen Entspannung und Erleichterung. Es ist, als ob wir Figuren in einem Traum sind. Wir bleiben die ganze Nacht wach. Wir sitzen auf dem Balkon, trinken Tee und unterhalten uns. Wir schauen uns alte Fotos an. Alle sind sehr offen. Es ist berührend. Der Krieg hat meine Eltern verändert. Sie sind komischerweise entspannter. Und flexibler. Sie erzählen mir, dass sie gelernt haben die Momente zu genießen. Dass dieser Moment, in dem wir jetzt gerade leben, alles ist, was wir haben.

Wir sprechen nur ein einziges Mal wirklich über den Krieg. Den Rest der Zeit reden wir über UNS. Und erzählen uns unsere Geschichten. Wir wünschen uns, dass diese Zeit nie endet. Ich versuche, so viel wie möglich mit und von meinen Eltern zu erleben. Wer weiß, wann wir uns wiedersehen

05.07.2017

Es ist der letzte Tag. Alles fühlt sich schwer und seltsam an. Tränen tropfen in den Morgenkaffee. Es ist schwer, einen ganzen Satz zu sprechen, ohne dass er von Tränen unterbrochen wird. In wenigen Stunden fahren meine Eltern zurück nach Damaskus. Sie werden wieder an der Grenze anhalten müssen, dort wo sie vor zwei Wochen tausend Dollar pro Person in Cash vorzeigen mussten, um überhaupt in den Libanon einreisen zu dürfen. Jetzt fahren sie in die andere Richtung. Zurück zu den Bomben und der Angst. Zurück zum Stromausfall. Zurück zu einem beschwerlichen Leben, in dem man zum Beispiel in der Sommerhitze überall hin zu Fuß gehen muss, zur Arbeit und zurück, weil die Busse nicht mehr fahren und wenn sie es tun, dann völlig unregelmäßig und willkürlich. Es fällt mir schwer, Auf Wiedersehen zu sagen. Das Taxi ist schon da. Die Koffer stehen unten. Wir müssen uns jetzt verabschieden. Ich versuche bis zum Ende stark zu bleiben. Und lustig. Es ist die schwerste halbe Stunde meines Lebens. Dann sind sie weg. Ich bin allein in der großen Wohnung. Ich setze mich auf einen Stuhl.

Ich schaue mir die Fotos an, die wir in diesen zwei Wochen gemacht haben. Es gibt eins, auf dem meine Mutter zur Jungfrau Maria betet. Das war auf einem Ausflug zu einem Kloster nahe der syrischen Grenze. Eine Freundin von mir wollte dorthin. Auf dem Weg begegneten uns Autos mit syrischen Nummernschildern. Ich konnte die syrischen Berge sehen. Der Wind, den wir auf der Haut spürten, kam aus Syrien. Die Natur sah aus wie in Syrien. Ich glaube, meine Seele war kurz in Syrien.

Hier gibt es ab die längere Version von "Hier und Jetzt", sowie hier einen weiteren Text von Rania Mlehi. Außerdem findet ihr hier im Interkulturellen Magazin puzzle weitere Beiträge zum Thema "Heimat".

Unser monatlicher monothematischer Mittwoch lief gestern (03.04) unter "Messages of Refugees - wie lange bleibt ein Flüchtling ein Flüchtling?". Die Sendung als Podcast könnt ihr oben nachhören.


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