Bayern 2 - Zündfunk


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Dr. Dr. Rainer Erlinger im Interview Nach „Leaving Neverland“: Soll man Michael Jackson aus dem Programm nehmen?

Nachdem erneut Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson laut werden, kündigen erste Radiosender an, auf dessen Songs zu verzichten. Darf man Michael Jackson noch im Radio spielen? Wir haben die Frage an die moralische Instanz Dr. Dr. Rainer Erlinger weitergegeben.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 05.03.2019

In der zweiteiligen HBO-Doku "Leaving Neverland" erheben zwei Männer schwere Vorwürfe gegen Michael Jackson, im Kindes- und Teenageralter von dem Sänger missbraucht worden zu sein. Neu sind Missbrauchswürfe nicht. Nur nach der Ausstrahlung reagieren nun erste Radiostationen und nehmen Michael-Jackson-Songs aus dem Programm. Auch der BR diskutiert, ob man seine Musik noch spielen kann. Wir haben die Frage an Dr. Dr. Rainer Erlinger weitergegeben, der über 15 Jahre für das SZ Magazin in seiner Kolumne "Die Gewissensfrage" einen moralischen Kompass gegeben hat.

Zündfunk: BBC 2 hat angekündigt, künftig auf Songs von Michael Jackson zu verzichten. Ist es im Zuge der Debatte um den Missbrauch gerechtfertigt, die Musik nicht mehr zu spielen?

Dr. Dr. Rainer Erlinger: Also die BBC hat sich dazu geäußert, dass sie Michael Jackson jetzt nicht pauschal per Dekret vom Spielplan genommen hätten, sondern dass sie für jedes einzelne Musikstück unter Abwägung verschiedener Aspekte, auch der Hörer und des Musikstücks selbst, sich entscheiden, ob sie es spielen oder nicht. Und das spielt eben genau da alles mit hinein, weil sozusagen dieses Musikstück ist jetzt unter der momentanen gesellschaftlichen Situation ein anderes, mit einem anderen Rahmen. Der Rahmen ist so anders, dass man zu einer Neubewertung dessen kommt, ob man das jetzt spielen möchte oder nicht.

Die Sender oder auch große Firmen bekommen Angst und spielen deswegen Künstler nicht mehr oder schneiden beispielsweise Kevin Spacey aus ihren Filmen raus, weil sie natürlich diese Ächtung fürchten – und natürlich finanzielle Verluste am Ende.

Das ist vollkommen richtig zu sagen: Moment, wir können uns jetzt nicht darauf berufen, das ist ein Künstler, das hat er als Privatperson gemacht, das hat gar nichts zu tun mit dem Kunstwerk und wir können ihn weiterhin fördern, senden und Gewinn damit machen und so weiter. Das wäre falsch, weil man sich damit auch auseinandersetzen muss. Wenn es jetzt allerdings noch um die Frage der Wirtschaftlichkeit geht, dann wird es sehr schwierig, weil man ja dann plötzlich auch dazu käme, das zum Beispiel die wirtschaftlich starken Menschen, die mehr Umsatz machen, mehr Konsum machen und so weiter, plötzlich bestimmen könnten, was zulässig ist und was nicht auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite ist da der Mensch, der dieser Frage der Wirtschaftlichkeit untergeordnet wird. Ich finde, es hat wirklich zwei Seiten.

Die Unschuldsvermutung spielt in dem Zusammenhang dann auch keine Rolle mehr? R. Kelly ist nach wie vor nicht verurteilt. Jetzt gibt es bedrückende Äußerungen von ehemaligen Opfern und die Frage ist natürlich: Ist dann gerechtfertigt, wenn ganze Facebook-Gruppen sagen: Geht nicht auf die Konzerte, unterstützt ihn nicht?

Die Unschuldsvermutung, die natürlich sehr hoch zu schätzen ist, hat aber auch ein Problem, die wird als so absolut angesehen und das ist sie auch vollkommen zurecht im Strafrecht. Solange die Schuld eines Täters nicht erwiesen ist, muss man vom Staat, der dieses Strafrecht ausübt, diese Unschuldsvermutung gelten lassen. Die gilt aber nicht überall, zum Beispiel im Bereich der Gefahren-Abwehr. Da kann man nicht sagen, so lange nicht zweifelsfrei nachgewiesen ist, dass jemand ein gefährlicher Täter ist und zum Beispiel einen Anschlag plant, dann darf man ihn nicht behelligen. Nein, da sagt man im Gefahrenrecht, da muss man auch eingreifen können. Vor allem, wenn wirklich schon Anhaltspunkte da sind, dass eine Gefährdung besteht. Und ich glaube, solange muss man – so komisch es auch klingt – auch bei der Frage der Kunst das dort mit hineinspielen lassen. Weil eben die Kunst auch davon abhängt, wie ich die Kunst aufnehme, wie ich das sehe, wie ich das höre und wie ich das fühle. Kunst hat ja auch tatsächlich mit Gefühl zu tun und das kann schon in einem früheren Stadium, wenn jemand diesen starken Verdacht hat oder unter Verdacht steht, dass er oder sie ein Verbrechen begangen hat, das Kunstwerk verändern.

Was ist denn, wenn sich Gruppen zusammenschließen, wenn gegen den Künstler mobil gemacht wird. Ist das eigentlich zulässig?

Das ist natürlich auch wieder eine zweischneidige Sache, weil natürlich auf der einen Seite die Äußerungsmöglichkeit, sich gesellschaftlich oder gesellschaftspolitisch zu engagieren ein hohes Gut ist und das möglich sein muss, das wollen wir nicht. Auf der anderen Seite ist das Ächtung. Wir lachen da so ein bisschen drüber, aber: Das war früher die schlimmste Strafe. Der Geächtete wurde aus der Gesellschaft ausgeschlossen und das war in früheren Gesellschaften gleich einem Todesurteil, der war ja dann auch vollkommen frei. Da konnte mit dem jeder machen, was er wollte. Das war diese so genannte Vogelfreiheit. Man konnte den abschießen und deswegen ist dieses Ächten schon eine extrem harte Strafe, die auch einer wirtschaftlichen Zerstörung und auch einer gesellschaftlichen und damit privaten Zerstörung nahekommen kann.

Meine letzte Frage, ist es denn tatsächlich so, dass wir heute viel empfindlicher sind?

Da geht’s in zwei Richtungen. Das eine ist, dass es heute tatsächlich mehr Öffentlichkeit gibt und dass viele Dinge, die früher vielleicht gar nicht veröffentlicht worden sind oder bekannt geworden wären, jetzt bekannt werden. Das ist etwas Schönes. Transparenz ist etwas Gutes. Und diese Demokratisierung der Medien ist auch etwas Positives. Auf der anderen Seite kommt es zu dem, was Sie auch beschreiben, nämlich diesem Überschwang. Wir kennen das ja, dass das Ganze dann hochkocht. Wir kennen ja auch, das Entgleiten, meistens jeglicher Umgangsformen in den Kommentaren bei den sozialen Medien, weil es einfach darum geht, dass es einfach lauter ist, das ist brutaler und da ist auch eine Lust die man manchmal bemerkt an der Empörung und auch ein Art Vernichtungswelle kommt der fast schon durch und das ist wieder so etwas Bilderstürmerisches. Und auch ein Entthronen, der Eliten, die Künstler. Das ist diese Kehrseite davon und das ist natürlich Aufgabe der, sagen wir mal, der klassischen Medien, die da ja oft auch aufspringen, auch zu sagen wir schließen uns dem an oder wir schließen uns dem nicht an. Das ist auch Teil einer redaktionellen Aufgabe und Verantwortung, aber auf jeden Fall ist das heute wesentlich mehr, weil das ganze stärker hochkocht, mit positiven und mit negativen Seiten.


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